13.12.2013 0 Kommentare

Faszinierend verstörend. Die legendäre Linzer Extrem-Formation „Fuckhead“ im Interview.

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Einfach extrem. Seit bereits 25 Jahren ist die legendäre Linzer Extrem-Formation Fuckhead aktiv. Musikalisch vermengen sie Industrial-Noise, Techno, Ambient und härtesten Rock, auf der Bühne wird Performancekunst, die an Intensität, Brachialität und Körperlichkeit schwer zu überbieten ist, gezeigt. Das momag traf die Gruppe im Bertholdsaal Weyer, um unter anderem über das neue Album „Avoid Nil“, die verrücktesten Mythen und extreme Auftritte der Band zu plaudern.

momag: 25 Jahre Fuckhead, hättest du, Didi, als Bandgründer gedacht, dass die Band so lange bestehen kann?

Didi Bruckmayr: Ich habe darüber nie nachgedacht. Es war nie eine Überlegung wert wie lange etwas gehen kann. Mein Bruder war Bandmitbegründer und er war immer ein Mann der schnellen Entschlüsse. Er war bei den Dead Souls, die damals eigentlich gut liefen, hatte aber ein Zerwürfnis mit zwei Bandkollegen und hat ohne mit der Wimper zu zucken die Band innerhalb einer halben Stunde aufgelöst. Es gab alles, Studio, Label und all das und er meinte, so hat es keinen Sinn, danke, auf Wiedersehen. Wenn es nicht geht, dann geht es einfach nicht. Oder wie ich zu sagen pflege: Wenn man zu viel sudert, muss man aufhören. Bisher haben wir viel gestritten, aber wenig gesudert und so kommen wir weiter.

momag: Vor sieben Jahren gab es das letzte Album. Warum hat es bis zum neuen Release so lange gedauert?

Didi Kern: Wir haben viel ausprobiert. Mit Künstlern alle möglichen Ebenen ausgelotet, probiert, geschaut was geht. Wir sind draufgekommen was nicht geht, nämlich einiges. Oder auch was uns auf die Dauer nicht interessiert. Es war ein riesiges Experiment die letzten acht Jahre.
Sigi Aigner: Und wenn man ehrlich ist, ist es auch gar nicht notwendig jedes Jahr einen neuen Tonträger herauszubringen. Bei der Flut an Tonträgern, die es gibt.
Didi Kern: Da gewöhnen sich die Leute gleich einmal daran, dass es eh alle zwei Jahre etwas daherkommt. Es ist auch so ein irrsinniger Arbeitsaufwand, und dann kommt dafür eh nicht sonderlich viel zurück. Klingt ein wenig blöd, aber es ist so.
Didi Bruckmayr: Früher haben wir in einem Studio aufnehmen müssen. Das hat sich ja geändert. Wir haben viel bei Didi gemacht, der Sigi hat zu produzieren begonnen. Die Arbeit hat sich verlagert. Man hat für das neue Album fließend dahinproduziert und auf keine Deadline hingearbeitet. Das kann auch ein Fluch sein, weil man nicht fertig wird. Wir haben ja auch fürs Theater was gemacht. Wir waren nie die traditionelle Band, was kommerziell gesehen vielleicht nicht die klügste Entscheidung war, aber darum ging es auch nie.
Michael Strohmann: In den letzten Jahren haben wir mehr performative Sachen ausprobiert. Da war nicht im Vordergrund die Platte fertigzumachen, sondern was man auf der Bühne noch anders machen kann.

momag: Wie läuft die Produktion eines Songs bei euch ab?

Didi Bruckmayr: Das beginnt schon bei der Songform. Beim Wort Song hat schon jeder von uns eine andere Sichtweise. Jetzt merke ich, auch privat, dass es schon zu einem gewissen Grad wichtig ist, oder sein soll, dass es genügend Songstrukturen auf der Bühne gibt. Entweder man lässt gleich alles grooven oder man hat halt Refrains, Strophen und solche Dinge drin. Das ist eigentlich das Schwierigste – einen guten Song zu machen. Ich bin ehrlich gesagt besessen von Sound und fetten Basslines. Mir ist aber auch klar, dass alles zusammenkommen muss. Zumindestens so lange man auf der Bühne noch so operieren und das Publikum auch dafür interessieren will. Jetzt spielen wir wieder als Band herum und schauen wie es weitergeht (lachen).

momag: Als ich zum ersten Mal auf Fuckhead aufmerksam wurde, war die Band noch sowas wie ein Geheimtipp, inzwischen liest und hört man vermehrt auch in „großen Medien“ von euch. Interessieren sich die Medien nun mehr für euch?

Didi Bruckmayr: Nun, also das Underground-Publikum war immer da. Wir sind showtechnisch nie abgestürzt. Auch nicht in unseren schlechtesten Phasen. Bei unseren Performances waren sogar immer sehr viele Leute da. Ich würde sogar sagen das Interesse des Feuilletons hat nachgelassen. Weil wir schon so alt sind und die auch schon so alt sind. Damit können wir aber problemlos leben, weil das Publikum, das wir brauchen, muss deutlich jünger sein als wir und das Publikum liest eh keine Zeitung. So ist es. Ganz bösartig gesagt (lachen). Es hat sich alles ins Netz verlagert. Ich persönlich bekomme es nicht mit, dass wir so kultig oder so super wären. Ganz im Gegenteil.
Sigi Aigner: Also ich muss schon dazu sagen, dass Fuckhead im zweiten Bezirk in Wien ziemlich bekannt ist. Ich werd in meinem Stammkaffee immer zwei Mal begrüßt (lachen). Ich merke das schon.

momag: Habt ihr ein Stammpublikum, das auch nach über 20 Jahren immer wieder zu den Shows kommt, oder wechselt das Publikum doch sichtbar immer wieder?

Didi Bruckmayr: Es gibt einen kleinen Kern, der kleiner war in den letzten Jahren, weil die überaltern. Es sind, würde ich sagen, keine zehn Prozent des Publikums. Es dreht sich alle drei Jahre um. Wir haben immer neue Leute. Beim letzten Mal im WUK war es zum Beispiel eklatant. Da hat der Feuilleton schon auch eine Rolle gespielt. Da war am selben Tag nämlich noch ein Artikel im Standard. Eigentlich so eine scherzhafte Polemik, da ging dann ein riesen Shitstorm im Online-Standard los. Das war ganz super. Da kam dann sicherlich noch ein Haufen „Laufkundschaft“ auch noch. Da habe ich, weil ich den ganzen Abend im Saal war, keine zwanzig Leute gekannt. Es waren bei der Show aber fast 500 Leute. In Linz ist es das selbe.
Didi Kern: Man trifft schon immer wieder mal alte Bekannte, aber dass die jedes Mal dabei sind, das ist eher nicht der Fall. Es ist schon witzig, Fuckhead hat auf irgendeine Art und Weise schon einen Kultstatus erreicht. Man hört immer wieder mal Leute sagen: Wow. Fuckhead, ja, die sind voll arg. Die musst du dir ansehen. Da werden aber auch gleich Sachen erzählt, wo ich mir dann echt denke, wo haben die denn das her?
Didi Bruckmayr: Es gibt urbane Legenden, die fortgeschrieben werden. (lachen)
Didi Kern: Ja, und jeder erzählt sie und jeder ein kleines bisschen anders. Das schaukelt sich dann so auf, dass Leute glauben wir machen weiß der Teufel was. Dem ist ja gar nicht so. Es gibt, glaube ich, wirklich einen Haufen Leute, die einfach nur – wie sagt man – aktionsgeil sind. Die wollen halt ein Spektakel erleben und darum gehen sie zu Fuckhead. Ich glaube, wir haben jetzt nicht nur musikinteressiertes Publikum sondern auch Leute, die glauben, dass es da jetzt so richtig was arges los ist. Wir sind eigentlich eine Art Kuriosum.
Didi Bruckmayr: Das erklärt auch das Laufpublikum. Ich kann mich erinnern, das ist schon ganz lange her, da gab es etwas über mich im Profil und da waren dann bei der Show, die dann kurz darauf im Wiener WUK war, sogar ein Haufen Leute mit Pelzmänteln. Es waren also „gehobene“ Profil-Leser. Eine Dame hat sich dann massiv beschwert beim Ausgang. Ihr Pelz wurde schmutzig und was für eine Sauerei das war. Das ist schon ganz lustig. Aber Fuckhead-Auftritte sind grundsätzlich Side-Shows. Es gibt schon noch einen Haufen Animositäten. Es heißt halt immer wieder: Die sind keine Band. Die machen alles dreckig. Die sind nicht Festivaltauglich. Obwohl wir eigentlich schon bei sehr großen Festivals gespielt haben. Also ich glaube, diese Geschichten dienen eher der Geschäftsbeschädigung. Andere sagen wieder Fuckhead sind Kunst und die Künstler sagen wir sind geschissener Underground. Da hat irgendwie jeder was zu vermelden. Wichtig ist, dass die Leute kommen (lachen).

momag: Was ist die ärgste Legende, die über euch kursiert?

Didi Bruckmayr: Dass sich der Sänger an den Nippeln aufgehängt hat.
Didi Kern: Selbstverstümmelungsgeschichten. Aber ich glaube ich habe schon wildere Sachen gehört. Dass wir uns gegenseitig ankacken und sowas. Da kamen wirklich schon ein paar Sachen, wo man sich denkt: Ähm.
Didi Bruckmayr: Blut sollen wir auch schon gespuckt haben. Da haben sie sich die Kabeln reingesteckt, ganz tief runter und dann Blut raufgekotzt. Sowas hab ich auch schon alles gehört. Von Leuten die dort waren, aber sich nicht mehr erinnern können wo es war. (lachen) So entstehen urbane Legenden.
Sigi Aigner: Die amüsanteste Story kennt noch keiner. Die ist von dir, Michael, die mit dem Büffelsperma (lachen).
Didi Kern: Ja, man tut was man kann um die Legenden aufrecht zu erhalten.
Didi Bruckmayr: Die schreiben sich mittlerweile von ganz alleine fort. Wir haben auch recht kompetente Partner mit den Stirn Prumzern gefunden. Mit ihnen haben wir einen ganz massiven Hype in der Expedithalle losgetreten, was dann allen über den Kopf gewachsen ist. Dort waren 400 Leute zugelassen, 2.000 sind gekommen und noch einmal 2.000 standen draußen vor den Türen und haben fast ganz Favoriten in Schieflage gebracht. Und wir mitten drin.
Didi Kern: Da musste dann die Polizei großräumig einschreiten (lachen). Die hat das Areal dann abgeriegelt, weil das Ganze völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Nicht nur im Negativen.
Didi Bruckmayr: Nein, es war eine schöne Party. Der Headliner war aber auch Apparat, da wollen wir uns nicht mit fremden Federn schmücken. Es hat aber alles schön zusammengepasst. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort.
Sigi Aigner: Patrick Pulsinger war auch dort.

momag: Ihr seid schon um die ganze Welt gekommen. Wo war der für euch tollste, steilste Auftritt bisher?

Didi Kern: Die größte Ehre, glaube ich, war in der Royal Festival Hall in London spielen zu dürfen. Dort waren wir mit Scott Walker. Das schafft nicht jeder. Das war wunderbar.
Didi Bruckmayr: Da war die Loge von der Queen, aber sie ist nicht gekommen. Aber die Kylie Minogue hat sich angekündigt und wir waren alle ganz nervös.
Didi Kern: Nur haben sie uns dort zeitlich sehr beschnitten, was alles ein wenig blöd war. Und das Putzpersonal hat sich furchtbar aufgeregt, weil der ganze rote Samt da drinnen voll mit Federn war.
Didi Bruckmayr: Bis zur U-Bahn war dann eine Spur. Aber sonst hat es keine Beschwerden gegeben. Aber was mir immer wieder erscheint in Wachträumen war unser Gig in Tokyo. Mit zwei so dicken Performern, die durchaus bekannt sind und auf einer Bank arbeiten. Die machen so einen unbeschreiblichen Lärm. Da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass Schall sich wie eine Säge durch Beton sägen kann. Die Performance hat 20 Minuten gedauert.
Didi Bruckmayr: Da wurde ein Sperrgitter aufgestellt. Die Leute sind alle ausgerastet. Das war so ein physisches Erlebnis, das war unglaublich.
Didi Kern: Das war ein kleiner Raum. Ja, und diese „Japanischen Buttholesurfers“ mit einer Bassistin, das war überhaupt ein Erlebnis. Und unsere Gastgeber von dort drüben, die Band, die mit uns dann rüberkam, bei denen gibt es immer eine klassische Ballade im Programm. Sigi hat sich den Text von einer Staatsopern-Kollegin ins Japanische übersetzen lassen und das japanisch gesungen. Wir haben da, glaube ich, sechs Shows gespielt und unsere Gastgeber sind jedes Mal oben gestanden und haben Rotz und Wasser geweint. (lachen) Die waren so ergriffen von dem Ganzen. Japan war schon ein Highlight, bis auf das, dass es ganz elend heiß war. Da waren wir vorher zwei Wochen in Australien, wo wir uns wirklich austoben durften. In Japan ist alles schon wieder eher aus den Fugen geraten, bandgefügetechnisch. Aber die Konzerte waren super. Dort konnte sich jeder alles von der Seele schreien, was man tagsüber nicht so angebracht hat.
Didi Bruckmayr: Ich weiß noch, bei der ersten Show haben mal alle geweint und ich dachte, jetzt haben wir alles falsch gemacht. Dann sagte man uns, nein, wir waren so ergriffen. (lachen)
Didi Kern: Das war aber schon so um sechs Uhr früh.
Didi Bruckmayr: Ja, wir haben erst im Morgengrauen zu spielen begonnen. Das wird mir immer in Erinnerung bleiben.
Didi Kern: Dort hatten wir auch die besten Unterbringungen. Zum Beispiel bei dem Snoopy-Herrn in Yokohama. In einer Wohnung, wo alles mit Snoopy voll war. Und er war so ein räudiger Bursche, lange Haare, schwarz angezogen und hat sich dauernd entschuldigt, dass er nur einen Ventilator hatte. Es war ja verdammt heiß dort. Ja, und dann sind wir da in der Wohnung von dem relativ wilden Kunden, wo von der Zahnbürste über den Klovorleger, Bettwäsche, einfach alles Snoopy war. (lachen) Dorthin sind wir mit einem superkleinen Bus gefahren, rund 3.000 Kilometer oder sogar mehr. Und wir sind viel im Stau gestanden.
Michael Strohmann: Ein Typ von einer anderen Band hat sich dann als Klimaanlage den Ventilator auf die Brust gelegt und so geschlafen. Der hat sich da sicher eine Lungenentzündung geholt.
Didi Bruckmayr: Es war alles westlich orientiert, aber unter der Oberfläche gänzlich anders.
Sigi Aigner: Ich kann mich noch erinnern, war das in Osaka, wo wir in Japan angekommen sind und dann gab es gleich eine Drachenboot-Show? Da war irgendein Feiertag. Das war schon auch ein Erlebnis, so ein japanischer Kirtag. Sehr beeindruckend.
Didi Kern: Unser Gastgeber in Yokohama konnte auch nur Playstation-Englisch. (lachen)
Didi Bruckmayr: Seine Begrüßung war: Open the door. Und dann: All you need, motherfucker.
Didi Kern: Und wenn er ins Bett ging sagte er: Game over. (lachen)

momag: Es ist jetzt eine Fuckhead-Show in Linz in einem Theater geplant, habe ich gehört?

Didi Bruckmayr: Ja, im Musiktheater. Wir gehen ins Opernhaus.
Sigi Aigner: Fuckhead, die Oper.
Didi Bruckmayr: Nein, eher eine Revue. Um uns selbst zu schützen, haben wir jetzt eine Revue geplant. Da ist jetzt gerade in Arbeit und nimmt schön langsam Formen an. Mehr können wir darüber aber noch nicht ausplaudern. Der Termin steht schon, 8. Mai 2014. Eine Bedingung gibt es, wir dürfen nichts dreckig machen. (lachen) Aber die Schüttereien sind jetzt vorläufig nicht mehr der Fall. Sie können wieder kommen, aber wir haben ja so viele verschiedene Module. Ich bin, ehrlich gesagt, privat auch erleichtert, dass die Schütterei jetzt erst einmal ein Ende hat. Das haben wir jetzt eh 15, 20 Jahre lang gemacht.
Didi Kern: Es war auch körperlich Grenzwertig. Sowas macht man nicht oft. Da braucht man Zeit zum Erholen und die Farbe bleibt auch für eine Zeit auf dir, wenn du keine ordentlichen Duschen hast.
Didi Bruckmayr: Einmal haben wir das drei Tage hintereinander gemacht. Da waren wir schon ganz schön fertig. Auch das Publikum, denn die Dämpfe inhalierten ja nicht nur wir.

Interview: Petra Ortner
Fotos: Walter Oberbramberger

Fuckhead sind: Didi Bruckmayr, Siegmar Aigner, Didi Kern und Michael Strohmann

Links:
http://www.fuckhead.at/
https://www.facebook.com/pages/Fuckhead/164281123659302?fref=ts

Rubrik:: Interviews

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