19.01.2018 0 Kommentare

Drei Mal großes Kino im Kino Mal Vier

Der Filmklub Wieselburg zeigt im Februar die Filme Die beste aller Welten, Victoria und American Dream Stories. 

Die beste aller Welten, Ein richtiges Leben im falschen – Donnerstag, 1. Februar, 19.30 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs Adrian Goiginger

Die beste aller Welten | Österreich | 2017 | 103 Min | Regie und Buch: Adrian Goiginger | Kamera: Yoshi Heimrath, Paul Sprinz | Musik: Dominik Wallner, Manuel Schönegger | Darsteller: Verena Altenberger, Jeremy Miliker, Lukas Miko, Michael Fuith
Foto: Polyfilm

Abenteurer will der siebenjährige Adrian (Jeremy Miliker) werden, das steht für ihn fest. Gegen Monster wird er kämpfen und Schätze finden, erklärt er dem Mann vom Jugendamt. Er strotzt nur so vor Fantasie und wird darin von seiner jungen Mutter Helga (Verena Altenberger) noch bestärkt. Als Adrian beim Spielen eine Pfeilspitze findet, erzählt sie ihm verschwörerisch von Ronan, dem Vorfahren aus längst vergangenen Zeiten. „Durch unsere Adern fießt das gleiche Abenteurerblut wie bei ihm”, versichert Helga ihrem Sohn, und der kämpft fortan in seinen Tagträumen als Ronan gegen einen finsteren Dämon. 

Welcher Natur diese Schreckgestalt wirklich ist, zeigt sich bald. Denn was sich zunächst anlässt wie eine zuckersüße Mutter-Sohn-Geschichte, schlägt rasch ins Drama um, die kindliche Fantasiewelt entpuppt sich als Zufluchtsort vor einer überfordernden Alltagsrealität. Adrians Mutter ist schwer heroinsüchtig.

Dass der 26-jährige Regisseur und Drehbuchautor Adrian Goiginger für seinen ersten Spielfilm genau dieses Thema gewählt hat, ist kein Zufall. Geht es doch um seine eigene Kindheit als Sohn einer heroinabhängigen Mutter, Ende der Neunzigerjahre in einer Salzburger Stadtrandsiedlung. Goiginger erzählt die Geschichte aus der Sicht des Kindes, das die Suchtkrankheit der Mutter bestenfalls ahnt und dem ungeteilte Mutterliebe zuteil wird. Denn ohne zu verharmlosen, zeigt „Die beste aller Welten“, wieviel Zärtlichkeit zwischen Mutter und Sohn herrscht, wieviel wunderbare Normalität trotz allem immer wieder möglich ist. „Vernachlässigung gibt es sehr oft bei den Heroin-Junkies, aber dass sie es geschafft hat mir soviel Aufmerksamkeit und Liebe zu geben, sodass ich echt eine glückliche Kindheit gehabt habe, das beeindruckt mich sehr. Diese glückliche Kindheit, das ist ein Wahnsinnsverdienst. Ich habe meine Mutter bewundert dafür.“ (Adrian Goiginger)

Bei der Diagonale 2017 bekam „Die beste aller Welten“ den Publikumspreis, Verena Altenberger wurde für ihre Darstellung der Schauspielpreis verliehen. Daneben erstaunt besonders die schauspielerische Leistung des erst siebenjährigen Jeremy Miliker in der Rolle des gleichaltrigen Adrian. Zudem ist der Film in neun Kategorien für den Österreichischen Filmpreis 2018, der am 31. Jänner vergeben wird, nominiert.

 

Victoria, Die französische Cousine von Bridget Jones – Mittwoch, 14. Februar, 19.30 Uhr

Frankreich | 2016 | 98 Min OmU | Regie und Buch: Justine Triet | Kamera: Simon Beaufils | Musik: Thibault Deboaisne | Darsteller: Virginie Efira, Vincent Lacoste, Melvil Poupaud, Laurent Poitrenaux
Foto: Filmladen

 

Die alleinerziehende Pariser Anwältin Victoria (Virginie Efira) ist Ende 30, geschieden und ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs. In kurzen Röcken stiefelt sie eher burschikos als elegant durch die Welt, spricht in den unpassendsten Momenten aus, was ihr durch den Kopf geht, führt tiefschürfende Gespräche mit Dichtern, Richtern und feinsinnigen Drogendealern und lässt sich verlässlich mit den falschen Männern ein. Nebenbei schluckt sie Tabletten und raucht und flucht wie ein Bierkutscher. Um ihr Leben in den Griff zu kriegen, konsultiert Victoria regelmäßig einen Psychotherapeuten und eine Wahrsagerin. Als die neurotisch-zynische Powerfrau schließlich ihren guten Freund Vincent (Melvil Poupaud) und einen ehemaligen Mandanten, den Kleindealer Sam (Vincent Lacoste), auf einer Hochzeit trifft, entgleitet ihr die Situation komplett. Am nächsten Morgen steht Vincent wegen versuchten Mordes an seiner On-Off Freundin Eve (Alice Daquet) unter Anklage. Victoria übernimmt die Verteidigung in dem absurden Fall, in dem ausgerechnet ein Dalmatiner der einzige Zeuge ist. Um gleichzeitig ihre beiden kleinen Töchter zu versorgen, stellt sie Sam als Au-Pair-Boy ein. Und als wäre das nicht genug Chaos in ihrem Leben, beginnt nun auch noch Ex-Mann David (Laurent Poitrenaux), intime Details aus Victorias Sexleben in einem Blog auszubreiten.

Regisseurin Justine Triet zeichnet mit Hilfe ihrer umwerfenden Hauptdarstellerin Virginie Efira („Birnenkuchen mit Lavendel“) das tiefgründige Charakterporträt einer ebenso widersprüchlichen wie aufregenden Frau zwischen Komik und Tragik. Schon 2009 war Triet mit der Medien- und Familienkomödie „Solférino”, die am Tag einer französischen Präsidentenwahl spielt, ein bei uns weitgehend ignorierter Erfolg gelungen. Auch ihr zweiter langer Spiel lm “Victoria“, der beim Filmfestival in Cannes 2016 die traditionsreiche Nebenreihe “Semaine de la critique“ eröffnete, entwickelte sich in Frankreich zu einem echten Überraschungshit.

 

American Dream Stories – Mittwoch, 28. Februar, 19.30 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs Thomas Zeller

Österreich | 2017 | 80 Min OmU | Regie und Buch: Thomas Zeller, Christine Lechner | Kamera: Thomas Zeller | Musik: Christoph Aigelsreiter
Foto: Filmgut Thomas Zeller

Die filmische Reise der „American Dream Stories“ führt mehr als 45.000 Kilometer quer durch die USA auf der Suche nach den verbliebenen Fragmenten des amerikanischen Traums. Der Film wird dabei zu einer Bestandsaufnahme einer Nation, die vor 150 Jahren durch das Eisenbahnnetz aufgebaut wurde und sich heute infrastrukturell, wirtschaftlich und sozial am Scheideweg befindet.

Die Kamera ist aus dem Fenster der Zugabteile auf die Umgebung gerichtet und lädt das Publikum zu einer wundersamen Reise ein. Die Sicht auf Hinterhöfe, Industriezonen und private Gärten ermöglicht einen Blick hinter die Fassade dieses vielfältigen Landes. Durchbrochen werden diese Ausblicke von den Erzählungen amerikanischer Passagiere, die davon handeln, wie sehr sich ihre persönliche Situation und jene ihrer Mitmenschen in den letzten Jahren verändert hat, was die Zukunft ihrer Nation bringen wird und wie sie immer noch an den amerikanischen Traum glauben. Oder auch nicht.

Der Kilber Filmemacher, Kameramann und Fotograf Thomas Zeller hat 2000 die Produktionsfirma Filmgut gegründet. Zu seiner vielfältigen Filmographie gehören Dokumentationen wie „Trans 333 – Nonstop durch Niger“ ebenso wie „Days of Brass – The Schagerl Brass Festival“. Einem breiten Publikum ist er durch seine Universum-Sendungen bekannt geworden („Waldviertel – Mystischer Zauber des rauen Landes“, „Pielach – im Garten der Voralpen“, „Die Drachen der Kanaren“). 2017 entstand der Dokumentarfilm „Das Ybbstal – von wilden Wassern und schweren Hämmern“. Zuletzt war Thomas Zeller im Filmklub Wieselburg 2010 mit seinen beiden Dokumentarfilmen „Haramosh 1958“ und „Vom Landleben“ zu sehen.

Kino mal vier | Kinostraße 1, Wieselburg, kinomalvier.at

filmklub-wieselburg.at, facebook.com/filmklub.wieselburg

 

Rubrik:: Kultur

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