17.03.2016 0 Kommentare

Von Chagall bis Malewitsch: Eine aktuelle Ausstellung in der Albertina zeigt Russische Avantgarden.

Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Von einer der turbulentesten Phasen in der Kunstgeschichte erzählt eine faszinierende Ausstellung in der Albertina.

von fritz haselsteiner

Marc Chagall: Der Geigenspieler, 1912 Foto: bildrecht, wien | 2016

Marc Chagall: Der Geigenspieler, 1912
Foto: bildrecht, wien | 2016

Nein, es ist kein Schreibfehler – es geht um Avantgarden in der Mehrzahl, denn kaum zu einer anderen Zeit hat es in der Kunst beinahe gleichzeitig so viele verschiedene, völlig gegensätzliche Stilrichtungen gegeben wie in den Jahren von 1910 bis 1925 in Russland. Das ist wesentlich der rasanten politischen Entwicklung zuzuschreiben, von der Zarenherrschaft über die bolschewistische Revolution 1917 bis zur Diktatur Stalins ab 1924. Die Künstler (unter ihnen erstaunlich viele Frauen) orientierten sich damals einerseits an der westeuropäischen Moderne, etwa am Kubismus, andererseits standen sie in der Tradition der volkstümlichen osteuropäischen Kunst. Allen gemeinsam war jedoch der Wunsch, sich von der Vergangenheit zu lösen. 1917 begrüßten sie als „romantische Utopisten“ (Vladimir Gusev, Direktor des Staatlichen Russischen Museums St.Petersburg) begeistert die Revolution, stellten sich in ihren Dienst und dachten, die neue Kunst würde vom kommunistischen Regime akzeptiert.

Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Und da es kaum private Sammler oder Galerien, sondern nur den Staat als Käufer gab, wurde mangels Aufträgen aus dem Nebeneinander der Künstler ein Gegeneinander, ein beinharter Konkurrenzkampf, der manche, wie Marc Chagall oder Wassily Kandinsky, in die Emigration trieb. Geradezu lebensgefährlich wurde es nach der Machtergreifung Stalins, als nur noch Werke im sogenannten Sozialistischen Realismus zugelassen waren. Das letzte Bild der Ausstellung spricht Bände. Es zeigt Arbeiter an einem Tisch rund um einen Lautsprecher: „Man lauscht der Rede Stalins“ (Wladimir Malagis).

Eine Vielzahl von Ismen

Rayonismus, Kubofuturismus, Suprematismus, Konstruktivismus, Supronaturalismus – der Besucher sollte sich von den vielen Ismen nicht verwirren, sondern eher die einzelnen Bilder auf sich wirken lassen. In elf Abschnitten werden 140 Arbeiten gezeigt, fast ausschließlich Malerei, obwohl die russischen Avantgarden multimedial (Plakate, Fotografie,…) ausgerichtet waren. 90 Gemälde kommen vom wichtigsten Kooperationspartner, dem Staatlichen Russischen Museum in St.Petersburg, das Amsterdamer Stedelijk Museum steuert zwei Chagall-Gemälde bei.

Kandinsky, Wassily (1866-1944): On White, 1920. St. Petersburg, Russian State Museum*** Permission for usage must be provided in writing from Scala. May have restrictions - please contact Scala for details. ***

Wassila Kandinsky: Auf Weiß l, 19020 Foto: Staatliches Russisches Museum

Rundgang durch die Ausstellung

Der erste Raum sorgt – kurzzeitig – für Verwirrung, veranschaulicht aber die Stilvielfalt der russischen Avantgardemalerei. Nebeneinander gehängt sind je zwei stilistisch völlig unterschiedliche Bilder von vier Künstlern. Man kann kaum glauben, dass sie von demselben Künstler stammen, noch dazu sind sie im Abstand von wenigen Jahren entstanden.

Vorbei an zwei Büsten des letzten Zarenpaares und einer Porphyrstatue Lenins erreicht man einen der absoluten Höhepunkte, den Chagall-Raum mit vier protosurrealistischen Werken: „Der Spaziergang“, „Der Geigenspieler“ (Foto), „Selbstporträt“ und „Der Jude in Rot“. An Kasimir Malewitsch wird der Übergang von kubistischen Formen, wo Lebewesen und Gegenstände noch deutlich erkennbar sind („Aviator“, Foto), zur absoluten Gegenstandslosigkeit, wie den Quadraten in Schwarz und Rot, sichtbar. Wassily Kandinsky wiederum hat stufenweise den Weg von der Realität zur Abstraktion beschritten („Auf Weiß I“, Foto).

Illustriert wird der Gang durch die russische (Kunst-)Geschichte durch drei kurze Filme: 1905 – 1917 Vor der Revolution; 1917 – 1924 Rotes Utopia, Roter Terror; ab 1924 Stalins Aufstieg zur Macht.

 

ausstellung | bis 26.6.2016,
tgl. 10–18h, Mi 10–21h
Albertina (Kahn Galleries)
Albertinaplatz 1, 1010 Wien
01 53483-0, www.albertina.at

Rubrik:: Kultur

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