06.03.2014 0 Kommentare

Der Graf von Unheilig: “Bis zum ersten Lächeln dauerte es acht Jahre.”

Unheilig, 2013

Der Graf von Unheilig.
Foto: Erik Weiss

Interview | Der Graf, Sänger der deutschen Band Unheilig, tritt am 13. März beim deutschen Vorentscheid für den Eurovisionscontest an. Vor kurzem veröffentlichte er mit Unheilig ein Best-of-Album. momag-Chefredakteurin Julia Büringer sprach mit dem Grafen in Jeans. Ein Interview über die Veränderung vom Stotterer zum erfolgreichen Musiker, Käseigel und Songcontest, das Urlaubsparadies Österreich und die Ybbstalbahn, die im neuen Musikvideo zu sehen ist.

Ohne jetzt schweinisch sein zu wollen, was trägst du eigentlich wenn du ein Telefoninterview gibst?

(lacht) Ganz normale Sachen. Ich habe eine Jeans-Hose an, keinen schwarzen Anzug. Jeanshose, Socken, T-Shirt und Pullover. Und ich bin auch nicht rasiert.

Best of 15 Jahre, was bedeutet das für dich persönlich und wie hast du dich selbst verändert?

Das ist eine gute Frage. Ich habe überlegt, warum ich vor 15 Jahren so aussah wie ich aussah. Ich bin seit Kind an Stotterer und man sagt ja, Stotterer haben im Spiel und in der Verkleidung weniger Angst und stottern dann meistens nicht. Wenn ich jetzt zurückblicke und die Bilder von früher ansehe, dann wird mir eigentlich alles klar. Ich bin damals auch so in die Öffentlichkeit gegangen, weil es für mich eine Art Schutzschild war gegenüber der Öffentlichkeit. Diese Art von Verkleidung, hat mir geholfen, nach draußen zu gehen. Das war schon etwas, hinter dem ich mich versteckt habe. Im Laufe der Jahre war es dann so, als der erste Zuspruch zu meinen Liedern kam, dass ich mich geöffnet habe. Irgendwann waren die weißen Kontaktlinsen weg, es flog der Nagellack raus und dann habe ich den schwarzen Anzug gewählt und mich geöffnet. Die Veränderung hat aus dem Grunde stattgefunden, weil ich mich etwas sicherer gefühlt habe. Meine Musik hat sich natürlich auch etwas verändert, weil sie immer ein Spiegelbild von mir selber ist. Ich habe zugelassen mehr Emotion zu zeigen. Ich kann mich auch erinnern, dass ich zum ersten Mal 2007 aus irgendeinem Grund zum ersten Mal gelächelt habe. Das hat acht Jahre lang gedauert! Das ist eigentlich eine recht lange Zeit. Aber das war ein ganz normaler Prozess. Ich schlage mich mit diesem Sprachproblem schon mein Leben lang herum und setzte mich offensiv damit auseinander. Um es kurz zu machen, glaube ich, dass ich mich in den letzten 15 Jahren sehr geöffnet habe.

Du machst ja ein großes Geheimnis rund um deine Privatperson, ist das auch ein Schutz oder kommt hier die Öffnung, sagen wir, in 15 Jahren?

(lacht) Nein, mein Privatleben wird immer außerhalb der Öffentlichkeit stattfinden. Das brauche ich als Puffer, Ruhepol, um mal selber wieder runterzukommen. Ich möchte einfach nur durch meine Lieder definiert werden und nicht durch irgendwelche Geschichten aus dem Privatleben, die nicht stattfinden. Alle glauben immer, Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, bei denen ist privat jede Menge los, da ist immer Rambazamba, das ist totaler Quatsch. Das Privatleben eines jeden, der in der Öffentlichkeit steht, ist ganz normal. Aus diesem Grunde soll es auch privat bleiben. Ich habe immer gesagt, die Leute können mich als Musiker komplett haben, aber über Privates will ich auch nicht erzählen. Aus diesem Grund habe ich auch den Künstlernamen so gewählt. Es war so eine Art Wunschvorstellung, ich möchte gerne so unantastbar sein wie ein Graf. Keiner weiß, wo er genau herkommt, wie es in seinem Inneren aussieht. Auch das ist eine Art Schild gewesen. Das ist auch heute noch so, das ist für mich die Grenze.

Welche Musiker inspirieren dich, was hast du als Teenager gehört?

Ich bin ein Kind der Achtziger-Jahre. Ich bin mit allem groß geworden, was in den Achtzigern aktuell war. Depeche Mode, Neue Deutsche Welle, oder sowas. Heutzutage höre ich alles außer Marschmusik (lacht), Rammstein, Peter Fox, Silbermond, Toten Hosen, es ist mehr deutsche Musik, gebe ich ehrlich zu, denn ich bin schon sehr textbezogen. Ich kann nicht so gut Englisch und deswegen singe ich auch nicht in Englisch. Ich mag das lieber direkt, wenn die Bilder, die im Lied auftauchen auch direkt vor meinem geistigen Auge sind, ohne mir das zu übersetzen.

Wie wichtig ist dir der Songcontet? Hast du den Songcontest auch als Kind mitverfolgt? Bei uns in Österreich hat er wenig Bedeutung, aber wahrscheinlich einfach deswegen, weil wir nicht erfolgreich sind… oder es bisher nur einmal waren.

Also bei uns ja auch nicht. 1982 haben wir ihn zum ersten Mal mit Nicole gewonnen. 2010 mit Lena, aber ich habe den ESC schon von klein auf gesehen. Das war bei uns einmal im Jahr ein großes Fest mit dem Käseigel und Oma, da setzten wir uns vor die Flimmerkiste und haben ihn gemeinsam geschaut. Und ich hab ihn jahrelang danach auch immer wieder gesehen und erlebt. 2010 war ich ja selbst in Hamburg dabei und habe live erlebt, wie Lena gewonnen hat und jetzt würde ich das gerne selber erleben. Ich würde gerne selber auf dieser großen Bühne stehen. Der ESC ist für mich schon die Europameisterschaft der Musik. Ganz klar, das ist die größte internationale Veranstaltung, die es gibt, wo man von den Menschen gewählt werden kann, wenn man da steht, schauen 150 Millionen Menschen zu! Das ist natürlich eine Bühne, eine Plattform, die ist nicht zu vergleichen. Das ist für mich schon eine große Gelegenheit, um die Musik von mir den internationalen Zuschauern vorzustellen. Und aus diesem Grunde bringen wir auch das Best-Off raus, das ist ganz klar. Denn wer uns zum ersten Mal sieht oder hört, hat die Möglichkeit auf der Platte nachzuschauen, was wir sonst noch so gemacht haben. Nach 15 Jahren ist mir klar geworden, ich möchte versuchen, ob die Musik von Unheilig nicht auch international Erfolg hat, ob da nicht auch ein paar Menschen sind, die sie gut finden. Und aus diesem Grunde, nehme ich den ESC auch wahr und möchte da auch gerne hingehen. Aber es ist ja noch nicht klar, wir müssen am 13. März erst einmal gewählt werden. Das ist ja nicht so einfach. Aber das wäre schon ein riesen Ding. Nach Lena hat der Songcontest auch einen sehr hohen Stellenwert bekommen, als wären wir Weltmeister geworden! Das ist schon eine große Sache.

Als wär‘s das erste Mal“ wirst du beim Vorentscheid singen, das Video wurde in Österreich gedreht. Hast du eigentlich eine persönliche Beziehung zu der Location?

Ich fahre immer nach Österreich in den Urlaub. Ich fahre nicht ans Meer und fliege weg, ich fahre lieber in die Berge. Und ich kenne die ganze Ecke dort auch. Als ich das Lied geschrieben habe und ich die Bilder vor Augen hatte, wie das Glück auf dem höchsten Berg zu stehen, war mir klar, wo man das drehen kann. Wenn du dort warst und das gesehen hast, das ist atemberaubend. Das Video wäre aber nicht zustande gekommen, das muss man ganz klar sagen, wenn uns nicht die ganze Region und der Verbund und der Touristenverband geholfen hätten. Denn man darf ja nicht vergessen, bei einem Videodreh müssen circa 30 Mann da hoch, mit Kameras, mit Licht, alles was dazugehört. Das war eine ganze Menge Arbeit, die da nach oben zu kriegen in einem Zeitraum, wo die Straßen gesperrt sind. Daher ein ganz großes Dankeschön an alle, die da waren. Alleine wäre das nicht umsetzbar gewesen. Ich habe eine gewisse Höhenangst und es war eine Überwindung mich dahinzustellen, unter mir ging es circa 100 Meter runter und die Berge rundherum und dann kam langsam die Sonne raus, das war wie auf einem anderen Planeten! Das war gigantisch. Und es war genau richtig, denn es waren genau die Bilder von dieser Größe, von dieser Weite, von diesem großen Berg, der Schnee und die ganzen Farben, die ich gerne haben wollte. Aus diesem Grunde wurde es Kaprun/Zell am See.

Im Video sieht man unter anderem auch einen abgestellten Waggon. Das Besondere daran ist, dass dies ein alter Waggon aus unserer Region dem Ybbstal ist. Genauer gesagt, ist das ein alter Waggon einer Schmalspurbahn, die zwar heute aufgelassen ist, aber um die noch immer viele Bahnfreunde kämpfen…

Dem war ich mir so nicht bewusst, dass das ein politisches Thema bei euch ist. Aber es passt ja dann auch, im Video geht er ja durch die Welt und versucht sich zu erinnern wo er herkommt. Er sucht regelrecht Orte auf, um seine Erinnerung wieder zu finden. Und am Schluss sieht er seine Frau und erinnert sich an alles wieder. Die Bahn gehört dazu, zu der Vergangenheit und ist Teil davon. Aber das war kein politisches Statement, wo ich sage, sie sollte wieder in Gang gesetzt werden. Bitte nur auf die Erinnerung, Vergangenheit und Geschichte zu beziehen, ich will hier nicht der Führer einer politischen Diskussion werden, weshalb man eine Bahn reaktiviert oder aktiviert. Da kenne ich mich nicht so aus. Aber das ist ja gut zu wissen. Letztendlich werden die Orte auch gecastet und da war dieser alte Waggon, der natürlich seine eigene Geschichte hat. Aber es war nicht mein Anliegen, dass ich da meinen Finger in die Wunde lege. Zu der Bahn habe ich keinen persönlichen Bezug, zum Ort schon. Wenn wir in den Urlaub fahren, sind wir auch da. Ich habe natürlich nie gesagt, wo ich genau bin, denn wenn ich im Urlaub bin, möchte ich ihn auch haben.

Wie siehst du eigentlich deine Vorbildwirkung? Bist du ein politischer Mensch?

Die Vorbildwirkung sehe ich schon als sehr groß. Aus diesem Grund gibt es bei uns auch Alkoholverbot. Jeder darf sein Bier trinken, wenn die Arbeit vorbei ist. Aber ich will keine besoffenen Menschen rund um mich haben. Ich bin ständig auf Diät, damit ich in meinen Anzug passe! Ansonsten, Politik ist Privatsache, ich versuche den Künstler, der nach draußen steht, neutral zu halten.

Vielen Dank für das nette Gespräch und viel Erfolg am 13. März!

Info | www.unheilig.com

Rubrik:: Kultur

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