13.11.2014 0 Kommentare

Chris Jagger: Der britische Musiker und jüngere Bruder von Mick Jagger im Interview.

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Für Chris Jagger ist Perfektion langweilig. Darum macht er vieles anders als sein Bruder Mick. Fotos: Julia Büringer

Chris Jagger. Der britische Musiker und jüngere Bruder des rollenden Steins war im September mit seinem Trio zu Gast in Amstetten und präsentierte einen Mix aus Country, Bluegrass, Blues, Bluesrock, Cajun und Zydeco. Das momag traf ihn im Hofcafé, wo bei Kaffee, Kuchen und Bonbons geplaudert wurde.

Du hast eine ganze Packung Zuckerl dabei. Verpflegung vor einem Auftritt?

Nein. Komm, versuch ein Bonbon. Die sind zuckerfrei, aber süß. Ich erzähl‘ dir eine Geschichte. Du weißt, heutzutage sollte man Kindern, die man nicht kennt, keine Süßigkeiten anbieten. Aber man darf Süßigkeiten von Kindern annehmen. Ich spielte auf einem Festival in Nordengland, dort waren ein Haufen Kinder, die vor der Bühne auf und ab rannten. Irgendwann während der Show kamen sie an den Bühnenrand und ich konnte sehen, dass sie Süßigkeiten hatten. Ich fragte, was sie da haben und sie warfen mir Bonbons auf die Bühne. (lacht)

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Petra Ortner traf Chris Jagger in Amstetten, wo er einen Mix aus Country, Blues und Cajun präsentierte.

Wir trafen uns schon mal in Wien vor einigen Jahren, da habe ich mitbekommen, dass du auch Deutsch sprichst.

Gar nicht. (lacht) Nun gut, ein bisschen.

Mit deinem Trio spielst du Country, Blues, Folk und so weiter. Woher kommt die Liebe für diese Musikrichtungen?

In den 1960ern war Folk-Music richtig groß. Damals gab es viele Gruppen, die ihren politischen Standpunkt hatten, eine Stimme, eine Meinung. Es gab in den USA eine starke Bürgerrechtsbewegung und so war Folk-Musik wirklich wichtig, um die Botschaften zu transportieren. Zu Beginn waren dabei kaum Liebeslieder, sondern politische Lieder, Songs über das Leben. Die Melodien der Folk-Musik sind alt. Manche kommen aus England, Schottland oder Deutschland, wurden nach Amerika gebracht, dort hat man sie etwas verändert und verbreitet. Musik, die du zu Hause mit einer Gitarre, einem Banjo, Mandoline, Violine oder ähnlichem spielen kannst. Ich mochte es schon immer, wenn Leute zusammenkommen und Musik zur Unterhaltung machen. Blues ist auch relativ alt und auch eine Art von Folk-Musik. Da gab es diese Platte – „I‘m a Man“ – von Muddy Waters, die hatte mein Bruder. Ich war damals zwölf oder dreizehn. Da singt er „Ich bin ein Mann“. Ja, offensichtlich ist er ein Mann. (lacht) Mein Bruder erklärte mir, worum es in dem Song wirklich geht. Denn im Süden der USA sagte man zu schwarzen Männern immer „Hey boy.“ Schwarze wurden immer „Bub“ genannt. Darum schrieb Muddy diesen Song. Um klarzustellen, dass er ein Mann und nicht nur ein kleiner Junge ist. Ein starker Song. Sehr politisch, sehr mächtig. Nicht wie die heutige Popmusik, wo man singt „Oh, lass und heute ausgehen und einen Film ansehen. Ich will dich festhalten. Oh meine kleine Betty Sue.“ Und du denkst dir: „Oh mein Gott“.

Hast du viele politische Songs in deinem Repertoire?

Ja, etliche. Ich war in den 1990ern auch einige Zeit Journalist für eine Zeitung und reiste nach Tibet, um darüber eine Story zu schreiben. Darüber entstand auch ein Song mit einer politischen Message. Du siehst in Tibet Berge, Chinesische Soldaten, vieles. Aber was du dort nicht sehen wirst, ist der Dalai Lama. Darüber habe ich geschrieben.

Sind dir kleinere Konzerte lieber als Auftritte in Hallen?

Ich spiele in vielen kleinen Lokalen, aber auch größere Konzerte. Letzten Sommer habe ich in Polen solo vor 7.000 Leuten gespielt. Ich spiele überall gerne. Die Leute mögen aber die kleinen Konzerte offenbar lieber, da sie dich nachher treffen und mit dir reden können und sie kaufen sich eine CD und lassen sie dann signieren oder machen ein Foto mit dir. Für größere Auftritte brauchst du eine größere Band, mehr Leute, mehr Equipment, eine Plattenfirma, einen Manager und so weiter. Das alles habe ich ja gar nicht. Da ich alles alleine mache, ist es nicht so einfach.

Siehst du hin und wieder deinen Bruder Mick? Macht ihr manchmal gemeinsam Musik?

Jetzt hast du aber lange mit dieser Frage gewartet. (lacht) Ich lebe auf dem Land. Wenn ich in London wohnen würde, würde ich ihn möglicherweise öfter sehen. Jeder von uns ist sehr beschäftigt. Ich habe eine große Familie, er hat eine große Familie. Da wird es schwer, sich immer wieder einmal zu sehen. Er singt bei zwei Songs auf meinem letzten Album. Ich versuche schon immer wieder, ihn dazu zu bringen, mit mir Sachen zu machen und er tut es auch gerne. Aber die Art von Musik, die ich mache, ist nicht das, was er macht. Er kann meine Musik auch machen, aber er muss bei dem bleiben, was die Rolling Stones machen. Er ist da irgendwie darin gefangen. Wenn er eine Show spielt, kann ich dir genau sagen, welche Songs er spielen wird. Wenn ich auftrete, weiß ich nicht genau, welche Songs an dem Abend gespielt werden. Ich habe schon mal überlegt, wie viele Songs ich geschrieben habe und da komme ich auf über einhundert Lieder. Er hat möglicherweise zweihundert Songs, aber ich kann dir sagen, welche seiner Songs er bei einem Auftritt spielen wird. „Jumping Jack Flash“, „I can’t get no satisfaction“, „Gimme Shelter“ und so weiter. Vielleicht kann er dazwischen auch einmal einen Song spielen, den er an dem Abend gerne spielen möchte, aber das war’s. Wenn er ein neues Album rausbringt, dann werden diese neuen Titel gar nicht live gespielt, weil das Publikum diese Songs einfach nicht hören will. Er muss also all die Hits immer und immer wieder spielen. Wenn er in kleinen Clubs spielen wollen würde, Countrymusik oder ähnliches, das würde niemanden interessieren. Oder wenn er Swing Jazz spielen wollen würde. Er könnte es tun, aber seine Fans würden sagen: „Was soll das?“ Ich kann spielen was ich will. Die Leute wissen, dass ich viele unterschiedliche Dinge mache. Die Stones haben sich eigentlich nie wirklich weiterentwickelt. Sie haben einen Stil und Punkt.

Das muss ziemlich langweilig sein, immer dasselbe spielen zu müssen.

Ja, ist es. Es ist auch ein Test, wie gut jemand ist, eine große Herausforderung. Aber sie spielen immer noch alles live. Wenn du zum Beispiel Madonna ansiehst, da wird jeder Song eingezählt, alles ist programmiert. Und wenn eine Maschine vorgibt, was wann gespielt wird, ist es wirklich jede Nacht das Gleiche. Die Leute wollen aber keine Perfektion, das ist langweilig. Wenn du alle Fehler entfernst, ist das, was du machst vielleicht perfekt, aber auch sehr langweilig.

interview | petra ortner
web | www.chrisjaggeronline.com

Rubrik:: Kultur

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