11.06.2016 0 Kommentare

Ästhetik der vituosen Tonkunst

Weltklassepianist Lukas Vondráček bot am 4. Juni im Rahmen der Waidhofner Klangraum-Reihe im Kristallsaal ein beeindruckendes Solokonzert.

Klangraum Bˆsendorfer

Es gab einmal einen Programmtypus, der das Konzert als Menü verstand. Nach  Hors d`oevres beziehungsweise Suppe genoss man das Hauptgericht, gefolgt von diversen Salaten und Omelette flambée. Musikalisch meine ich das „Einhörstück“, das dem Publikum die Gelegenheit gibt, sich, aus den Mühen des Alltags kommend, allmählich in einer „besseren Welt“ zurechtzufinden. Schön gepasst haben als Einstimmung Bach Präludien. Ein gutes Programm lebt von Kontrasten, in denen Unruhe und Entspanntheit, Profanes und Erhabenes, Schmerz – und Humorvolles in großen psychologischen Zusammenhängen aufgefangen werden. Deshalb war der Soloabend so fesselnd, weil Extreme unvermittelt aufeinanderprallten. Das kann nur ein Spieler, der es gelernt hat, sich blitzschnell zu verwandeln und von einem Stil zum anderen zu springen. Nachdem Lukáš Vondráček schon öfter in Waidhofen gastierte, musste er sich überlegen, welche Stücke er bereits gespielt hatte. Wiederholen soll er sich nicht. Soll er Überraschendes bieten oder konventionell bleiben?

Lukas Vondracek1

Mit zwei Bach-Präludien, einer Mozart-Sonate und einer Liszt-Etüde kam er zwar nicht in Gestalt des Knüllerinterpreten – da wären die berühmtesten Werke gerade gut genug  – , aber mit Kompositionen von Josef Suk und Vítězslav Novák oder „Vier Tschechische Tänze für Klavier“ von Bedrich Smetana bot er schon ein Raritätenprogramm mit vielleicht unbekannten oder fast unbekannten Werken, die er für uns an diesem schönen Abend in der ausgezeichneten Resonanz des modernen Kristallsaal gleichsam „wachgeküsst“ hat. Lukáš Vondráček ist ein Künstler mit Qualitätssinn, einer, der sich dem kommerziellen Druck nicht beugt und kompromisslos seinen eigenen Überzeugungen folgt. Das bringt ihm zusätzlich zu seinem Riesentalent  Respekt entgegen und die vielen Preise, die er bereits eingeheimst hat; zuletzt den ersten Preis der Queen Elizabeth Competition, mit dem ihn die belgische Königin Mathilde geehrt hat – weltweit einer der wichtigsten Musikpreise. Die Klavierdarbietung im Rothschildschloss war ein Höhepunkt auf der märchenhaften Reise durch die Welt des Waidhofner Klangraums. Da wundert sich der Laie und staunt der Fachmann, allen voran Festivalleiter Thomas Bieber. Respekt und viel Sympathien für den Tastenakteur am Bösendorfer.

Für alle Klavierfreunde, die das Konzert nicht miterlebt oder die Aufzeichnung im Kultursender Ö1 vom 5. Juni verpasst haben, können das im Internet noch bis 14. Juni nachholen. Außerdem gibt es eine CD vom ORF mit Aufnahmen aus dem Kristallsaal 2012/13: Im gläsernen Schloss | Lukás Vondráček | Klavier

text & fotos | robert voglhuber

Rubrik:: Kultur

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