20.06.2018 0 Kommentare

Duft in der Luft

Räuchermedizin. Friedrich Kaindlstorfer bringt in seinem Buch Grundlagenwissen zur Traditionellen Europäischen Medizin. Über fünf Millionen Riechzellen sitzen in unserer Nase, sie für Heilzwecke zu nutzen, birgt enorme Potenziale.

interview: michaela auer

Foto: Mario Gärtner Photography

Ankunftsort: Zentrum für Traditionelle Europäische Medizin in Bad Kreuzen, „enta da Donau“, acht Kilometer von Grein entfernt. Alleine die Aussicht vom Parkplatz lässt mich kurz innehalten, tief durchatmen… unendliche Weite, vom Schneeberg bis zum Traunstein alles klar zu sehen. Drei Damen kommen mir bei ihrer Abreise am Parkplatz entgegen. Sie wirken frei, vollgetankt und stark, strahlen. Gespannt, was mich erwartet, betrete ich das Kurhaus. Es wirkt sofort heimelig, frohes Treiben herrscht. Aber irgendetwas fehlt hier… Im Gespräch mit Fritz Kaindlstorfer wird das noch klarer.

Du sitzt im Business-Look als Betriebsleiter vor mir, wie passt da „Räuchern“ jetzt dazu?

Ja, spannend! Vor über zehn Jahren stand ich als erfolgreicher Betriebswirt und Marketing-Mann vor großen gesundheitlichen Herausforderungen. Ich habe damals alles aufgegeben. Wie so oft im Leben führte mich das auf den Weg näher zu mir. Gelandet bin ich hier bei meiner neuen Aufgabe im Kurhaus in Bad Kreuzen. Vieles hat sich seither getan, nicht nur im Haus, vor allem auch in mir.

Heilsam für mich war, „Stopp“ zu sagen und achtsamer meinem Körper gegenüber zu werden, da half mir unter anderem das praktische Tun mit dem Räuchern. Es hat mich sensibilisiert für meine Wahrnehmung für mich selbst und andere, für meine Umwelt. Räuchern hat mir Kraft gegeben, mich stabiler gemacht und mich auch gelehrt, gelassener zu sein.

Wie kam es zum Räuchern als deine „Berufung“?

Der Weg war schon lange geebnet. Mein Großvater hat geräuchert, ich habe in Indonesien und Libyen schon intensive Räuchererfahrungen gemacht. Irgendwie hatte ich immer schon das Gefühl, dass mehr in mir steckt. Als ich hier als Betriebsleiter in unser Kurhaus kam, habe ich klarerweise auch die Ausbildung in der Traditionellen Europäischen Medizin gemacht. Dabei habe ich realisiert, dass Räuchern in unserem Kulturkreis bis vor 100 bis 150 Jahren immer fixer Bestandteil der Medizin und Volksheilkunde war. In Apotheken wurden Räucherungen angeboten, zum Beispiel mit Fichtenharz, was kräftigend wirkt und gegen Ausschläge oder Rheuma hilft. Ich möchte das Räuchern wieder als Bestandteil zur Wiedergewinnung und Erhaltung von Gesundheit und Wohlergehen auf die Bühne holen.

Was macht Düfte so spannend?

Sie sind sehr komplex. Schokolade zum Beispiel hat rund 500 einzelne Duftkomponenten, Rotwein 700 chemische Signale, die unser so schlaues Riechorgan fordern. Unser „stummer Sinn“, wie er genannt wird, ist erst seit kurzer Zeit Gegenstand von intensiven Forschungen. Es wird geschätzt, dass wir mehr als 10.000 Düfte unterscheiden können. Oft tun wir uns schwer, diese zu beschreiben.

Weihrauch oder doch heimische Heilpflanzen und Harze?

Vor allem unsere „dosigen“ Pflanzen und Harze sind bestens zum Räuchern geeignet! Vieles davon wächst einfach vor unserer Haustüre, im Garten, ist im Wald und auf Wiesen zu finden. Alleine das sich „auf die Suche“ machen gehört schon zum Räucher-Erlebnis. In meinen Büchern beschreibe ich die geeigneten Räucherstoffe ganz genau – auch finden sich dort Rezepte für Räuchermischungen in bestimmten Fällen, wie Krankheiten, verschiedene Lebenslagen und natürlich gehe ich auf die Jahresrituale wie die Rauhnächte, Sonnenwenden usw. ein.

Was hat der Geruchssinn mit Gesundheit zu tun?

Sehr viel! Wie wir wissen, hat jeder Mensch sein eigenes „Duftprofil“, abhängig vom Hormonstatus und dem Immunsystem. Unsere Nase führt uns übrigens immer zu einem Partner mit einem Abwehrsystem, das sich stark von unserem eigenen unterscheidet. Schlau, denn das soll den Nachkommen zu einer starken Immunkraft verhelfen! Die Nase ist auch Teil des Immunsystems, indem sie verhindert, dass Krankheitserreger in den Körper gelangen. Und über das Geruchsgedächtnis wird versucht, jene Selbstheilungskräfte zu aktivieren, die zur Genesung führen, was uns auch zu Ritualen führt, die zur Befreiung von seelischen Spannungen dienen können.

Wie und wo kann man Räuchern kennenlernen?

Seit drei Jahren bieten wir Räuchern auch in der Praxis und in Workshops hier in unserem Kurhaus an. Wichtig für mich ist immer, zu klären, dass Räuchern nicht heilen kann, es kann aber sehr wohl Heilwerdungs- und Gesundheitsprozesse unterstützen. Sich selbst endlich einmal etwas Gutes zu tun ist bei uns Menschen immer dann Thema, wenn wir an Lebenswendungen, schweren Erkrankungen angekommen sind und sich Sinnfragen auftun. Dass sich bei einer Körperräucherung auf allen Ebenen – mental, körperlich, geistig-spirituell – vieles tun kann, erlebe ich immer wieder. Alleine das einfach mal Loslassen kann schon heilsam sein.

Worauf muss in der Praxis geachtet werden?

Ich empfehle, sich wirklich auf den Duft einzulassen. Ruhe ist dabei gefragt und Hingabe. Das Aroma des Duftes hat immer eine ganz besondere Botschaft, ob reinigend, harmonisierend, entstressend oder wer weiß was noch alles? Und unbedingt immer für gute Belüftung im Raum sorgen.


Erfahrungsbericht. Fritz nimmt sich Zeit für eine Kennenlern-Körperräucherung für mich

Wir ziehen uns in ein stilles Kämmerlein im Kurhaus zurück; aber nein: Es schaut nicht speziell nach „Räucher-Guru-Raum“ aus. Sein Business-Look weicht bequemem Leinengewand. Fitz ist bepackt mit Holzkiste, Mörser und Räucherschale – es ist anders als zuvor.

Im Sitzen und teils stehend findet die Räucherung statt, erklärt er mir, meine Socken muss ich ausziehen, der Rest ist wie gehabt. Die Fenster werden gekippt. Gut gelüftete Räume sind wichtig, betont er. Zuerst macht Fritz eine Reinigungsmischung für mich aus Salbei und Beifuß. Er beginnt bei den Fußsohlen… der ganze Körper wird eingeraucht. Mir wird leicht schwindlig, das Befächern mit Rauch durch eine Feder wirkt noch befremdlich. Beim zweiten Räuchergang komponiert der Räucherexperte eine eigens für mich zusammengesetzte Mischung, mit Mädesüß, Rosenblüten, Pfefferminze. Es riecht nach mehr, die Räucherung ist sehr intensiv, Schwindel tritt auf, ich darf mehrere Male begleitet tief ein- und ausatmen, ich spüre ein Kribbeln im rechten Bauch, auch um die Herzgegend wird mir „anders“… das wäre jetzt der Zeitpunkt, wo noch länger weiter gemacht werden müsste, sagt Fritz. Fortsetzung folgt und ich freue mich schon darauf!

Jetzt geht es für mich raus an die Luft, einfach in Ruhe 20 Minuten im Freien nachspüren. Danach bekomme ich meine eigene Räuchermischung für Zuhause mit. Zwei bis drei Mal pro Woche darf ich nun mein Räucherstövchen mit ein paar Prisen davon füttern, meinen ganz persönlichen Duft inhalieren, in Ruhe und ohne Ablenkung. Loslassen, heißt es da… wenn das nur so einfach wäre ;)

Zum Schluss realisiere ich, was hier an diesem Ort fehlt. Das Gefühl vom Anfang, als ich das Haus betreten habe, taucht wieder auf. Eigentlich will ich gar nicht wieder so schnell weg von hier. Es ist weniger, dass etwas fehlt, vielmehr ist es etwas, was „da“ ist, spürbar – das Gefühl, bleiben zu wollen. Endlich einmal anhalten zu können, aufgehoben zu sein und immer auf ein „offenes Ohr“ zählen zu können, wie mir die Geistliche Leiterin Sr. M. Christiane zur Heimreise noch mitgibt. Danke und auf ein Wiedersehen! Das Gute liegt so nah!


Duftsinn – Die Nase entscheidet, was uns gut schmeckt

Unser Geruchssinn wird auch „stummer“ Sinn genannt und ist unser ältester Sinn. Rund 80 Prozent des Geschmackserlebnisses läuft über die Nase ab. Ob uns etwas schmeckt, entscheidet sich über die Riechschleimhaut durch die Duftmoleküle. Auch die Amygdala oder das limbische System im Gehirn verknüpfen Duft mit Emotionen – wecken so oft Erinnerungen und tragen zur Bewertung des Duftes bei. Unser individuelles Geschmackserkennungsgedächtnis entscheidet darüber, ob uns etwas „gut“ oder „nicht so gut“ schmeckt. Unser Gehirn registriert den Wohlgeschmack einer sättigenden Speise zum Beispiel als Belohnung. Dass man diesen Genuss dann öfter haben möchte, liegt auf der Hand. Wenn eine Speise Magen und Darm nicht gut bekommt, wird dies ebenfalls gespeichert. Schon von klein an sollten wir möglichst viele unterschiedliche Geschmackserlebnisse haben, um die Erinnerungsspeicher gut zu füllen. Kindern frische, unbehandelte, saisonale Lebensmittel anzubieten, ist somit lebenslänglich prägend!

 

info | Curhaus Bad Kreuzen
07266 6281, badkreuzen@marienschwestern.at
www.tem-zentrum.at

buchtipp | Traditionelle Räuchermedizin – Die Heilkraft der heimischen Kräuter & Harze
von Friedrich Kaindlstorfer
ISBN: 978-3-7088-0722-5
Kneipp Verlag

termine | Kostenloser Räuchervortrag für externe Gäste
jeden Donnerstag ab 16h
Anmeldung: 07266 6281, badkreuzen@marienschwestern.at

Rubrik:: Interviews

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