momag 362 | JUNI 2018

 bühne selbst Weingüter. Also mein Cousin und meine zwei Tanten. Ich bin auch gerne dabei, auch bei der Weinle- se. Ich mag das auch gerne, den ganzen Prozess, weil ich damit aufgewachsen bin. Hätte ich ein Glas Wein bestellen sollen? Nein! Es ist 10 Uhr vormit- tags, ein wenig zu früh (lacht). Sind Menschen mediterranen Geblüts talentierter zum Schauspielern? Ja (lacht). Vielleicht. Das ist aber nicht nur in Italien so. Ich glaube nicht, dass sie talentierter sind, aber sie lassen es mehr im Alltag zu. Das hat jeder in sich. Wenn Kinder spielen, sind sie nicht Schauspieler, machen aber etwas ähnliches, was auch wir Schauspieler machen. Sie versetzen sich in Situa- tionen hinein und leben die dann lebensecht nach. Ich glaube, jeder von uns spielt auch im Alltag, der eine mehr, der andere weniger. Die Ita- liener haben vielleicht mehr Körperlichkeit, wie auch Spanier. Sie benutzen ihren ganzen Körper (lacht). Auch in der Sprache. Das macht man hier vielleicht ein biss- chen weniger. Haben Sie irgendwann einmal überlegt, ob die Schauspielerei die richtige Berufswahl ist? Es ist das, wo mein Herz dran- hängt und was ich wirklich liebe. Natürlich hinterfragt man sich auch immer wie- der, zweifelt auch an sich selbst. Aber ich habe schon das Gefühl, dass der Beruf der richtige ist. Es gibt ein Kinderbuch von Leo Lionni, das ich sehr gerne gelesen habe. Da geht es um eine kleine Maus, den Frederick, der immer nur dasitzt und schaut. Er schaut sich die Wiese an, die Blumen und die Sonne. Alle anderen Mäuse sagen immer „Du tust nichts. Warum tust du nichts? Wa- rum arbeitest du nichts? Wir bereiten uns auf den Win- ter vor und sammeln Nüsse und machen alles, damit wir gut durch den Winter kom- men.“ Er sagt darauf immer „Ich sammle Sonnenstrah- len. Ich sammle das Grün der Wiesen.“ Dann gehen diese ganzen Mäuse in den Bau hinein, es wird Winter, sie essen ihre Vorräte, bis es irgendwann keine mehr gibt. Dann gehen sie zu Frederick und fragen „Was ist? Du hast »Über Geschichten andere Menschen wieder daran erinnern, dass es eben ganz viele Lebensmöglichkeiten, Realitäten gibt.«  »Ich glaube, jeder von uns spielt auch im Alltag, der eine mehr, der andere weniger.« familienlektüre Erbstück andrea kromoser | Waidhofen/Ybbs Workshops, Buchgespräche, Seminare www.familienlektuere.at I ch lese „Meine ganze Familie“ von Gerda Raidt, ein Sachbuch für Kin- der und Familien, das von Genera- tionen erzählt, von Stammbäumen und wie wir alle, über viele Verästelungen, verwandt sind. Hier steht: „Viele deiner Vorfahren konntest du nie treffen, denn sie haben gelebt, als du noch nicht geboren warst. Doch obwohl du sie nicht kennst, besteht eine Verbindung zwischen euch. In manchen Familien gibt es Erbstücke, durch die man diese Verbundenheit sehen und spüren kann.“ Obwohl ich meine Oma gut gekannt habe, denke ich trotzdem sofort an ihre Kette. Wo nur habe ich sie aufbewahrt? Lange nicht mehr gesehen, das gute Erbstück! Dieses Mal zeige ich hier also kein Foto aus einemmeiner Alben, sondern eines, das ich aufgenommen habe, gleich nachdem ich abends erfolg- reich Omas Kette fand. Die Perlen sind aus Kunststoff, niemand weiß, wie sie in Omas Schmuckkassette kam. Viel- leicht war die Kette schlichtweg ein Werbegeschenk. Denn eigentlich ist es schwer vorstellbar, wie sie sonst zu Oma gelangte, wo diese doch nur zarten Goldschmuck trug, soweit ich mich erinnere. Mit der Kette um den Hals kann ich sie mir schwer vorstel- len und mich selbst ehrlich gesagt auch. Den trotzdem immens hohen „Goldwert“ muss ich hier jedoch be- stimmt nicht extra erwähnen... Als ich mich wieder meiner Lektüre zu- wende, lese ich da: „Vererbt werden oft Dinge, die lange halten und be- sonders geliebt werden.“ Oder kuri- ose Geschichten zu erzählen haben, denke ich mir noch – und dass Oma darüber schmunzeln würde.  Meine ganz Familie | Gerda Raidt ISBN 978-3-407-82343-4 Beltz & Gelberg 2018 momag 362 | juni 2018 62 | mostviertel magazin

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