momag 368 | FEBRUAR 2019

S ie haben sich still und leise in die Ge- sellschaft geschlichen: Die Coffee-to- go-Becher. Was Starbucks vormachte, gibt es bereits in jedem kleinen Café. Heißer Kaf- fee rein in den Becher (und in den Menschen) und schon fliegt der Becher wieder weg. Wir ha- ben den Behälter sehr kurz in Gebrauch und er braucht Jahre, um sich zu zersetzen. Der Coffee- to-go-Becher steht repräsentativ für die Wegwerf- gesellschaft, die schön langsam etwas Gegenwind bekommt: Die EU fängt damit an, Einwegplastikpro- dukte wie Becher, Strohhalme oder Wattestäbchen zu verbieten. Reparaturcafés wie das in Amstetten gibt es bereits in vielen Städten. Für all jene, die gerne gebraucht einkaufen und so ebenfalls die Umwelt schonen, gibt es Secondhand-Shops wie die Fundgrube in Hausmening. Kleidung, Schuhe, Dekoartikel oder kleine Möbel können dort bil- liger erworben werden. £ Wegwerf- gesellschaft Reparieren statt termine online | facebook.com/Repcaf.Amstetten leuchtet. Nach und nach tref- fen sie ein, Menschen mit kaputten Geräten und jene Menschen, die ihnen helfen, sie zu reparieren. Der Repa- raturcafé-Abend beginnt. Umweltbewusstsein gewachsen Entstanden ist die Idee im Kopf von Andreas Haker. In seiner Freizeit reparierte der junge Mann immer wieder Spielkonsolen. Bis er sich dachte: Es wäre schlau, das für mehr Menschen zugäng- lich zu machen. Auf eine entsprechende Anfrage via Facebook meldeten sich ei- nige, die gerne mitmachen wollten. Andreas vereinbar- te mit dem Cafébesitzer ei- nen ersten Termin im Jän- ner 2018. Zu diesem ersten Reparaturcafé kamen dann tatsächlich zirka 30 Besu- cher. Das war etwas stres- sig, erinnert sich Andreas, denn damit habe niemand gerechnet. Bereits damals merkte er: „Das Umweltbe- wusstsein ist auf jeden Fall gewachsen. Der Gedanke, etwas zu reparieren, und sei es nur die Fernsteuerung, ist da. Die Menschen möchten nichts wegschmeißen, wenn es nicht sein muss.“ Inzwischen hat sich Steve um den Kerzenleuchter von Brigitte angenommen. Der gebürtige Brite ist Maschi- nenbauer und Hobby-Elektri- N och vor dem offiziellen Beginn trudeln die Men- schen im Café Winter’s in Amstetten ein. Sie bestellen Kaffee und Tee und plaudern sofort angeregt miteinander. Sie kennen sich teilweise, denn manche sind nicht zum ersten Mal hier: Brigitte zum Beispiel, die beim letzten Mal in das lauschige Hinterzim- mer gekommen ist, um ih- ren Kochtopf reparieren zu lassen. Sie sei zufrieden ge- wesen, erzählt sie mit einem Lächeln, der Topf funktioniert wieder. Jetzt ist sie mit einem Kerzenleuch- ter da, der einen Wackelkontakt hat und nur manchmal von daniela rittmannsberger fotos: daniela rittmannsberger familienlektüre Zugfahren wirkt andrea kromoser | Waidhofen/Ybbs Workshops, Buchgespräche, Seminare www.familienlektuere.at W ann sind Sie zuletzt mit dem Zug gefahren? Wann haben Sie zuletzt die ganze Strecke lang aus dem Fenster ge- schaut und nach- gedacht? Wenn Städte, Dörfer, Straßen, Häu- ser, Bäume und Menschen auf Bahnsteigen vor- beiziehen, dann ziehen auch die Gedanken. So ist das doch beim Zugfahren, oder nicht? Wenn Gedanken lange genug rei- sen dürfen, dann formen sie sich, werden entlang der Strecke immer klarer. So manche Ideen, Lösungen oder Entscheidungen sind Zügen zuzuschreiben. Zugfahrten können den Durchblick verschaffen – oder auch den Überblick. Marthas Reise | Christina Laube & Mehrdad Zaeri ISBN 978-3-95728-185-2 Knesebeck 2018 Im Bilderbuch „Marthas Reise“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri beginnt das Mädchen Martha ihre Reise, als die Bahnhofsuhr Viertel nach Zwei zeigt. Wenn sie ankommt, ist es vier Uhr. In diesen beiden Stun- den schauen wir mit ihren Augen aus den Zugfenstern und versinken in Mehrdad Zaeris beeindruckenden Bildern. Einzelne Elemente der Illus- trationen wurden in sogenannter La- sercut-Technik ausgeschnitten. Auch das verschafft Durchblick – und zwar von einer auf die nächste Seite und nach dem Umblättern wieder zurück auf die vorherige. Wie zarte Scheren- schnitte wirken diese fragilen Bilde- lemente, die Marthas Gedanken- und Fragenreichtum bildlich zu Papier bringen. Lassen wir uns von Martha inspirieren! Hier noch einer ihrer „Zuggedanken“: Wenn ein Mensch an einem Ort stark verwurzelt ist, möchte er gerne dort bleiben. Doch kann man seine Wurzeln mitnehmen, „wenn sie noch klein genug sind? So, wie man eine Pflanze in einem Topf mitnehmen kann?“ £ momag 368 | februar 2019 12 | mostviertel magazin

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