momag 394 | SEPTEMBER 2021

Bewegend. Brisant. Berüh bleibt, der vergibt sich vieles. Woanders ankommen, an- deres zulassen hat etwas sehr Bereicherndes. Ange- kommen bin ich persönlich nach wie vor noch nicht end- gültig. Ich bin alles andere als ein Bleibender. Derzeit ist es die Engstirnigkeit der Gesellschaft dem anderen – bzw. anderem im Allgemei- nen – gegenüber, vor der ich flüchte. Indem ich versuche, mit meinem Schreiben dage- gen anzukämpfen. Warum greifen Sie ein durch die Pandemie so unpopulär gewordenes Thema auf? Die persönliche Betroffen- heit. Weil mein Leben nicht so eines ist, wo ich sagen kann: Hier stehe ich seit mei- ner Geburt und da bleibe ich fest verankert bis zu meinem Tod. Ich stelle mich selbst in Frage und beobachte mein Rundherum genau. Zudem habe ich viele Freunde und Bekannte aus anderen Kul- turkreisen. Sie erweitern mei- nen Horizont und zeigen mir die Vielfalt, die Gesellschaft ausmacht, auf. Corona wäre die Chance, auch in diesem Wovor sind SIE auf der Flucht? (lacht) Mit jedem Lebensab- schnitt vor etwas anderem. Der Fluchtweg passt sich dem an, was einen gerade bewegt. Beispielsweise war ich in meiner Gymnasiumzeit auf der Flucht vor meinem Matheprofessor. Wer nie auf der Flucht ist und immer fest verwachsen an einem Punkt »Wenn immer alles nur „happy life“ ist, dann bringt dich das persönlich nicht weiter.« fotos: doris schleifer-höderl W as die Ameise für das Waldkol- lektiv ist, muss der Wirt für die Kollektivgesundheit werden. Zag- hafte erste Schritte auf dessen Karri- ereleiter als Gesundheitspolizei sind getan, jetzt darf man nicht stehen bleiben. Jahre sind ins Land gezogen seit jenen Tagen, als der Arztposten im Wirtskittel einen Beitrag zur Ni- kotinentwöhnung seiner Registrier- kassenpatienten zu leisten begann. Manche lohnten es ihm, indem sie ohne weiteres ausblieben. Die un- bekümmerten Zeiten sind vorbei, als man meinte, seine Gesundheit am besten bewahren zu können, mit einem Arzt zu speisen, zu trinken und zu tarockieren. Mit der Virenverseuchung weiter Landstriche des Planeten und den Be- mühungen um deren Eindämmung konnte der nächste Karriereschritt gewagt werden. Fand man früher mit der 2G-Regel für den Eintritt in die Gaststube das Auslangen, näm- lich geschnäuzt und gekampelt, sind nun drei weitere G hinzugekommen. Es soll schon vorgekommen sein, dass mancher Gastronom bei vollem Wartezimmer mit dem Studium der Krankenakten seiner Schutzbefoh- lenen befasst, gar nicht mehr zum Kochen und Zapfen gekommen ist. Man spricht bereits von Virenlast. Darunter leidet auch die spezifische Funktion der Wirtsleute als psycho- sozialer Dienst. Der nächste Karriereschritt für den Schankwirt fehlt indes noch immer: die Koppelung sämtlicher Gesund- heitsdaten mit dem Einkommen. Das Wohlergehen des Gastes wäre in ei- ner Hand, in der des Wirts als medi- zinisch Bevollmächtigtem und Erzie- hungsberechtigtem. „Was wollen Sie, ein Gordon bleu und ein Krügel Bier? Wenn ich mir Ihre Blutwerte und den Lohnzettel anschaue, gehen sich ge- rade Tofuwürstel ohne Saft aus und ein rechtsdrehendes Quellwasser.“ Ethisch Anspruchsvolle werden den Entfall des Trinkgeldes mit Hinweis auf die Schädlichkeit des Trinkens und die Schändlichkeit der Bestechung als Selbstverständlichkeit längst verin- nerlicht haben. Zum Schluss hätten wir alle was davon: Nachdem die Kranken- in Gesundheitskasse umbenannt wur- de, könnte man sich für Kranke als unzuständig erklären. £ gerhard hintringer | St.Pölten gerhard@momag.at panoptikum Aus dem Wirtshaus ZUR PERSON Der Petzenkirchner Dietmar Gnedt (64) ist Schriftsteller, Bibliothekar und Sozialpädagoge. Beim „Wiener Werkstattpreis“ belegte er im Jahr 2000 den dritten Platz der Publikumswertung. 2011 wurde sein Beitrag im Rahmen des „Literaturpreis Forum Land“ veröf fentlicht, drei Jahre später mit dem italienischen „Mario-Rigoni-Preis“ ausgezeichnet. Er arbeitete mit dem Komponisten Gandalf im Rahmen des Projekts „Der Nachlass Domenico Minettis“ zusammen. 2018 verwirklichte er das Bühnenprojekt „Balkanf ieber“ nach seinem gleichnamigen Roman. momag 394 | september 2021 50 | mostvier tel magazin

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