14.03.2018 0 Kommentare

Die Flucht vor Gestapo und SS

Der Journalist berichtet in seinem neuen Buch über jene europäischen Künstler und Wissenschaftler, die einst vor Gestapo und SS flüchteten und spricht damit ein Thema an, das viele Parallelen zur Flüchtlingssituation heute aufweist.

interview: doris schleifer-höderl

»George Orwells 1984 sind wir heute schon weit voraus, das ist alles andere als positiv.«
Foto: Sandra Zahnt

Was hat Sie veranlasst, ein Buch über Dichter und Denker zu verfassen, die vor den Nazis flohen?

Zum einen ist die Flüchtlingsgeschichte aktueller denn je und zum anderen erzählte mir mein Freund, der Wiener Galerist John Sailer, wie er als Dreijähriger mit seiner Familie nach Frankreich und über die Pyrenäen nach Spanien flüchtete. Von dort schlug man sich nach Lissabon durch und fand 1940 Platz auf einem der letzten Schiffe – der „Nea Hellas“ – Richtung New York. Neben vielen anderen prominenten Flüchtlingen waren auch der Schriftsteller Franz Werfel und dessen Gattin Alma mit an Bord.
Johns Vater war Redakteur der „Arbeiter Zeitung“ und hatte nach dem Verbot der Sozialdemokratischen Partei im Jahr 1934 bis zu seiner Verhaftung zwei Jahre später die illegalen „Revolutionären Sozialisten“ im Untergrund angeführt. Ich ging den Schilderungen meines Freundes John nach und schrieb im Frühjahr 2015 ein Feature für „profil“ über die damalige Ankunft der berühmten Europäer in Amerika. Als dann die große Fluchtwelle aus dem Nahen und Mittleren Osten bei uns einsetzte, kam mir die Idee, ein ganzes Buch darüber zu verfassen, um zu zeigen, dass Flucht nichts Neues ist.

Welche Parallelen gibt es heute zu den Flüchtlingen von damals?

Den Flüchtlingen von einst und jenen von heute ist eines gemein: Sie wurden alles andere als mit offenen Armen in ihren neuen Heimatländern empfangen. Die Flüchtlinge der 1930er Jahre stießen auf tief verwurzelten Antisemitismus, die heutigen Flüchtlinge sind mit dem Generalverdacht konfrontiert, islamistischem Extremismus anzuhängen.

Ist die Menschheit doch zu dumm, aus der Geschichte zu lernen?

Ich würde so sagen: Viele Menschen überblicken nur eine Generation und das ist schade. Bei meinen Lesungen erkläre ich auch immer, dass es mir wichtig ist, mit dem Buch auszudrücken, dass Flüchtlinge immer anders aussehen. Anno dazumal sahen sie so aus wie wir, heute stammen sie aus Syrien und Afrika. 1956 kamen sie aus Ungarn, 1968 aus der Tschechoslowakei und 1992 aus Bosnien. Ich möchte damit darauf hinweisen, dass auch wir eines Tages Flüchtlinge sein könnten. Wer weiß denn bitte, was in 40 oder 50 Jahren ist? Kein Mensch kann das voraussehen. Auch in den 1930er Jahren war nicht alles absehbar.

Wo sehen Sie die größten Gefahren des 21. Jahrhunderts?

Wenn ich vom Jetztstand ausgehe, dann ist es diese globale Verteilungsungerechtigkeit. Sie setzt Menschenmassen in Bewegung und wird meiner Meinung nach in Zukunft noch zunehmen. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels, die Landstriche unbewohnbar machen, was für mich eindeutig zur Verteilungsungerechtigkeit dazu gehört. Erste Anzeichen gibt es ja schon in Südasien. Aber auch die Weiterentwicklung der Digitalisierung ist nicht zu unterschätzen. Welche Folgen sie mit sich bringt, können wir heute noch gar nicht abschätzen – vor allem demokratiepolitisch. Ich denke, George Orwells 1984 sind wir heute schon weit voraus, das ist alles andere als positiv.

Wäre ein weltliches Zusammenrücken aller Länder nicht wünschenswert oder ist das nur Utopie?

Die UNO, deren wichtigste Aufgaben gemäß ihrer Charta aus dem Jahr 1945 die Sicherung des Weltfriedens, die Einhaltung des Völkerrechts, der Schutz der Menschenrechte und die Förderung der internationalen Zusammenarbeit sind und die Europäische Union, die aus der EWG entstand, müssen gestärkt werden. Nur ganz primitive Medien und Politiker verteufeln diese beiden so wichtigen Zusammenschlüsse.

Österreich hat seit Dezember eine neue Regierung. Was erwarten Sie sich von Kurz und Strache?

Was soll ich mir erwarten? Türkis und Blau haben sich bereits im Wahlkampf angenähert, daraus auch kein Geheimnis gemacht und daher ist es absurd, jetzt zu sagen, man hätte nicht gewusst, wohin die Reise geht. Die FPÖ hat von den Türkisen viele Wirtschaftspositionen übernommen und im Gegenzug besetzten die Türkisen von der FPÖ die Themen Migration und Ausländer. Dadurch haben sich beiden Parteien auch bei den Koalitionsgesprächen leicht gefunden und geeinigt. Ich nehme ihnen daher auch durchaus die gute Stimmung ab, die zwischen ihnen herrscht. Das derzeitige Programm läuft aber darauf hinaus, auf den Rücken von Zuwanderern und ausländischen Arbeitskräften Geld zu sparen, um umzuverteilen. Da denke ich etwa an die geplante Senkung der Körperschaftssteuer für Unternehmen und die Reduktion der Familienbeihilfe für Kinder, die im Ausland leben. Das trifft rund 60.000 Altenpflegerinnen aus der Slowakei und Polen. Sozial ausgewogen sieht für mich anders aus.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, politisch etwas zu verändern, was wäre das?

Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, weil ich nie Politiker werden wollte. Es ist ein sehr schwieriger, vielfach unterschätzter Beruf. Aber für mich ist klar, dass man auf jeden Fall wesentlich mehr im Bereich der Bildung tun muss. Es geht einfach nicht, dass wir so viel Geld – nämlich über 18 Milliarden jährlich – dafür ausgeben und dann so schwache Ergebnisse haben. Dem muss eindeutig auf den Grund gegangen werden. Man kann auch nicht immer alles nur darauf zurückführen, dass der Anteil der nicht deutschsprechenden Schüler daran schuld ist. Da muss auch einmal die Lehrergewerkschaft in sich gehen und ihre Ansichten der Zeit anpassen. Bildung ist die Voraussetzung für Erkenntnis und das Verständnis von Zusammenhängen. Wenn wir dieser Voraussetzung keine Chance geben, dürfen wir uns nicht wundern, dass Zusammenhänge nicht verstanden werden.

 

zur Person
Herbert Lackner (67) studierte Politikwissenschaft und Publizistik. Der Wiener mit Zweitwohnsitz in Weistrach war stellvertretender Chefredakteur der „Arbeiter Zeitung“ und anschließend 23 Jahre lang Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „profil“. Zudem ist er Autor zahlreicher zeithistorischer Beiträge in „profil“ und „Die Zeit“ und lehrt an der FH für Journalismus in Wien.

Rubrik:: Interviews, Panorama

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