07.02.2018 0 Kommentare

Den Blick wieder aufbrechen

Sie glänzt mit souveräner Bühnenpräsenz, mit Sprachwitz, bösen Reimen, pointierter Provokation und schlitzohriger Boshaftigkeit. Für ihr Kabarett-Debüt „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“ wurde die sie mit dem Förderpreis zum Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet.

interview: petra ortner

»Eine Zeitlang dachte ich, es wären sehr viele junge Mädchen und ältere Herren, die mein Publikum sind. Die bilden in den Pausen ganz seltsame Pärchen.«
Foto: Georg Rieger

Du bist nach Paris gegangen, um Germanistik und Slawistik zu studieren. Wieso Paris?

Das war mir selbst nicht ganz klar. Es gab die Optionen Russland und Frankreich und aufgrund meiner großen Kälteempfindlichkeit ist es Paris geworden. Das ist aber auch schon die einzige Erklärung, die es dafür gibt. Natürlich hatte ich auch einen gewissen Fetisch für diese Stadt. Aber es gab keinen rationalen Grund.

Wann hast du gemerkt, dass es dich auf die Bühne zieht?

Ich wollte schon immer ein Publikum, habe aber nie gewusst „Was ist die Kunst?“ Ich wollte immer, dass die Leute kommen und mir sagen was ich tun soll, also welche Kunst jetzt die meine ist. Deswegen hat es dementsprechend lang gedauert, weil ich natürlich zu faul war, irgendetwas in die Leere zu produzieren, wenn das dann keine Abnehmer findet. So hat sich das erst sehr spät herauskristallisiert.

Was hat dich an Poetry Slams besonders gereizt?

Gar nichts. Es war einfach eine Bühne, wo jeder auftreten konnte. Das war eine Tür, wo ich wusste: „Da kann mich niemand aufhalten.“ Also den ersten Schritt kann ich auf jeden Fall machen. Wenn sie mich dann wieder von der Bühne drängen, gut. Dann soll es nicht sein. Aber einfach die Tatsache, dass es da möglich war, einem Publikum gegenüberzustehen, war schon was. Ich habe das Publikum zwar nicht selbst generiert, aber es ist das, was einem dort dann zur Verfügung steht.
Kabarett hat sich ebenfalls völlig willkürlich und spontan ergeben. Ich war nie Kabarett-Fan oder irgendwie davon so überaus begeistert, als es der Österreicher an sich wahrscheinlich latent ist (lacht). Das kam zufällig durch einen Agenten und dann hab’ ich das gemacht. Ich werde auch weiterhin jede Bühne nehmen, die sie mir anbieten, wenn ich sie irgendwie bespielen kann. Das Herzblut ist wirklich auf der Bühne, aber es gibt da kein bestimmtes Genre.

Wie steht’s mit Schauspiel?

Das, so haben sie mir gesagt, ist nicht meins und ich stimme ihnen vollends zu, den Schauspielschulen. Das ist wirklich eine Katastrophe. Das kann ich einfach nicht. Es müsste etwas sein, wo ich mich selber spiele. Solang das funktioniert, bin ich froh. Wenn das gar nicht mehr geht, dann muss ich halt lernen, andere zu inkarnieren.

Wie lange hast du an deinem ersten Programm gearbeitet?

Ich wurde aus dem Poetry Slam rausgeholt und dann hieß es: „Lisa, in einem Monat spielst du dein Solo.“ (lacht) Das war ein bisschen hektisch, wenn ich das so sagen darf. Ich bin auch schon froh, wenn das vorbei ist. Weil es sich immer wieder verändert hat, ohne wirklich ein neues Programm zu werden. Es ist so ein Bastard, der in Hektik geschrieben wurde und dann auch nur Bruchstückweise verändert werden konnte. Da war kein homogener, organischer Arbeitsprozess wie beim neuen Programm. Dieses ist fertig und wartet sehr sehnsüchtig darauf, aufgeführt zu werden. Mehr möchte ich noch nicht dazu sagen.

Was sind deine besonderen Anliegen in deinen Programmen?

In meinem jetzigen Programm ist es das, die Menschen nicht allzu sehr mit vertrauten Dingen zu belästigen. Würd’ ich sagen. Aber wahrscheinlich eher, es ihnen gemütlich zu machen. Mit Ansichten von Themen, die ihnen sowieso geläufig sind. Was der konstante Blickwinkel ist. Sowas finden die Leute natürlich lustig. Je bekannter etwas ist, desto lustiger ist es. Ich würde immer gern – das gelingt natürlich nicht immer, denn man kann nicht tausend neue Blickwinkel finden – irgendeinen neuen Zugang zu einem Thema haben und die Leute damit verstören. Weil das einfach den Blick wieder aufbricht.

Muss Kabarett immer lustig sein, oder soll es auch nachdenklich stimmen?

Es muss nicht immer lustig sein in dem Sinne, dass die Menschen ständig lachen müssen. Ich finde schon, dass es lustig sein sollte, aber – das ist vielleicht ein Abwehrmechanismus von mir, dass ich es mir so erkläre – es ist für mich nicht gleichbedeutend damit, dass die Leute auch lachen. Aber der Impetus sollte schon da sein, glaube ich, wenn man ein Programm schreibt, dass Humor irgendwie stattfindet. Wenn das dann nicht mit dem Publikum koinzidiert, ist es völlig ok, aber wenn man sich von vornherein denkt: „Ich mach’ jetzt nachdenkliches Kabarett ohne Pointe“, nein! (lacht) Da sehe ich nicht den Mehrwert dessen. Das ist dann Theater.

Wie schwer ist es, sich als Frau im Kabarett zu behaupten?

Es ist mir noch nie etwas unangenehm aufgefallen – im Kabarett, ansonsten schon. (lacht) Klar ist es einerseits immer ein bisschen schwieriger, andererseits hat man ein bisschen diesen Narren-Bonus. Der irgendwie etwas Entwürdigendes hat, aber es ist trotzdem ein Bonus. Dass zum Beispiel bei einer Mixed-Show immer mindestens eine Frau dabei sein muss. Wenn man die Quote erfüllt, kann man nicht leugnen, dass man deswegen eingeladen wurde. Aber man spielt dann effektiv. Es hat Vor- und Nachteile, die sich dann eigentlich wieder ausgehen für mich.

Worüber kannst du dich so richtig aufregen?

Mich regt nichts auf. Ich lebe aber auch wie ein Pensionist. Also ich habe einen derartig langsamen Lebensstil! So ein Abend auf der Bühne ist das hektischste, das es für mich gibt. Ansonsten regt mich tatsächlich nichts auf.

Hast du Vorbilder?

Nein, nicht wirklich. Vor allem nicht im Kabarett, weil ich als Kind damit nicht groß geworden bin. Ich versuche auch, mich von jeglichen Kollegen abzuschotten. Ich habe noch nie ein ganzes Kabarettprogramm gesehen und ich möchte es auch weiterhin so halten (lacht). Weil entweder bin ich dann voller Neid, dass mir etwas nicht eingefallen ist, oder ich habe Angst, dass mich der Schwachsinn ansteckt. Also nein. Da versuche ich, jegliche Einflüsse zu vermeiden. Aber auch in anderen Bereichen. Ich lese auch nichts. Keine Bücher, keine Zeitungen. Ich schreibe lieber selbst.

Sitzen mehr Männer oder mehr Frauen bei dir im Publikum?

Das weiß ich tatsächlich nicht. Das Kabarett-Publikum ist ja schon sehr alt und oft in diesem Alter, wo sie sich visuell so angleichen, dass ich das nicht immer eruieren kann (lacht). Ich glaube aber, es teilt sich ziemlich auf. Eine Zeitlang dachte ich, es wären sehr viele junge Mädchen und ältere Herren, die mein Publikum sind. Die bilden in den Pausen ganz seltsame Pärchen. Ich kann nicht sagen, was genau die Zielgruppe ist, ich wundere mich aber über jede.

facebook.com/lisaeckhartecrivain

zur Person:
Lisa Eckhart, 1992 in Leoben geboren, studierte in Wien und Paris Germanistik und Slawistik, bevor sie nach einem einjährigen Aufenthalt in London nach Berlin zog. Nach dem Studium absolvierte sie zahlreiche erfolglose Vorsprechen an Schauspielschulen und kam schließlich zum Poetry Slam. Im Oktober 2015 gewann sie als bisher zweite Frau die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften und gab schließlich im November 2015 ihr Kabarett-Solodebüt mit „Als ob Sie etwas Besseres zu tun hätten“.

Rubrik:: Interviews, Kultur

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