momag 405 | oktober 2022

Aufenthalte ebenso wie die Unterbringung bei allen Gruppen standardisiert und völlig gleich waren. Was ich in meinen Feld- studien mit über 60 Teilneh- menden außerdem sehe, ist, dass das Immunsystem nach Naturaufenthalten von zwei Tagen besser ausbalanciert ist als davor. Immunbiologische Werte, die vor dem Aufent- halt zu niedrig oder zu hoch waren, sind danach wieder im Normbereich. Und je „wilder“ und ökologisch intakter der Naturraum, desto stärker die gesundheitsschützende Wir- kung auf Psyche und Körper. Der japanische Umweltme- diziner Qing Li schließt aus seinen Erkenntnissen, dass man einmal pro Monat einen zweitägigen Kurzurlaub in einem Waldgebiet machen sollte, um gesundheitsschüt- zende Wirkungen zu erhal- ten. Meiner Meinung nach gilt bei Naturkontakt die Regel „so oft wie möglich“. Wälder sind auch am Rand von Großstädten leicht zu erreichen, oft mit öffentli- chen Verkehrsmitteln. Geht es vorrangig ums Aroma, oder ist auch der Kontakt mit dem Boden oder das Berühren der Bäume am Effekt beteiligt? Tatsächlich nehmen wir Pi- nen und andere gesundheits- schützende Terpene auch über die Haut auf, wenn wir zum Beispiel Baumharz berühren. Mikroben aus dem Erdboden können sich ebenfalls posi- tiv auf unsere Gesundheit auswirken. So wissen wir bereits, dass das sogenannte Mycobacterium vaccae aus dem Humus unsere Darmge- sundheit verbessert und un- ser Immunsystem trainiert, wenn wir es einatmen. Da- bei verfängt es sich nämlich an unseren Flimmerhärchen und wir schlucken die Bak- terien. Im Darm entfalten sie die genannten positiven Wirkungen. Neueste Studien zeigen, dass der Kontakt zu dem Bodenorganismus auch stimmungsaufhellend wirkt. Inzwischen gibt es sogar Grund zur Annahme, dass Mikroben aus unserem Darm bis in die Lunge gelangen und unser Immunsystem dort im Kampf gegen Erreger un- terstützen. Kann die Kombination etwa mit Wasser – Baden im Fluss oder Teich – die Effekte beeinflussen? Es gibt Hinweise darauf, dass die Kombination aus Wald und Gewässer die Therapie von Depressionen, Angststö- rungen und Burnout unter- stützen kann. Diese Studi- en wurden aber nicht wei- ter verfolgt, da bei solchen Fragestellungen die finanzi- ellen Mittel fehlen. Es kann niemand von den Erkennt- nissen profitieren und heu- te kommt der Großteil der Wissenschaftsf inanzierung leider von Konzernen, die etwas vermarkten wollen. In Ihrem Forschungsprojekt lassen sich auch Auswirkungen auf weitere Bereiche, etwa Tourismus, andenken. Wie „leben“ Sie Ihre Erkenntnisse selbst im privaten Leben? Ich plädiere für einen ökolo- gischen, angepassten Touris- mus. Respekt vor Ökosyste- men und Naturerfahrungen könnten durchaus Teil des web | eisenstrasse.info steinakirchen-forst.gv.at kraeuterkraf twerk.at ZUR PERSON Karin Buchart (geb. 1963) studierte Ernährungswissenschaften. In ihrer Doktorarbeit Biogene Arzneimittel im Salzburger Pinzgau bearbeitete sie das alte Heilwissen und die Esskultur ihrer Pinzgauer Heimat. Sie ist Gründungsmitglied des Europäischen Instituts für angewandte Pf lanzenheilkunde, Buchautorin und Kolumnistin, publiziert im Bereich ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse und hält Vorträge. karin buchar t Wissensvermittlung. Das Alte Rathaus in Steinakirchen am Forst wurde mit viel Liebe zum Detail renoviert und als Zentrum für Bildung positioniert. Gleichzeitig fand in den vergangenen Monaten in der Region eine Erhebung von Kräuterheilwissen statt. M onika Vesely und Christa Ze- benholzer waren im Most- viertel unterwegs und haben mit vielen Einheimischen über das Sammeln von Kräutern, die Ver- wendung und deren Wirkung ge- sprochen. Bei der Eröffnung des Alten Rathauses erzählen sie in Anekdoten über die Begeis- terung der befragten Frauen und Männer, die ihr vielfältiges Wissen, teilweise auch in schriftlichen Aufzeichnungen, gerne weiterga- ben. Das Gebäude im Zentrum von Steinakirchen erfüllt nun wieder seine ursprüngliche Bestimmung als Ort der Wissensvermittlung, wurde es doch schon 1683 als Schulstandort urkundlich erwähnt, wie Bürgermeister Wolfgang Pöha- cker stolz berichtete. Karin Buchart, Koryphäe im Be- reich der heimischen Heilkräuter, betonte im Laufe des Abends, dass der Mostviertler Dialekt über ei- nige Ausdrücke verfügt, die ihr bisher nicht bekannt waren. Die „Schmier“, ihr als Salbe bekannt und der „Motschka“, eine breiige Konsistenz beschreibend. Und der aufgelegte Topfenwickel müsse „breckalat“ sein, dann hätte er seine Wirkung erreicht. Ein Schmunzeln geht durch die Runde, als die Frage auftaucht, wie denn so eine „Schmier“ zusam- mengesetzt sei. Das Mischungs- verhältnis ergibt sich aus „an bissl von do, a wengl von dem, und a noagl des do dazua“. Im Anschluss an die Präsentation gab es noch Kräuter & Bildung Anschauungsmaterial und einige Kostproben. Kräuterweibchen und Wissenschaft Die Vorstellung vom alten, buck- ligen Kräuterweibchen, das bei Vollmond um Mitternacht mit umgeh ängtem Buckelkorb durch den Wald streift, gibt es nicht mehr. Es existiert aber zum Glück doch noch sehr viel Wissen in der Bevölkerung. Viele Kräuter und Heilpflanzen werden bereits wissenschaf tlich auf ihre hei- lende Wirkung untersucht. Kren beispielsweise ist mittlerweile als Funktionsarzneimittel aner- kannt. Gerne als würzig-scharfe Beilage in der Küche verwendet, sorgt er, um den Hals gelegt, für Fiebersenkung. Zu diesem Zweck sind heute Essigpatscherl eher bekannt, die als Wadenwickel verwendet werden. Fast in Vergessenheit geraten sind Harz- und Pechsalben. Die- se Heilsalben hatten in früheren Zeiten in der Alpenregion eine große Bedeutung. Aber Achtung: Harz und Pech zu sammeln, ohne die Bäume dabei zu verletzen, er- fordert entsprechendes Wissen und die richtige Technik. Gehen wir mit offenen Augen durch die Natur, ein über Jahrhunderte übermitteltes Wissen darf nicht vergessen werden! £ gabriele schramel »Altes Heilwissen wird von Generation zu Generation weitergegeben.«  wald  gabriele schramel momag 405 | oktober 2022 40 | mostvier tel magazin

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