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Nr. 303 | Sommer 2012
mostviertel magazin
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des Dichtens
eine und -Schulen ermöglichen, diese Dicht-
form zu trainieren, sich darüber auszutau-
schen, zusammenzuarbeiten. Es ist eine Wis-
senschaft für sich.
Ein Haiku, das sich auf Jahreszeiten bezieht
nennt sich
Kigo
, eines das mit einem Bild ver-
bunden wird (Text im Bild) heißt
Haiga
. Und
dann werden die Haikus auch noch individu-
ell ausgelegt, man mag sich auch gerne da-
rüber streiten, denn Regeln gibt es viele: Ein
Haiku soll Bilder im Kopf des Lesers entste-
hen lassen. Die besten Haikus schaffen das,
ohne dieses Bild explizit zu erwähnen. Es wird
also mit wenigen Worten etwas umschrieben,
das dann bestenfalls erst im Kopf des Lesers
„erblüht“. Gefühle werden nicht benannt,
es gilt die Gegenwartsform und Konkret-
heit. Keine Vergleiche, keine Vergangenheit,
das Haiku lebt im
Jetzt
und das Erlebte wird
nicht bewertet.
Eine der Haiku-Regeln besagt, dass ein Hai-
ku 17 Silben haben soll, angeordnet zu drei
Zeilen mit 5–7–5 Silben. Als Leitfaden für An-
fänger bestimmt eine gute Möglichkeit, das
Haiku-Schreiben zu trainieren. Doch je län-
ger man sich mit der Materie befasst, desto
unwichtiger wird die Silbenzählerei und die
Essenz eines Moments rückt in den Vorder-
grund. Von Matsuo Basho stammt in diesem
Zusammenhang auch ein Zitat, das in der Hai-
ku-Szene sehr bekannt ist: „Lerne die Regeln
sorgfältig und dann vergiss sie.“
Exakt 17 Silben – oder auch nicht
Geschrieben werden trotz der vielen Regeln
auch Haikus mit weniger als 17 Silben oder mit
weniger als drei Zeilen. So sind Einzeiler sehr
beliebt oder Haikus, die wenig mit Natur zu tun
haben, ebenso wie Mundart-Haikus. Ein Haiku
von Ralf Bröker von der Deutschen Haiku Ge-
sellschaft (DHG, deutschehaikugesellschaft.de)
zeigt das deutlich:
wie er in meinem Mund prokelt
als suchte er seinen Golfball im Teich
„Prokeln“ ist ein deutscher Begriff für „sto-
chern“ oder „herumfingern“. Wer dieses Haiku
liest, wird erstens feststellen, dass die Silben-
anzahl absolut nicht den Regeln entspricht,
dass es auch nichts mit Natur zu tun hat oder
den Jahreszeiten, dass es weder Dreizeiler ist
noch tiefere Weisheit beinhaltet. Es geht hier
schlicht und einfach um einen Zahnarzt – der
aber im Text nicht erwähnt wird. Perfekt wur-
de hier der Überraschungsmoment geschaf-
fen, der das Bild im Kopf des Lesers nach dem
Lesen der Zeilen entstehen lässt. Die zweite
Zeile weist auf den Verdienst des Zahnarztes
hin, der ebenfalls umschrieben wird. Und so-
gar der Teich von Basho ist enthalten, der in
unserer Zeit genauso gerne erwähnt wird wie
die obligatorische Kirschblüte. Haiku ist halt
immer noch japanisch, auch wenn es längst in
Europa Einzug gehalten hat.
Volker Friebel, Mitglied und Schriftführer der
DHG bringt jährlich ein „Haiku-Jahrbuch“ he-
raus, das die besten Haikus des Jahres vorstellt.
Auf seiner Internetseite (www.haiku-heute.de)
kann man mitmachen und sein eigenes Hai-
ku einsenden. Ralf Bröker lädt vierteljährlich
zum
Kukai
(kukai2010.blogspot.com) ein: Dort
werden themenbezogene Haikus eingesandt,
bewertet und kommentiert. Dietmar Tauchner
hat mit seinem Haiku: „
Ihre SMS–Fliederduft
unkürzbar die Herzen vieler Haikufreunde
berührt. Er gründete das internationale Inter-
netmagazin „Chrysanthemum“ für moderne
Versformen in der Tradition der japanischen
Kurzlyrik (www.bregengemme.net).
£
Sonja Raab
BUCH-TIPPS
W
er keinen klas-
sischen Krimi er-
wartet, sondern einen,
der witzig, originell ist
und sich selbst nicht
ganz ernst nimmt, ist
bei Thomas Raab be-
stens aufgehoben.
Diesmal schickt er
seinen Ermittler, den
übergewichtigen Re-
staurator Wi l l ibald
Adrian Metzger, in die winterliche Sze-
nerie eines in den letzten Jahren mon-
dän gewordenen Schiortes, wo Macht-
kämpfe zwischen einzelnen Familienclans
zu einer Reihe von Gewalttaten führen,
denen Metzger beinahe selbst zum Op-
fer fällt, bevor sich nach einem übertrie-
benen, weil unwahrscheinlichen Show-
down alles aufklärt und – zumindest für
Metzger – zum Guten wendet.
Neben viel schwarzem Humor sind es
die zwar manchmal etwas ausufernden
Wortspielereien und gut beobachtete ge-
sellschaftskritische Milieuschilderungen
(wenn es z.B. um Schneekanonen oder
die Ausrüstung der Wintersportler geht),
die diesen Krimi auszeichnen.
£
Fritz Haselsteiner
}
Der Metzger bricht das Eis
Autor: Thomas Raab
352 Seiten, € 19,99
ISBN 978-3-492-05473-7, Verlag Piper
E
ndlich ist er da, der
vierte Fall von Bru-
no, Chef de police aus
Saint-Denis! Mit ihm
hat der schottische
Schriftsteller, Histori-
ker und politische Jour-
nalist Martin Walker
eine unvergleichliche
Figur geschaffen, die
mittlerweile Kultstatus
unter Krimiliebhaber-
Innen genießt. Einmal mehr zeigt Walker
auf, dass das Böse immer und überall
ist – auch in der scheinbar gemütlichen
französischen Provinz. Diesmal tritt bei
archäologischen Ausgrabungen ein To-
ter zu Tage, der eindeutig aus dem fal-
schen Jahrhundert stammt und Spuren
eines Gewaltverbrechens aufweist. Wie
immer muss Bruno gute Nerven bewei-
sen, um all die Fäden zusammenzufüh-
ren, die letztendlich zur Klärung des bri-
santen Falles führen.
£
Doris Schleifer-Höderl
}
Delikatessen –
Der vierte Fall für Bruno, Chef de police
Autor: Martin Walker
403 Seiten, € 22,90
ISBN 978-3-257-06819-1, Diogenes Verlag