momag 368 | FEBRUAR 2019

Freizeit ≠ freie D ass die Anglizismen wie Außerirdische gekommen sind, um die deutsche Spra- che zu „bereichern“ – je nach- dem, wie man’s sieht – sei an dieser Stelle nicht das Thema. Es geht uns um Freizeit und Hobby, ein wichtiger Aspekt für das seelische Gleichge- wicht eines Menschen, ein Faktor für die Wirtschaft, ein Bereich, der Innovationen zu- lässt und sucht. Je nachdem, wo man steht und in welche Richtung man blickt. Ausgleich zum Arbeitsalltag Im Grunde unterscheidet die Zivilisation von der „nicht zivilisierten“ Welt vor allem eines: das liebe (?) Geld. Fairerweise nennt der Du- den in seiner Definition für die Zivilisation lediglich die „Gesamtheit der durch den technischen und wissen- schaftlichen Fortschritt ge- schaffenen und verbesserten »Wann war dir das letzte Mal so richtig schön langweilig?« von michie könig sandra zahnt  thema panoptikum Langeweile versus kurze Weile W er sich die Zeit nehmen kann, der verfügt über sie. Wer hingegen stets knapp an eigener Zeit ist, läuft Gefahr, sein Dasein zu hyperventilie- ren und stets zu torkeln. Es hat und kann etwas, Pausen einzulegen und die Betriebsamkeit herunterzufah- ren. Dicht an dicht gereihte Termine verleiten dazu, beständige Leben- digkeit zu dokumentieren und die eigene Bedeutsamkeit zu überschät- zen. Der Preis für diesen Lebensstil, wenn er über längere Zeit praktiziert wird, kann hoch sein, wenn der Kör- per plötzlich die Reißleine zieht und das weitere Mitspielen verweigert. Die Qualität der Schildkröte geht verloren und das nervöse Hasten des hakenschlagenden Hasen übernimmt das Handeln. Schildkröten können laut dem Philosophen Khalil Gibran mehr über Straßen erzählen als Ha- sen. Langsamkeit, Bedächtigkeit, Ent- schleunigung und das Betreten wei- ter, offener Räume, kräftiges Durch- atmen, Selbstbestimmtheit, Freiheit und Eigenverfügbarkeit treten auf den Plan und kommen zu ihrem Recht. Das Empfinden verändert sich, die Sinne wachen auf und senden Botschaften: „Kennen wir uns nicht? Wo waren Sie all die Zeit?“ Es wird nicht gedrängt, sondern abgewartet. Die große Ord- nung der Evolution gebietet es. Der Rhythmus bleibt im Rhythmus und verhindert ein folgenschweres Zu- sammenbrechen. Das Durchhalte- vermögen wird trainiert. Warten be- deutet „es kommt noch etwas“. Es ist also eine Willkommenshaltung samt Einladung an das Ungewisse. Die kurze Weile fordert aber vehe- ment die Echtzeit ein und will perma- nentes Streaming. Beobachtungen, Zufallsfunde, Entwicklungen und Un- erwartetes gehen durch Ungeduld allerdings verloren, denn gerade das absichtslose Warten ermöglicht allerlei Gelegenheiten. Das Warten der Natur ist die Voraussetzung für den optimalen Zeitpunkt. Der nächste Frühling kommt mit Sicherheit und weder der Fluss kann dazu getrieben werden, schneller zu fließen, noch die Grashalme gezwungen werden, rascher zu wachsen. Stellen Sie sich vor, Sie verpassen aus Unachtsamkeit noch den eigenen Tod! £ artis franz jansky-winkel | Loosdorf artis@momag.at matthias baumgartner sandra zahnt fotos: colourbox.com 22 | mostviertel magazin

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