momag 378 | FEBRUAR 2020

maßen. So entsteht schon früh ein Verständnis für die eigene und die ande- re Wahrnehmung. Wir kön- nen lernen, dass wir uns so annehmen müssen, wie wir eben gestrickt sind. Daniel: Kinderbücher als Me- dium bieten uns vielseitige Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen und Dinge ent- decken zu lassen. Sowohl vi- suell als auch sprachlich. Die Bezeichnung Kinderbuch ist ja irreführend, da gute Bücher nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen gefallen. Inwieweit hat die Ergotherapeutin Isolde Fehringer Ihre Expertise in die Bücher einfließen lassen? Isolde: Das Konzept, das wir ins Buch verwoben haben, heißt Sensorische Integra- tion: Wir müssen unsere Basissinne – Gleichgewicht, Tiefenwahrnehmung und Berührungsreize – gut im Gehirn verarbeiten, damit wir uns in Raum und Zeit organisieren können. Eine Voraussetzung, um uns im Alltag gut zurechtzufinden, aber auch, dass wir lernen können. Kinder müssen des- halb ihren Körper gut spüren und damit agieren können. Brauchen Kinder und Eltern von heute Geschichten, die in bestimmten Situationen weiterhelfen können? Isolde: Nicht erst seit Hans Christian Andersen oder den Gebrüdern Grimm gibt es Geschichten, um Gefühle zu verarbeiten. Ich werde im- mer wieder in Kindergärten zu Elternabenden eingela- den. Hier wurde mir eini- ge Male erzählt, dass unser Bummbummmit stürmischen Kindern gelesen wurde, die dann mit der Aussage „Das bin ja ich!“ reagierten. Mir ist es daher auch wichtig, das Buch positiv aufzulösen und auf die Ressourcen hin- zuweisen. Ich denke, dass das Sich-selber-erkennen in den Büchern Kindern und Eltern helfen kann, eine Verände- rung zuzulassen. Daniel: Informationen, die in eine Geschichte verpackt werden, funktionieren viel effektiver und emotionaler als bloße Fakten. Da wir in Bildern denken, verknüpfen wir die in der Erzählung trans- portierten Informationen mit bereits Vorhandenem und Er- lebtem und merken uns so die Dinge besser. Darüber hi- naus stärkt das gemeinsame Eine herzerwärmende Geschichte  literatur  familienlektüre Hält jedem Wetter stand andrea kromoser | Waidhofen/Ybbs Workshops, Buchgespräche, Seminare www.familienlektuere.at I mmer wieder über die Begeiste- rung für Bücher zu schreiben, mag abgedroschen wirken. Auch mag es wenig überraschen, dass ich als eine, die Bücher liebt, auch jene Bücher mag, die von dieser Liebe zum Lesen be- richten. Doch habe ich mit „Clara und der Mann im groß- en Haus“ von María Teresa Andruetto und Martina Trach ein Werk in Händen, dem ein Platz an dieser Stelle sicher ist, weil es das Thema „Ein Buch über Bücher“ beeindruckend und neu er- zählt. In dieser Geschichte über die Begegnung zweier Menschen und ihre gemeinsame Leidenschaft fürs Lesen werden wir zudem zum Versinken in kunstvolle Illustrationen geladen. Jede Leserin, jeder Leser braucht zumindest eine Person im Leben, die ihr oder ihm Lesefreude authentisch vermittelt. Für Clara, das Mädchen aus dem Bilderbuch, das „vor vielen Jahren in einem Dorf in der argen- tinischen Pampa“ spielt, ist es Juan, der Señor aus dem Haus am Rande des Dorfes, der eines Tages, als sie ihm die frisch gemachte Wäsche liefert, ein Buch zum Geld unter die Fußmatte legt. Für viele Kinder von heute sind es Eltern und Großeltern oder jene Menschen, die ihnen in Kin- dergärten, Schulen und Bibliotheken ausgewählte Bücher ans Herz legen. Erwachsene, die Vorlesen, die sich für (Kinder-)Literatur interessieren, die neugierig nachfragen und lautstark mitlachen. Auf diese Liebe zum Buch kommt es an, auf eine Begeisterung, die Wind und Wetter standhält, auf jedes einzelne Kind, das wir begei- stern! Davon werde ich ganz bestimmt immer wieder und wieder sprechen. £ Clara und der Mann im großen Haus | Von María Teresa Andruetto & Martina Trach Baobab Verlag 2019, ISBN 978-3-905804-97-3 N ichts macht der kleine Bär Bummbumm lieber, als mit anderen Kindern zu spielen und deshalb freut er sich schon ungemein auf den Kindergarten. Durch sein ungeschicktes Verhalten vergrault er die anderen Tiere. Erst die kluge Heidi Hummel findet eine Lösung für den richtigen Umgang miteinander. Auf liebevolle Weise machen die Autoren darauf aufmerksam, dass es Kinder mit Wahrnehmungsstörungen schwer haben im Umgang mit anderen. Eine herzerwärmende Geschichte für ein besseres Verständnis der unterschiedlichen Be- dürfnisse und somit ein wunderbares Plädoyer für die Rücksichtnahme auf das Besondere, das in jedem Kind steckt. £ elke reickersdorfer Der kleine Tollpatsch Bummbumm Isolde Fehringer, Klaus Ebenhöh, Daniel Spreitzer, ISBN 9783990287750, Verlag Bibliothek der Provinz »Es führt oft zu Missverständnissen, dass wir die Welt so unterschiedlich wahrnehmen.« momag 378 | februar 2020 24 | mostviertel magazin

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