18.11.2015 0 Kommentare

Boulevardstück auf der Waidhofner Volksbühne: Das (perfekte) Desaster Dinner.

Bei der Premiere von Niavaranis Boulevardstück „Das (perfekte) Desaster Dinner“ hat die Waidhofner Volksbühne alle Register gezogen, die für eine starke Wirkung auf ein lachfreudiges Publikum eingesetzt werden können.

Gehörnt: Jaqueline mit Ehemann und Nebenbeiliebe Robert

Gehörnt: Jaqueline mit Ehemann und Nebenbeiliebe Robert

Der Theatermann, Komödiant und Profischauspieler Heinz Marecek – er war neulich in Waidhofen bei einer Lesung zu Gast – betitelte eines seiner Bücher mit „Ich komme aus dem Lachen nicht heraus“. So könnte man auch das Fazit über die Boulevardkomödie „Das (perfekte) Desaster Dinner“ nach einer Bearbeitung von Michael Niavarani und einer Regieanpassung von Uschi Nocchieri und Marika Hauser für die Waidhofner Volksbühne beschreiben. Echt Spaß am laufenden Band! Wenn Heinz Marecek in seinem Erinnerungsbuch über seine Theatervergangenheit meint, dass kein vernünftiger Mensch in die Premiere einer Komödie gehen sollte, sondern erst in die vierzigste oder fünfzigste Vorstellung, denn dann nämlich sehe man ein anderes Stück – ein besseres!, mag er wohl recht haben, nicht aber im Falle der Volksbühne, denn was das Ensemble am Premierenabend bot, war sicher nicht mehr zu übertreffen, und das in jeder Hinsicht. Die musikalische Intro „Love And Marriage“ go together like a horse and carriage von Frank Sinatra lässt schon von Anfang an erahnen, was in dem Beziehungsstück auf das Publikum zukommt. Sinatra wäre heuer im Dezember 100 Jahre alt. Der einleitende Song neben 65 Jahre Volksbühne könnte auch zum Jubiläumsjahr „oft the voice“ begriffen werden.

Rollenchamäleon Barbara Luege in der Rolle der Susi

Rollenchamäleon Barbara Luege in der Rolle der Susi

Präsentiert wird „kulinarisches Theater“, was nicht allein dem Titel zu entnehmen ist. Gemeint ist bekömmlich, unterhaltsam. Mit dem Stück gehen wir hinein in eine Munitionskammer, die deutsche Sprache, und entdecken Wörter, die wie Atombomben einschlagen im Lügengebäude. Da bin ich lieber unglücklich als auf die falsche verlogene Art glücklich. Ludwig Hauser figuriert in der Hauptrolle als Stefan neben Alexandra Wagner als dessen Ehefrau Jacqueline. Wenn sie glaubte, er ist der Einzige, der sie mit allen Freuden auf Erden versorgen würde, so muss sie erkennen, dass er für all ihre Träume die ideale Fehlbesetzung war. Er, zwar immer Gentleman, dann doch Etikettenschwindel. Ein ungleiches Paar, zumindest optisch. Der quirlige Kugelblitz Ludwig Hauser als Ehemann muss ständig auf Jacquelines Anspielungen auf dessen vom Wohlstand deformierten Körper gefasst sein. Optisch liegt zwischen dem, was er ist, und dem, was sie ist, die Unendlichkeit. Wie süß nur, dass sie so durchgeknallt sind. Beide lügen bei jedem Atemzug, ja, lassen sich die aberirrwitzigsten Legenden einfallen. Man ist an eine Notiz von Jean-Paul Sartre erinnert, der die Absurdität der Monogamie mit „die notwendigen Lieben und die Nebenbeilieben“ festhielt. Beide irgendwie verstrickt in faunische Liebeleien, die sie ohne Herzwunden, ohne am Saum des Wahnsinns entlangzuhetzen, genießen wollen. Jacquelines „Nebenbeiliebe“ mit Stefans bestem Freund Robert und Stefans Affaire mit dem Model Susanna müssen so vertuscht werden, dass Leib und Seele unbeschadet bleiben. Das Stück entführt uns in die Schwerelosigkeit des Amüsements. Kugelblitz Ludwig Hauser gehört zu denjenigen, die hinfallen – und wieder aufstehen. Liegenbleiben geht nicht. Er ist resilient.

Alexandra Wagner als Jaqueline strahlt in blau

Alexandra Wagner als Jaqueline strahlt in blau

Beim Lossprudeln komödiantischer Einfälle kann man sich köstlich unterhalten. Alexandra Wagner, gepflegt, schlank, elegant, eine Frau mit Maßen und sprühenden Lebensgeistern, ein Alpha-Weib, das in der verrückten Komödie in alle Himmelsrichtungen strahlt. Mit der Moralkeule ist sie des Teufels Spielball. Dabei aber durfte das Komödientalent Otmar Pils ihren diabolisch-sündigen Leib in den Stürmen der Inbrunst anbeten. Bei ihm stach sie in See und zu Hause wartete der sichere Hafen, schien sie zu glauben, bis der Dinner-Abend zum heillosen Durcheinander wird und die Catering-Köchin Susi auftaucht, gespielt von Barbara Lueger. Markerschütternd und gegen Entgelt wandelbar im Rolleninventar schneidet sie Grimassen und quasselt im Graffiti-Jargon. Wie meinte einmal Charles Bukowski? „Manche Weiber schickt der Teufel.“ Barbara Lueger – eine Küchen-Kassandra im Biker-Dress, sehnig und unsexy wie Schwermetall. Nicht in natura, in ihren Rollen! Wie süß, dass sie so durchgeknallt sind! Das Komplott ist komplett, wenn im Verwirrspiel Karin Komatz als Model Susanna auftaucht. Für sie ist alles nur Recherche, denn sie trainiert fürs Model- und Schauspielcasting. Schließlich noch der Schorschi, der Mann der Köchin. Friedrich Rechberger verkörpert das Paradebeispiel eines aggressiven Hardcore-Prolos. Er macht es so gut, als wäre er einer, an dem die Insignien einer Karriere in diesem Fach nicht zu übersehen sind. Das Desaster-Dinner ist für die Belegschaft auf der Bühne zum Speiben. Für das Publikum ist es das Gegenteil, nämlich kulinarisches Theater.

termine | 19./ 20./ 21./ 25./ 27./ 28.11.

kartentickets@wy-volksbuehne.at, 0676 3606522

von Robert Voglhuber

Rubrik:: Kultur

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