momag 401 | Mai 2022

Ein Versuch, sie zu verstehen Jugendforschung. Wie ist „diese Jugend von heute“? W ie schon so oft über- fliege ich auf der Start- seite des Innenministeriums die angeführten aktuellen In- itiativen – und bleibe plötz- lich beim Mental Health Ju- gendvolksbegehren hängen. Mentale Gesundheit? Worum geht ’s hier? Als Sozialpädagogin wer- de ich natürlich gleich neu- gierig und beginne zu lesen: „Mentale Gesundheit ist die Grundvoraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben, welches nicht durch Ängste oder Selbstzweifel geleitet wird. Die Situation der psy- chischen Gesundheit unter Kindern und Jugendlichen hat sich in den vergangenen Jahren massiv zugespitzt und durch Covid-19 einen alarmierenden Höhepunkt erreicht. Wir fordern den Bundesgesetzgeber dazu auf, Maßnahmen im Bereich Men- tal Health bei der Jugend zu tätigen. Weil es darum geht, (Jugend-)Leben zu retten!“ Ist dieses Begehren über- trieben oder gerechtfertigt? Wie ist es um unsere Ju- gend bestellt, vor welchen Herausforderungen stehen sie in unserer unsicheren Welt? Wer sind überhaupt „die Jugendlichen“, die Mil-  thema | jugend heute von ursula kraft manuela pontesegger Traditionell und trendig D ie Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widerspricht ihren Eltern, legt die Beine übereinander und tyrannisiert ihre Lehrer. “ Dieses Zitat wird dem Philo- sophen Sokrates (470 – 399 v. Chr.) zugeschrieben. Und heute? Ich habe Schüler gefragt, wie sie sich selber einschätzen und war ob der Antworten erschüttert: Faul, respektlos, handy- und fortgehsüchtig, orientierungslos, naiv, unso- zial. Auf mein Drängen, doch auch mal was Posi- tives zu formulieren, fiel ihnen partout nichts ein. Das passt perfekt ins Bild, das auch Erwachsene von nachkommenden Generationen haben. Aber ist dem wirklich so? Klar sind sie oft respektlos, aber sind wir darin ein gutes Vorbild? Ich denke nicht. Sie sind selbst- bewusst, solange sie sich auf bekanntem Terrain bewegen, aber auch unsicher, wenn es darum geht, Entscheidungen für ihr zukünftiges Leben zu treffen. In der Handhabung von Tablet, PC und Handy unschlagbar, sind sie gleichzeitig im Informationsdschungel von Social Media völlig verloren. In einem Augenblick traurig, verzweifelt, depressiv – erlebe ich sie im näch- sten Moment freudig, lustig und zum Scherzen aufgelegt. Booster im Alltag Sie hängen gern mit Freunden ab, machen früh erste Liebeserfahrungen, probieren vieles aus, sind aber, was ihre Zukunft betrifft, doch sehr traditio- nell. Ein Großteil wünscht sich einen lieben Partner, Kinder und ein schönes Zuhause. Sie wollen einerseits unabhängig sein – und sicher nicht so werden wie die Erwachsenen –, freuen sich aber jedes Mal, wenn sie von der Schule nach Hause kommen, finden wertschätzende Worte für Eltern, Großeltern, Geschwister. Alles in allem also ganz normal. Ich erlebe sie jeden Tag als er- frischend, spontan, direkt, liebenswert – als „Booster“ im Alltag, als interes- sante Gesprächspartner, als augenöffnend! Ich denke nicht, dass sich Jugendliche sehr verändert haben. Es ist viel mehr die Zeit, in die sie hineingeboren wurden, die Gesellschaft, die sie um- gibt, die ganz anders ist als noch vor gar nicht allzu langer Zeit. Frei nach Joe Cocker: Jede Generation hat ihre Art, mit der Umwelt, mit dem Leben umzu- gehen. So auch die Jugend von heute! £ Manuela Pontesegger ist Lehrerin an der Fachschule Kleinraming manuela pontesegger Zum Thema: momag 401 | mai 2022 26 | mostvier tel magazin

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