11.12.2014 0 Kommentare

Einmal Auftauen bitte! Michi Auer über die erlebte Eiszeit im Waldviertel.

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Ein beeindruckendens Naturspiel hat sich im Waldviertel dargeboten. Fotos: Michi Auer

Furchteinflößend | Auf den ersten Blick wunderschöne Weihnachtsstimmung – doch die dicken Eisschichten ließen im Waldviertel den Strom ausfallen und Bäume knicken. Michi Auer hats erlebt wie es sich anfühlt, wenn man mitten in einer Naturkatastrophe steckt. 

Von Michi Auer

Die geliebten Bäume, der ganze Wald rund ums Haus, alles weg, niedergemetzelt, es gleicht einem Schlachtfeld. Nur erahnen kann man das volle Ausmaß, der Nebel seit Tagen da, er ist viel zu dick und erst nach und nach wird man die vielen geknickten Stämme erkennen. Alles ist überzogen von zentimenterdicken Eisschichten. Ja, auf den ersten Blick schaut es nach wunderschöner weißer Weihnachtsstimmung aus – aber wenn der Natur die Last dieses oft gewünschten Weiß dann zu heftig wird, dann wird daraus ein kleines Land, das so verwundbar wird, und bald ganz zusammenbricht. Täglich bin ich durch die Bäume im Wald gleich nebenan geschlüpft, wildromantisch war es, nur drei Meter und du stehst mitten drinnen, grün, Stille, dieser Duft, sonst nix. Plötzlich wird daraus Lebensgefahr, Bäume stürzen unter der Eislast auf Hausdächer, Schluss mit Romantik. Ewigkeiten gehen zu Ende, uralte Bäume – jetzt müssen sie weichen. Riesen Harvester, furchteinflößende Maschinen, von hochprofessionellen Forstkennern bedient, ein Gigant fällt nach dem anderen. Tiere flüchten. Übrig bleibt ein Schlachtfeld, wo Gott sei Dank alle Menschenleben heil davon kommen. Dennoch, mir blutet das Herz.

michi_eis_bäumeKein Strom seit Tagen

Dazu: kein Strom, vielerorts schon seit Tagen. Am ersten Abend wo es finster wird, so ganz ohne Licht, da denkst du noch, wie romantisch, endlich kann drinnen irgendwie hinter zugezogenen Vorhängen Weihnachtsfriede einkehren. Keine Chance für Radiolärm, für noch mehr Katastrophen im Fernsehen, schon gar kein Internet und auch dem Telefon dürstet nach Strom. Kerzenlicht nur soviel wie nötig – nicht mehr, alles wird behutsam wie schon lange nicht erledigt. Nur hie und da draußen ein kleiner Schimmer Licht, weit und breit Finsternis, keine Autos, aus der Ferne nur ein Motor eines Notstromaggregates. Die Kühe des Bauern in der Nachbarschaft, sie müssen irgendwie versorgt werden. Dann wieder, Totenstille. Ungewohnt, fast unheimlich. Plötzlich wieder ein Knacksen im Wald, der nächste Baum geht. Und drinnen? Drinnen rückt man näher zusammen. Kein Licht, kein Staubsauger, kein Computer, kein Werkstattlärm, keine Kekse im Backrohr, nichts. Nichts scheint wichtig genug, plötzlich wird der viele Überfluss bewusst und ganz wenig ist genug. Eine Runde Kartenspielen mit den Kleinen vielleicht, denen das Kerzenlicht schön langsam geheuer wird? Zeit zum Legobauen, Liedersingen? Lesen, oder tatsächlich mal die Freiheit genießen um halb sieben schon ins warme Bett zu schlüpfen, oh ja, klingt wie aus dem Bilderbuch!?!

Muss dazu draußen wirklich alles lahm gelegt werden um „innen“ drinnen wirklich endlich einmal kurz Ruhe zu finden? Scheinbar ja, jeder Tropfen Wasser wird wieder kostbar, jedes Scheit Holz das Wärme gibt behutsam in den Ofen gesteckt, warmer Tee dankbar geschlürft und liebe Menschen mit noch mehr Segenswünschen zur Arbeit geschickt und heilfroh in einem Stück am Abend zuhause empfangen. Herzen bluten ob der Grausamkeit die die Natur gerade ausstehen muss – verrückterweise aber rücken Herzen so auch wieder näher zusammen. Katastrophe sei Dank, so dumm es auch klingen mag. Einmal Auftauen, bitte! Von Herzen alles Gute uns allen.

Bewusst SEIN

Ein raues Gemüt sagen sie, haben wir, wir Waldviertler. Ganz anders erlebt man uns in Zeiten wie diesen, wenn Eis und Wind tausende Bäume zum Fall bringen. Einerseits sind wir verzweifelt, andererseits schmelzen wir. Wie wir an der heimeligen Kraft unserer Wälder hängen, merken wir jetzt erst recht. Übrig lässt Mutter Natur ein Schlachtfeld. Das Herz blutet, Schluss mit der Romantik hinterm Haus. Seit ein paar Stunden befreit Tauwetter die Bäume vom zentimeterdicken Eis. Der unheimlichen Stille und dem bedrohlichen Knacksen der fallenden Giganten sind Motorsägen-, und Traktorenlärm gewichen. Ein Stück „dahoam“ wird jetzt schon von riesigen Gefährten abtransportiert. Niedergemetzelt von ungeheuerlichen Harvestern, dank Männern die wissen was sie tun.

Innen drinnen mischen sich Traurigkeit mit Demut und Dankbarkeit. Eine ganz besondere Aufgabe für uns alle. Oft denken wir Herr über alles zu sein, an solchen Tagen wird vieles ganz, ganz klein. Draußen wird es Nacht, wie gut, dass es herinnen hell und warm ist. Der liebe Strom ist wieder da! Viele geschickte Hände werken Tag und Nacht daran und werden noch lange ihren Kragen für uns riskieren.

Was wir nun tun? Die Wälder gehen und drinnen, alles beim Alten? Noch nicht: Jede Lampe die unnötig brennt wird schnell ausgeknipst, die heiße Suppe mit Bedacht geschlürft, den Keksen im Rohr wie einem Geschenk vom Himmel beim Backen zugeschaut (übrigens, sie schmecken noch besser als vor ein paar Tagen!) und die Kerzen? Die, die lassen wir lieber noch stehen. Es könnte ja sein, dass es doch wieder finster wird! Hoffen wir sogar ein wenig darauf? Ich muss ehrlich gestehen, ja, ich schon. Diese Stille, dieses nichts tun „können“ hat etwas so Wertvolles in uns freigegeben. Zeit für einander, zum Danken heil zu sein, einfach zum bewusst Sein. Zu romantisch für einen „rauen Waldviertler“? Gerne, du auch? Alles Gute uns allen und  besinnliche Zeiten!

Rubrik:: Panorama

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