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Nr. 303 | Sommer 2012
42
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mostviertel magazin
W
örtlich übersetzt bedeutet Haiku im
Japanischen so viel wie „lustiger Vers“,
wobei die Verse eigentlich selten lustig sind,
sondern eher an Zen-buddhistische Weis-
heiten erinnern. Einer der bedeutendsten ja-
panischen Haiku-Dichter war Matsuo Basho
(1644–1694). Von ihm stammt das berühmte
Frosch- Haiku:
Der alte Weiher:
Ein Frosch springt hinein.
Oh! Das Geräusch des Wassers.
Das Haiku ist einerseits das kürzeste Ge-
dicht der Welt, gilt aber auch als Wiederga-
be einer meditativen Lebensform. Es ist ver-
bunden mit der Natur und erzählt von einem
erlebten Moment und dessen tieferen Sinn.
Ein Haiku sieht einfach aus, ist in der Herstel-
lung aber ziemlich kompliziert. Und gerade
das macht wohl auch den Reiz aus. Man erar-
beitet sich ein Haiku, um es dann so einfach
und leicht daherkommen
zu lassen.
Wie eine sprudelnde
Bergquelle
Es ist wie mit einer spru-
delnden Bergquelle: Sie
ist da, sie sprudelt, man-
che bemerken sie nicht
einmal, so unauffällig ist
sie. Aber versucht man,
die Bergquelle im eige-
nen Garten nachzuge-
stalten, wird man sich
anstrengen müssen, sie
so natürlich aussehen zu
lassen. Haiku-Werkstät-
ten, Haiku-Foren, -Ver-
Die Essenz
Literaricum.
Die japanische
Gedichtform des Haiku
wird auch in unseren
Breiten immer beliebter
heagschroa
am wochnmorkt
de trotschweiba
(Sonja Raab)
PanoraMa
}}
Literatur
Die Wölfin
Die Welt durch die
Augen der Frauen
Z
weiundzwanzig Frauen interpretie-
ren verschiedene Werke der katala-
nischen
*)
Dichterin Maria Mercè Marçal.
Die 22 Kurzfilme sind in dem Gemein-
schaftsf ilm Ferida arrel: Maria Mercè
Marçal (Spanien, 2012), eine filmischen
Poesie um Identität und Weiblichkeit zu
reflektieren, verarbeitet. Die Regisseu-
rin Agnès Varda lässt uns anhand fünf
filmischer Episoden in Agnès de ci de là
Varda (Frankreich, 2011) an ihren Begeg-
nungen mit KünstlerInnen und Handwer-
kerInnen teilhaben.
Noami Kawase arbeitet in Tarachime
(Japan-Frankreich, 2006) ihre Beziehung
zu ihrer Adoptivmutter auf, mit vielen
Naheinstellungen, die angstlos den schon
sehr gealterten weiblichen nackten Kör-
per zeigen. Ähnlich blickt sie offen und
unverblümt auf die Geburt ihres Sohnes,
auf das Rauspressen der Plazenta, und
auf nährende Brüste ebenso wie auf die
Narben nach der Brustamputation we-
gen Krebserkrankung. Noami Kawase er-
zählt in ihren Detailaufnahmen über den
Kreislauf von Geburt, Krankheit und Tod
in der familiären Auseinandersetzung.
Born in flames (Lizzie Borden, USA 1983)
gilt als ein Klassiker des unabhängigen
Films im feministischen Kino und bietet
eine kritische Abhandlung anhand einer
Utopie, in der die Revolution bereits Wirk-
lichkeit geworden ist, während Diskrimi-
nierung aufgrund von Frausein, Schwarz-
sein, ArbeiterInsein einfach weitergeht.
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt an
Filmemacherinnen des Internationalen
Frauen Filmfestivals von Barcelona, das
heuer zum 20. Mal die Sichtweise von
Frauen in den Blickpunkt rückt.
Viele Frauenfilmfestivals in den ver-
schiedensten Ländern bieten so eine
Alternative zur Männerdominanz in der
Filmbranche, die sich heuer in Cannes
deutlich zeigte, wo keine einzige Frau
für die Regie nominiert wurde. Es geht
ja nicht darum, das Werk von Männer
abzustempeln – im Gegenteil, sie ma-
chen tolle Filme. Doch die Sichtweise
und Perspektive von Frauen auf Themen
und Lebensinhalte, ebenso wie auf Un-
terhaltung und Spannung einfach auszu-
lassen ist ein Verlust, ein großer Verlust:
Es ist ganz einfach: Wir (Frauen) sind 3,5
von 6,9 Milliarden!
£
Birigt Wolf
woelfin@momag.at
}
Tipp:
www.frauenundf ilm.de
*
) Katalonien mit seiner Hauptstadt Barcelona ist eine der
insgesamt 17 autonomen Gemeinschaften oder Regionen
(Comunidades Autónomas) Spaniens.