momag 401 | Mai 2022

mostviertorial Löcher im Schirm & veganer Käse peter brandstetter | Petzenkirchen of f ice@peterbrand.at W ir sind Gewohnheitstiere. Das heißt, dass am Anfang alles im- mer ein bisserl dauert, bis es uns ge- fällt. Das Karierte oder das Gestreifte, der Sichtbeton, das Fertigessen, Jog- ginghose, Elvis-Tolle, Peckerl, veganer Käse oder die Meinung des Nachbarn. Aber nach gar nicht allzu langer Zeit haben wir uns dran gewöhnt und fin- den es sogar normal. Das ist gut für das psychische Wohlsein, weil sonst müssten wir uns ja ewig aufregen. Leider hat das auch eine Kehrseite. Das ist wie dauerndes Kreuzweh oder ein löchriger Schirm: man stumpft ab gegenüber dem Schmerz und es regnet halt durch; irgendwann merkt man es nicht mehr. Abstumpfen geht schnell. Dass in Syrien Städte zerbombt sind und Leute auf offener Straße erschossen werden, juckt kaum mehr jemanden! Ist da wo eine Schlagzeile? Dass der Regenwald täglich gerodet und da- mit die Lunge unserer Welt zerstört wird, holt keinen mehr vom Sofa; dass täglich 150 Arten an Lebewesen aussterben aufgrund des menschli- chen Raubbaus bringt keine Headline mehr. Nach kurzem Protest gewöh- nen wir uns an die Katastrophe und nehmen sie hin; Nicht alles sollte uns egal sein, dass wir es am Altar der Veränderung ge- dankenlos opfern. Vieles, was wir heu- te schätzen, ist älter als eine Mode. Orte die wir bereisen sind geprägt von Jahrhunderte alter Kunst und Kultur; andere bewundern wir we- gen der Üppigkeit ihrer Natur, die nur deswegen noch besteht, weil der Mensch noch kaum eingegrif- fen hat; auch unser Lebensstil hat äl- tere Wurzeln als wir denken; dass wir munter unsere Meinungen kundtun dürfen, mal blödere oder gscheitere TV- Kanäle anschauen und auch we- gen stockdummer Kauf- oder Wahl- entscheidungen nicht ins Gefängnis kommen, liegt an Werten, die erdacht und erkämpft wurden. Wir sollten wachsam sein und un- sere schützende Hand über einiges halten, das scheinbar selbstverständ- lich ist. Freiheit, Toleranz und Rechts- staatlichkeit sind Geschwister, die es nur im Family-Pack gibt – oder gar nicht! £ »Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen!« (George Orwell) Barocke Fest im Mostvier D er Schriftzug „Engelland“ unter einer allegorischen Darstellung Englands auf einem Gemälde im Stift Melk (siehe Foto) hat mit seiner Mehrdeu- tigkeit die Inspiration für das Programm der Internationa- len Barocktage 2022 geliefert. Während die EU und Großbri- tannien seit dem Brexit vielfach getrennte Wege gehen, findet der musikalische Austausch – von der Barockmusik über die Beatles bis zu Ed Sheeran – Eng[el]land. Unter diesem Motto wird in den Räumlichkeiten von Stift Melk und Schloss Pielach zu Pfingsten musikalisch Hochklassiges geboten  Gemälde im Dietmayrsaal mit der Inschrift Eng[el]land. fotos: daniela matejschek  musik momag 401 | mai 2022 4 | mostvier tel magazin

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