momag 399 | März 2022

Antworten finden Welche Bedeutung hat bei uns zum Beispiel das Er- wachsen werden? Es ist der Zugang zu neuen Rechten und vor allem Pflichten. Die Jugendzeit ist abgehakt. Wie wird die erreichte Großjäh- rigkeit bei uns begangen? Meistens recht mager und nicht sehr nachhaltig. Man ist eben „reif“ geworden. In ursprünglichen Gesellschaf- ten aber wird die Zugehö- rigkeit zu den Erwachsenen vom ganzen Stamm gefeiert und bekräftigt. Der Übertritt vom Jugendlichen zum Er- wachsenen böte ein tolles Motiv, eine Visionssuche zu machen. Auf den Punkt gebracht gehst du bei deiner Visions- suche drei oder vier Tage und Nächte am Stück alleine und fastend – nur Wasser darf mitgenommen werden – in die Natur und kommst da- nach zurück, um deine Ge- schichte zu erzählen. Auch kleinere Formate dienen der Visionssuche: zum Bei- I n jedem Menschenleben gibt es gelegentlich Zeiten großer Fragestellungen, die sich nicht ad hoc beantwor- ten lassen. Es passieren auch unvorhergesehene Ereig- nisse, wie der Tod eines na- hen Angehörigen, Arbeits- platzverlust, eine Trennung, Krankheit, Wohnortwech- sel etc. Auch neue Lebens- abschnitte erfordern neue Ausrichtungen – wie Volljäh- rigkeit, Berufseintritt oder Berufswechsel, Pensionie- rung. Es können aber auch Lebenskrisen sein, welche Veränderungen erzwingen. Naturritual der amerikanischen Ureinwohner Wer einen großen, mutigen Schritt in unbekanntes Neu- land wagen will, kann sich für eine Visionssuche entschei- den. Sie stammt aus Amerika und wurde in Adaptionen für die weiße Welt aufbereitet. In jedem Lebensalter bietet sie eine bereichernde Erfahrung. »Vor sich selbst davonlaufen kann man nicht.« von artis franz jansky-winkel  bewusstsein robert voglhuber | Biberbach vohu1biberbach@gmail.com I n den letzten Monaten habe ich mich mit den großen Komödien von Molière beschäftigt. Sie glän- zen bis heute in ihren geschliffenen Dialogen, sprühen vor Wortwitz und beweisen, dass sich seit 400 Jahren die Menschen nicht verändert haben. Molière schreibt von der Kenntlich- keit der menschlichen Zustände. Die von ihm angelegten Typen haben bis heute Aktualität, in der sogenannten Pandemie besonders: „Der Hypochon- der“ oder auch bekannt als „Der ein- gebildete Kranke“ mit der Titelfigur Argan. Im französischen Original: „Le Malade imaginaire!“ Fällt Ihnen was auf? Die Übersetzung „Der eingebil- dete Kranke“ ist falsch. Dem deut- schen Titel nach müsste die Titelfigur eingebildet und krank sein. Jedoch nein, er ist nicht eingebildet, er bildet sich die Krankheit ein, „eingebildet krank!“ Er ist ein Hypochonder. Das ist so, wie oft fälschlicherweise „der abgebrochene Student“ gesagt wird. Der Student ist nicht abgebrochen, er ist ein Studienabbrecher. Fach- sprachlich werden solche Bildungen isolierte Partizipien (Mittelwort) ge- nannt. Ich schweife ab. Nun gut, der eingebildete Kran- ke, der Hypochonder also, schenkt naiv jedem Arzt Glauben. Er ist aber gar nicht krank. Er ist der gesunde Kranke. Hat keine Symptome. Wie viele von uns heute „positiv gete- stet“ sind, aber gar keine Symptome haben. Das ist das Gefährliche an dieser Krankheit: die weitgehende Symptomlosigkeit und deren schnelle Ausbreitung. Die Symptomlosen sind besonders gefährlich. Sie sind zwar nicht krank, aber sie könnten krank sein. Sie sind nur nicht krank, weil sie keine Symptome haben. Sie sind gesund, und das ist das Gefährliche an dieser Krankheit. Das sind nämlich die Gesunden. Die sollte man auf je- den Fall meiden. Wie viele Gesunde, die nur positiv sind und sonst nichts haben, sind isoliert und in Quarantä- ne und dürfen nicht zur Arbeit!? Wir leben in einer Pandemie der Sym- ptomlosigkeit. Hoffentlich überlegt sich bald Pfizer einen Impfstoff gegen die Symptomlosigkeit der Gesunden. Den hätte der „Eingebildete Kranke“ auch schon gebraucht. £ panoptikum Der eingebildete Kranke fotos: ar tis franz jansky-winkel momag 399 | märz 2022 32 | mostvier tel magazin

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