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den Lack der Fassaden. Alles,

was uns im Leben begegnet,

hinterlässt Spuren – schö-

ne Erinnerungen wie auch

Verletzungen und Wunden.

Deshalb freut es mich, wenn

meine Bilder anrühren und

bewusst machen, dass wir

besser achtgeben sollten

auf unsere Mitmenschen,

die Umwelt und uns selbst.

Unser Leben und die Natur

sind viel zu wertvoll für all

die High-Tech Ablenkungen

rundherum.“

Einsamkeit und Stille

Vorbildern künstlerisch nach-

zueifern ist nicht ihr Ding.

„Höchstens vielleicht den rund

40.000 Jahre alten Höhlen-

malereien, deren Kraft und

Einfachheit mich fasziniert.“

Sind die Privatperson und

die Künstlerin Christa Dietl

gar ident? „Vielleicht mehr

als es mir oft lieb ist. Ich ar-

beite viel nach Bauchgefühl

und gehöre zu jenen, die das

Gras wachsen hören. Wenn

ich im realen Leben spüre,

dass etwas nicht passt, kann

es schon mal vorkommen,

dass ich unwirsch und im-

pulsiv oder auch mit Rück-

zug reagiere. Anders als bei

Bildern kann man im Leben

Fehler nachher leider oft

nicht mehr korrigieren.“ Ar-

beiten könne sie nur, wenn

sie in Ruhe gelassen wird und

sich in ihrem eigenen Tempo

darauf einlassen kann. Ein-

samkeit und Stille im Atelier

sind ihr persönlicher Luxus.

Christa ist zudem eine un-

ermüdliche Kämpferin dafür,

der Kunst den Stellenwert zu-

zubilligen, den sie verdient.

„Es ist ein Jammer, dass in

den Schulen über die Jahre

hinweg ausgerechnet die

künstlerischen Fächer fort-

laufend gekürzt werden. Für

unsere Gesellschaft wäre es

wichtig, Kinder und Jugend-

liche viel mehr mit verschie-

denen Formen von Kunst zu

konfrontieren. Ich bin fest

davon überzeugt, dass eine

Beschäftigung mit moder-

nen Werken der Literatur,

Musik und Bildenden Kunst

die Entwicklung zu weltof-

fenen und toleranten Men-

schen wesentlich fördert. Und

auch für ältere Mitmenschen

gilt: Nichts hält so jung wie

die Beschäftigung mit zeit-

genössischer Kunst!“

£

Erde, Sand sowie Öl-

farben und Pulverpigmente

und lasse dabei das Material

selber zu einem wichtigen

Ausdrucksträger werden.

Ein roter Faden, der sich

durch die meisten meiner

Arbeiten zieht, sind viele

Farb- beziehungsweise

Materialschichten überei-

nander. Manches spare ich

dabei aus oder lege vorher-

gehende Schichten durch

Ritzen und Schaben später

wieder frei.“

Vielschichtige Malpro-

zesse sind für Christa Dietl

eine Metapher dafür, wie

sich uns allen das Leben

darstellt und wie wir die

Dinge wahrnehmen. Bei

ihrer Arbeit begibt sie

sich auf die Suche nach

dem Kleinen, Einfachen

und Verborgenen. „Dem,

was man ansonsten links

liegen lässt oder gar nicht

sehen kann“, erklärt Dietl.

„Wenn ich Farbschichten

herausritze, dann decke

ich sozusagen alte Spu-

ren auf oder schaue hinter

»Die Beschäftigung mit modernen

Werken der Literatur, Musik und

Bildenden Kunst fördert wesentlich

die Entwicklung zu weltoffenen

und toleranten Menschen.«

»Unser Leben und

die Natur sind viel

zu wertvoll für

all die High-Tech

Ablenkungen

rundherum.«



fotos: pia dietl

archiv dietl

In ihrem Atelier lässt die

Künstlerin Bilder-Welten

entstehen, die Verborgenes

sichtbar machen und

Einfaches zu Großem

werden lassen.

kunst

momag 355 | oktober 2017