13.10.2016 0 Kommentare

Forschergeist Gernot Wagner: Von Amstetten nach Harvard

Gernot Wagner beschäftigt sich seit seiner Matura 1998 am Amstettner Gymnasium mit den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Der 36-jährige Ökonom, Ökologe und Politwissenschaftler studierte daraufhin an der Elite-Universität in Harvard sowie an der Stanford University, war bislang Professor an der Columbia University in New York und lehrt und forscht derzeit in Harvard. Zudem hat er bereits zwei Bücher über den Klimawandel verfasst.

Gernot Wagner beim Kurzbesuch in Amstetten: „Die Erde schafft‘s auch ohne uns. Am Ende geht‘s um uns Menschen“ Foto: Doris Schleifer-Höderl

Gernot Wagner beim Kurzbesuch in Amstetten: „Die Erde schafft‘s auch ohne uns. Am Ende geht‘s um uns Menschen“
Foto: Doris Schleifer-Höderl

von doris schleifer-höderl

Seit Teenager-Tagen interessiert sich Gernot Wagner für alle Themen, die sich mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz beschäftigen. „Ich weiß nicht genau, ob die Jugendwaldspiele der Anfang waren, aber ungefähr damals hat es begonnen“, berichtet Wagner dem momag, der mit seiner Klasse die NÖ-Jugendwaldspiele einst gewann. Ansonsten bezeichnet sich Wagner auch selbst als Streber. So zog es den Amstettner schon in der 7. Schulstufe für ein Auslandsjahr nach Amerika. Dort entschloss er sich – auf Anraten seines damaligen Japanisch-Lehrers – in Übersee zu studieren.
„Dummerweise habe ich mich an nur einer Uni beworben. Die Amerikaner bewerben sich normalerweise an 40. Ich habe aber Glück gehabt!“ Wagners Interesse an Klima und Umwelt wurde in den Staaten nur noch größer. „Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf unser aller Leben wurde quasi zu meiner Passion.“

Klimaschutz leben

Gernot Wagner machte seinen zweiten Master in Stanford, den PhD wieder in Harvard. Den Bachelor in Environmental Science and Public Policy sowie Economies schloss er mit magna cum laude ab.
Im ersten Studienjahr lernte er seine heutige Gattin, eine Gynäkologin, kennen. Mit ihr und den beiden Kindern – einem fünfjährigen Sohn und einer zweijährigen Tochter – lebt Wagner in Cambridge in den USA. Den Schritt über den großen Ozean gewagt zu haben, bereut der Mittdreißiger nicht: „Es ist immer wieder schön, nach Amstetten zu kommen. Heimat ist für mich Niederösterreich, zuhause bin ich in Amerika.“ Dort gibt es seiner Meinung nach auch die besten Ausgangspositionen für seine Lehr- und Forschertätigkeit. Zudem hat der bekennende Nicht-Autofahrer, der den Führerschein nie gemacht hat, sogar in New York mit dem Fahrrad unterwegs und Vegetarier ist, bereits zwei Bücher über den Klimawandel verfasst, die in viele Sprachen übersetzt wurden.
Besonders stolz ist Wagner auf sein erst im April auf Deutsch im Ueberreuter Verlag erschienenes Werk „Klimaschock. Die extremen wirtschaftlichen Konsequenzen des Klimawandels“, das er gemeinsam mit dem Harvard Professor Martin L. Weitzmann verfasste. Das 256-Seiten-Werk wurde von der Financial Times sogar als eines der 15 besten Wirtschaftsbücher des Jahres 2015 ausgezeichnet. „Was wir wissen ist schlimm genug. In unserem Buch geht‘s darum, was wir nicht wissen. Und das sollte uns noch viel mehr zum Handeln anregen. Am Ende geht es darum, eine Versicherung abzuschließen. Klimaschutz ist Risikomanagement im globalen
Ausmaß.“

Lernen, mit dem Klimawandel zu leben

Für Gernot Wagner liegt klar auf der Hand, dass es für Pessimismus schon viel zu spät ist: „Drei Dinge sind es, die zwar das Ruder nicht mehr herumreißen können – mit dem Klimawandel müssen wir lernen zu leben –, aber wir können sein rasches Fortschreiten sehr wohl eindämmen“, so Wagner. „Zum einen sind das politische Impulse. Wir alle sollten uns in der Wahlzelle genauestens überlegen, wem wir unsere Stimme geben. Denn letztendlich sind es die politisch Verantwortlichen, die die Rahmenbedingungen für eine Weichenstellung in Sachen langfristige Entscheidungen treffen. Hier dürfte allerdings nicht nur von einer Wahl zur nächsten gedacht werden, sondern über Generationen. Zweitens spielen Technologien und Forschung eine große Rolle. Keine Ahnung, welcher 12- oder welcher 15-Jährige derzeit am nächsten Durchbruch tüftelt. Dass es wer irgendwo tut, ist klar. Drittens geht es natürlich um Geld – global und lokal.“
Wagner sinniert, über den Amstettner Hauptplatz blickend, wie anders die Stadt wäre, wenn es Elektro-Citybusse, die im 10-Minuten-Takt fahren würden, gäbe. „Klingt das heute realistisch? Wahrscheinlich nicht, weil viel zu teuer. Jedoch: Würden nicht unzählige Menschen von so einer grundsätzlichen Systemveränderung profitieren? Es gäbe vermutlich weniger Parkplätze, dafür mehr Spielplätze und mehr Kaffeehausbesuche sowie Menschen, die mehr Sozialkontakt hätten und dadurch länger leben würden.“ Im Übrigen ist Gernot Wagner vor allem aus einem Grund Umweltschützer, wie er selbst sagt: „Wegen der Erde? Die schafft‘s auch ohne uns. Am Ende geht‘s um uns Menschen!“

klimaschock | Gernot Wagner
und Martin L. Weitzman
256 Seiten, € 24.99
ISBN 978-3-8000-7649-9, Ueberreuter
web | gwagner.com

Rubrik:: Mostviertel

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