20.12.2013 0 Kommentare

Die Blendung: eine mächtige Metapher für die Auseinandersetzung des einsam reflektierenden Geistes mit der Wirklichkeit.

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Der Sinologe Kien führt in seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek ein groteskes Höhlenleben. Seine Welt ist im Kopf, aber sein Kopf ist ohne Sinn für die Welt. Als er, von seiner Haushälterin zur Ehe verführt, mit dem ganz normalen Leben konfrontiert wird, kann er sich nur noch in den Wahnsinn retten.

Canettis Roman wurde 1935 in Wien zum ersten Mal veröffentlicht, aber von ungünstigen Zeitumständen in seiner Wirkung behindert, haben erst spätere Ausgaben der deutschsprachigen Leserschaft bewiesen, wohin diese Dichtung über den eigenwilligen Sinologen und Bibliotheksbesitzer Peter Kein gehört: in die Nähe von Musil und Kafka. Der Irrsinn des Helden ist eine Abrechnung mit der Absolutsetzung des Intellekts, der zur Weltflucht und zur völligen Kommunikationsunfähigkeit führt. Die Hörspielinszenierung von Klaus Bühlert ermöglicht mit den Sprechern Samuel Finzi, Birgit Minichmayr und Manfred Zapatka eine akustische Begegnung mit dem literarischen Meisterwerk über Entartungstendenzen einer modernen, auf Rationalität gegründeten Zivilisation.

Robert Voglhuber

Die Blendung | Elias Canetti | 616 Minuten | € 49.99 | ISBN 978-3-86717-893-8 | der hörverlag

Rubrik:: Musiktipps

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