momag 405 | oktober 2022

lesestoff J eden Tag aufs Neue der gleiche Horizont und das über Jahre, als wäre er das Ende der Welt – da stehst du dann manchmal davor und denkst, aber meistens stehst du nur davor. Und an einem dieser selten ge- wordenen Tage, an denen du vor diesem verdammten Horizont nicht nur dastehst, sondern auch noch denkst während du da- stehst, passiert doch etwas. Aber nicht am Horizont, sondern viel näher. Plötzlich sitzt dieser Mann neben dir im Schaukelstuhl, elegant gekleidet, eloquent, mit gutem Ge- spür für eh fast alles und mit einem teuflisch guten Angebot in der Tasche. Dangerfield ist sein Name, sagt er. Und bald merkst du: Wo Dangerfield draufsteht, ist auch Danger- field drin. Denn was danach so alles mit dir und deiner Umgebung passiert, verschiebt den Horizont schon ganz gewaltig. Da ist dann so wirklich der Teufel los, kann man da nur sagen. £ hans anglberger Ein Mann mit vielen Talenten Castle Freeman ISBN 978-3-446-27402-0 Hanser Verlag hans anglberger Anglbergers Bildlegende Dangerfield E in selbstbewusster, aber auch liebevoller Arschtritt an alle Frauen, die noch nicht in ihrer Kraft sind. Und gar nicht sonderlich esoterisch, sondern einfach nur die Wie- derbelebung der Kraft, die in den letzten Jahrhunderten verloren ging. Eine Erinnerung daran, dass wir einmal selbstbestimmt, frei und wissend waren- und es noch immer sind, wenn wir es wie- der aus uns herausholen und mutig leben. Und diese Hommage an die Wiederermäch- tigung ist nicht aus einer Langeweile der Autorin heraus entstanden, sondern aus der schmerzhaften Unterdrückung dessen, was ihre Aufgabe im Leben war. Es bedeu- tet also auch, sich aus dem Sumpf heraus zu erheben und endlich die Aufgabe zu er- füllen, weswegen man da ist: Aus ganzem Herzen und mit vollem Wissen und mit al- ler Kraft – LEBEN! £ sonja raab Wir sind die Töchter der Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet Jasmin González ISBN 978-3-99060-237-9 Goldegg Verlag Bubble Yasmo & Die Klangkantine. Yasmin Hafedh gehört zu den vielschichtigsten Künstlerinnen des deutschsprachigen Raums. Die Wienerin ist Slam-Poetin, Rapperin, Veranstalterin, Sprecherin und war diesen Sommer gemeinsam mit ihrer 9-köpfigen Band und den Slam Poetry-Kolleginnen Mieze Medusa und Elif Duygu zu Gast in Lunz am See bei den „wellenklaengen“. Das momag war vor Ort, um mit Yasmo zu plaudern. uns immer vor dem Auftritt und summen uns quasi ge- genseitig an. Wenn ich alleine bin, dann atme ich einfach ganz tief ein und aus – und los geht ’s! (lacht) Wo darf man gesellschaftskritischer und politischer sein? Beim Poetry Slam oder im Rap? Man darf das überall sein. Das muss man auch gar nicht auf einer Bühne machen, son- dern das kann man auch in seinen Alltag integrieren, in- dem man zum Beispiel Müll trennt oder nicht jeden Tag das Steak aus Argentinien kauft. Es gibt schon Gesell- schaftskritik und politische Entscheidungen, die man für sich im normalen Leben tref- fen kann. Auf Bühnen kann man das natürlich auch ma- chen. Das ist für mich auch eine Form eines politischen Akts, wenn man so will. Es gibt nicht eines, wo es mehr Platz dafür gibt. Oder ich wünsch es mir so (lacht). Soll es mehr sein? Ich hätte nichts dagegen. Das Schöne an Kunst ist, dass alles Platz hat. Alles kann, nichts muss. Insofern kann man niemandem vorschrei- ben, dass es mehr wird. Aber „I fandats ned schlecht“. Ich weiß nicht. Wir leben in so einer komischen Zeit – was lustig ist, denn das hab’ ich vor fünf Jahren schon gesagt, und damals hat es auch schon gestimmt. Aber irgendwie wird es immer ärger. Es potenziert sich so und irgendwie müssen wir das verarbeiten. Mir hilft es natürlich, Texte und Musik zu schreiben, aber vor allem auch, anderen zuzuhören. Bei ihren Gedanken, die es in po- litischer Musik gibt. Also in Texten mit Inhalt. Worthülsen kann ich einfach nicht mehr hören. Vielleicht ist das auch eine Sache des Alters, aber diese ganzen Plattitüden, die petra or tner  interview: petra ortner  musik mostvier tel magazin | 57

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