momag 359 | MÄRZ 2018

 literatur pathetisch klingen, aber er hat die gleiche Berechti- gung wie der Satz „Stell dir vor, morgen ist Krieg und keiner geht hin!“ Schuldzu- weisungen enden immer in einer Tragödie, wenn man nicht konsensbereit ist. Auch „Vergelten“ und „Vergessen“ spielen eine entscheidende Rolle in „Balkanfieber“. Kann das überhaupt funktionieren bzw. darf es überhaupt stattfinden? Es ist immer eine persön- liche Entscheidung. Wenn ich dazu bereit bin, zu ver- geben, dann funktioniert es auch emotional und ich muss nicht vergelten. Mit dem Vergessen ist es so eine Sache. Am Balkan ist von all den schrecklichen Ereignis- sen nichts vergessen. Es ist noch immer alles vorhanden und im Kopf abrufbar. Ich bin auch der Meinung, dass man nicht vergessen sollte, vergeben hingegen schon. Es kann sich nur etwas zum Guten wenden, wenn man auch dazu bereit ist. Was nicht heißen soll, dass zu vergeben eine leichte Sa- che ist – überhaupt nicht. Für die persönliche und die gesellschaftliche Weiter- entwicklung ist vergessen sogar hinderlich, vergeben hingegen essenziell. Im Fall des Balkans dürfen die Mas- sengräber nicht zugeschüttet bleiben, sie müssen geöffnet werden, um aufzuzeigen, dass so etwas nie mehr passieren darf. All dies ist ungemein schmerzlich, aber wichtig, um zu einem Vergeben ge- langen zu können. Bleibt es ein Traum, dass Menschen und Völker sich je versöhnen? Vielleicht, aber wäre es nicht schlimmer, wenn es diesen Traum nicht geben würde? Natürlich wird bewusst mit Feindbildern gearbeitet, da stehen immer Lobbys mit fi- nanziellen Interessen dahinter. Man kann nicht einer Kriegs- partei den schwarzen Peter zuschieben. Jeder, der Krieg  »Schuldzuweisungen enden immer in einer Tragödie, wenn man nicht konsensbereit ist.« Der Petzenkirchner Dietmar Gnedt (60) ist Sozialpädagoge, Schriftsteller und Bibliothekar sowie Gründer der Literaturgruppen „black ink“ und „Linienspiegel“. Beim „Wiener Werkstattpreis“ belegte er im Jahr 2000 einen dritten Platz der Publikumswertung. 2011 wurde sein Beitrag im Rahmen des „Literaturpreis Forum Land“ veröffentlicht. 2014 wurde er mit dem italienischen „Mario-Rigoni-Stern-Preis“ ausgezeichnet. In Zusammenarbeit mit Milo Dor entstand das Projekt „aqua mediterran“. Mehrere Aufführungen erfolgten im Orpheum Wien. Gnedt arbeitete mit dem Komponisten Gandalf im Rahmen des Projekts „Der Nachlass Domenico Minettis“ zusammen. Außerdem schreibt er Texte für Sendungen im ORF, ERF und Radio Africa. ZUR PERSON pfeilgerade Unser Wasserglas E s stand neben der Abwasch. Das ganze Jahr über. Und es war sehr bedeutungsvoll. Unverwüstlich dick das Glas, milchig vom Kalk. So gerippt und ziemlich schwer. Unten drinnen etwas bräunlich vom vielen Gebrauch. Nicht, dass wir nur ein Trinkglas ge- habt hätten damals. Aber die, sagte meine Mutter, nehmen wir, wenn Besuch kommt. Onkel Hermann aus Wien mit seinem grasgrünen VW Kä- fer zum Beispiel. Oder Onkel Fritz mit dem roten. Nur für besondere Anläs- se also, wurden die anderen Gläser aus dem Hängeschrank geholt. Die zerbrechlichen mit Blümchenmuster und ohne Geschichte. Barfuß vom Wald runter, Dreck an den Fersen, rein in die Küche. Was- serglas mit eiskaltem Brunnenwas- ser füllen. In einem Zug austrinken. Köstlich war es immer, unser Wasser. Danach auf die Nirosta-Abtropftasse stürzen. Raus ins Freie, in den Garten, zur Ybbs, ins Baumhaus, zu den Hasen hinterm Haus, in die Heide, Maikäfer zählen. In den schneereichen Wintern wurde man vom vielen bergauf ren- nen mit der Rodel auch sehr durstig. Konnte jemand vor lauter Durst nicht warten, hängte er sich unter den Was- serhahn. Es war nicht gestattet, ein anderes Glas „rauszureißen“. Wäre uns auch nicht in den Sinn gekom- men. Wozu auch. Schnell, praktisch, erfrischend. Wenig Arbeit. Denn es gab keinen Geschirrspüler in unserem Haushalt. Das macht es natürlich für mich heute umso verständlicher. Ich verbringe meine Zeit nicht mit Glä- serabwaschen, sagte meine Mutter, und ging in den Gemüsegarten. So- gar mein Vater benützte oft dieses eine Glas, um es mit Most zu befül- len. Danach wurde es gut gespült. Niemand wurde krank. Dann und wann fiel es zu Boden, das machte dem Glas nichts. Es war robust. Es gehörte zu uns. Oh! Morgen kommen Kinder zu Besuch: „Neiiiiin, das mit der Micky Mouse will ich, neiiiiin, das mit der Elsa Eiskönigin. Mit dem roten Stroh- halm, mit dem gelben Saft, nicht das kleine Glas, das hohe dort, zu warm, zu kalt, zu wenig befüllt…!“ Liebes Wasserglas von damals, manchmal vermisse ich dich sehr! Deine Waltraud £ waltraud hirner | Kematen/Ybbs waltraud@momag.at Versiert in allen Spiel- arten des melodiösen Jazz sind Trompeterin/ Sängerin Michaela Rabitsch und Gitarrist Robert Pawlik. Mit Quartet live am 28.4. in der Tischlerei Melk. Wir verlosen 3x2 Karten: Rabitsch & Pawlik Quartet Mitspielen unter www.momag.at/gewinnen Oder schreib unter Betreff: Rabitsch per Fax: 0650 5510222 oder per Post: momag, PF 9, 3340 Waidhofen/Ybbs Bitte Anschrift und Telefonnummer angeben! christian schreibmüller Die Singer/Songwriterin ist am 12.5. mit ihrer „When I Take To The Streets Tour 2018“ und Liedern wie „The Story Of You & Me“ oder „Survival“ im Linzer Posthof. Wir verlosen 3x2 Karten: Clara Luzia Mitspielen unter www.momag.at/gewinnen Oder schreib unter Betreff: Luzia per Fax: 0650 5510222 oder per Post: momag, PF 9, 3340 Waidhofen/Ybbs Bitte Anschrift und Telefonnummer angeben! christoph liebentritt momag 359 | märz 2018 10 | mostviertel magazin

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