10.06.2015 0 Kommentare

Hillberg betrunken unterm DJ-Pult: Produzent, DJ und Urgestein im Gespräch.

Seit über 30 Jahren arbeitet Hilmar „Hillberg“ Gamper als Produzent und DJ, für kurze Zeit war er auch für das Musikmagazin Partysan tätig. Das momag traf den Künstler zum Gespräch im Wiener Café Westend.

"Ich denke, der DJ sollte ein Geschichtenerzähler sein, von dem alle etwas Schönes mit nach Hause nehmen." Foto: Hilmar Gamper

“Ich denke, der DJ sollte ein Geschichtenerzähler sein, von dem alle etwas Schönes mit nach Hause nehmen.”
Foto: Hilmar Gamper

Seit 1982 produzierst du Musik. Wie bist du dazu gekommen?

Begonnen hat alles mit der Ars Electronica. Mit einem Freund hab‘ ich mich reingeschmuggelt– er als ungarischer und ich als italienischer Journalist. Die ersten drei Tage ging das ganz gut, wir sind überall reingekommen und haben uns am Buffet bedient. Dann sind wir aufgeflogen und die Ordner haben mich in die Zange genommen. Ich hab‘ mich zu einer Installation gestellt und so getan, als ob ich dazu gehöre und genau in diesem Moment ging die Klotür auf, ein Typ in weißem Overall, Sturzhelm und Lautsprecher draufmontiert kam dazu und einer der Ordner fragte: „Gehört der zu Ihnen?“ Und der drauf: „Ja, das ist mein Assistent.“ Mein Freund wurde der zweite Assistent (lacht). Ich hatte keinen blassen Schimmer wer der Typ war. Die Ordner zogen ab und wir mussten bei dem Künstler bleiben. Es war Conrad Schnitzler, Godfather of Electronic Music und Ex-Mitglied von Tangerine Dream. Der Typ, der für Kraftwerk die Synthesizer gebaut hat mit den Worten: „Eine gute Gitarrenband wird aus euch nie.“ Er brauchte uns wirklich als Assistenten und am nächsten Tag sollten wir die Installation über die Landstraße tragen. Das Problem war: Wir waren siebzehn und ich hatte meiner Oma erzählt, dass ich einem Kumpel Nachhilfe gebe. Wir gingen also mit der Installation und dem Typen, der aussah wie ein Marsmensch und zehn Minuten später stand der ORF da. Großaufnahme vom Künstler, Großaufnahme von uns Jungs. Am Abend sah Oma Österreich-Bild und wer grinst da aus dem Fernseher? Das gab Hausarrest. Was aber nichts half, denn statt in die Schule bin ich dann einfach gleich ins Ars Electronica-Center. Conrad Schnitzler kannte auch Klaus Schulze und wir sind in seinen Raum, eine riesige Kathedrale mit Synthesizern und Equipment; Klaus Schulze ebenso in weißem Overall, und da wusste ich: Ich werde Elektronik-Musiker. Schnitzler machte mir Mut, es selbst zu versuchen.
So gründeten mein Kumpel und ich 1982 unsere erste elektronische Band. Wir haben uns natürlich sofort weiße Overalls besorgt. Leider kamen wir nicht sehr weit. Der einzige Auftritt war in einem Kindergarten und da waren die Kinder nach zehn Minuten so verschreckt, dass wir gebeten wurden, aufzuhören. Aber wir gaben nicht auf. Einen legendären Auftritt hatte ich später mal im Linzer Posthof. Der Veranstalter meinte, er könne uns nur 500 Schilling Gage zahlen, aber er übernehme die Kosten für die Show. So gingen wir Equipment einkaufen und engagierten zirka zwanzig Leute, die sich auf der Bühne in Tücher wickelten und kamen auf eine Rechnung von rund 25.000 Schilling. Da war auch Didi Bruckmayr mit dabei. Das war sein erster öffentlicher Auftritt (lacht). Lebende Deko bei einem Wahnsinns-Konzert. Und nachdem wir in Linz relativ bekannt wurden, haben wir schließlich auch zwei Gigs in Wien gespielt, bevor wir uns in verschiedene Bandprojekte aufgelöst haben.

"Der einzige Auftritt war in einem Kindergarten und da waren die Kinder nach zehn Minuten so verschreckt, dass wir gebeten wurden, aufzuhören." Fotos: Joseph Bailey

“Der einzige Auftritt war in einem Kindergarten und da waren die Kinder nach zehn Minuten so verschreckt, dass wir gebeten wurden, aufzuhören.”
Fotos: Joseph Bailey

Linz war schon immer Vorreiter in Sachen elektronischer Musik.

Definitiv. Erstens durch die Ars Electronica und dann gab es vorher schon Harald Zuschrader und Hubert Bognermayr mit ihrer Band Eela Craig. In Graz oder Wien wurde man Rockmusiker, in Linz hat sich die elektronische Musik durchgesetzt. Die 2000er waren etwas langweilig, aber seit 2010 arbeiten wieder vermehrt Leute von früher, und auch viele neue. Wieder mit diesem ganz eigenen Spirit. Linz ist groß genug, dass etwas passiert, und klein genug, dass sich die Szene nicht verläuft.
Uns hat man damals weder in Salzburg noch in Wien gewollt. Salzburg war die Festspielstadt, Wien war die Hochkulturstadt. Linz war einfach nackt. Industriestadt mit Smog, es war die Stahlstadt. Anfang der 1980er war „Stahlstadtkind“ ein Schimpfwort, damit wurden wir von allen anderen verspottet. Die Szene hat aus dem Schimpfwort eine stolze Marke gemacht. In dieser Zeit haben Bands wie Texta und Attwenger begonnen, Musik zu machen. Vor Mono und Nikitaman hatte Mono gemeinsam mit Bert Essel ein gemeinsames Reggaeprojekt. Mit Bert hatte ich 1992 einen Song auf Platz Drei der österreichischen Hitparade. Jedenfalls war Linz schon immer klein genug, dass man immer wieder mal ein Bier zusammen trinkt und sich austauscht, egal ob Mainstream oder Underground.
Wir hatten nie das Bedürfnis, einem Wolfgang Ambros oder S.T.S. Konkurrenz zu machen, wir sind gleich nach London und Berlin, haben uns dort organisiert und unsere Sachen sind auf sehr fruchtbaren Boden gefallen. Bald gab es eine enge Verbindung nach New York. Auch nach Deutschland. Die Einstürzenden Neubauten hatten ihren ersten Nicht-Berlin-Gig in der Linzer Stadtwerkstatt. Die musste dann übrigens wirklich geschleift werden.

Die New York-Verbindung war fruchtbar?

Wir haben damals unsere „Nexus“-Partys veranstaltet und ich wollte unbedingt einen House-Floor und einen New Yorker House-DJ. Über die Agenturen waren alle viel zu teuer. Aber das war egal, da ich immer wieder rübergeflogen bin. So hab ich einen Freund besucht, in seinem Club aufgelegt und bin dann durch die New Yorker Clubs gezogen. Im Limelight wurde ich fündig, da traf ich DJ Joe-Joe, der nun seit vielen Jahren schon bei FM4 arbeitet. Bei einem Bier haben wir uns alles ausgemacht und er kam nach Linz. Die Linzer waren schon immer so: „Magst du Bier? Ja? Dann bist du mein Freund.“ Oder: „Ich finde gut was du machst, willst du mal bei mir auflegen? Ich hab zwar kein Geld, aber irgendwie machen wir das schon.“ (lacht) Das hat immer erstaunlich gut funktioniert.

Wie bist du dann zum DJing gekommen?

1985 hatte ich Kumpels im „Zoom Club“. Damals ein Zuhälter- und Junkie-Lokal. Die haben immer wieder Clubbings veranstaltet. Ich hab‘ dort als Türsteher gearbeitet. Mit meiner Statur hab‘ ich diese Arbeit mehr mit Schmäh gemacht und konnte so witzigerweise das Herz aller Zuhälter gewinnen. Irgendwann war es mit den Clubbings vorbei und es hieß: „Wir brauchen DJs.“ So bin ich dazu gekommen. Dann gab es das Badcafé, das Linzer Schwulenlokal. Über einen guten Bekannten bin ich dort als DJ untergekommen. Wir zwei waren die einzigen Heterosexuellen dort. Wir haben also dort begonnen und schon vierzehn Tage später war die gesamte Altstadt leer, weil alle im Badcafé waren. Nach dem Badcafé und dem Zoom hab ich auch im Vanilli aufgelegt, wo ich mich eines Abends wegen Liebeskummer so besoffen hatte, dass ich unter das DJ-Pult gefallen bin und dort hab‘ ich meinen zukünftigen Chef von der Disco Schlag kennengelernt. Der lag da schon drunter und lallte: „Ich brauch irgendwie noch einen DJ.“ (lacht)
Ich komme aus diesem „Service DJing“. Die Disco Schlag im Mühlviertel war einerseits eine Landdisco, also sehr kommerziell und auf Mainstream, wo aber die Leute wussten, dass sich um ein Uhr früh das Programm ändert. Zu der Zeit haben die „Nexus“-Partys in der Stadtwerkstatt zu veranstalten begonnen. Das war die Underground-Alternative zum „Danube Rave“ von Eric Fischer, der auch lange Zeit einer meiner Weggefährten war. Und wenn in ganz Linz kein Gig für die DJs zu bekommen war, dann hab‘ ich sie ins Schlag eingeladen. Dort gab‘s eine wirklich schräge Community. Auch Manuel Normal hat im Schlag begonnen, oder Parov Stelar, AG Trio, Roland Schwarz und viele andere.

"Die Einstürzenden Neubauten hatten ihren ersten Nicht-Berlin-Gig in der Linzer Stadtwerkstatt. Die musste dann übrigens wirklich geschleift werden."

“Die Einstürzenden Neubauten hatten ihren ersten Nicht-Berlin-Gig in der Linzer Stadtwerkstatt. Die musste dann übrigens wirklich geschleift werden.”

Die Frage, woher deine musikalische Vielfältigkeit kommt, erledigt sich eigentlich.

Weil ich „Service DJ“ gelernt habe. Ich hatte immer Interesse in „special electronics“, aber es waren die 80er. Es gab die Acid-Welle in London und wenn ich irgendwo aufgelegt habe, gab es schon auch mal eine halbe Stunde Acid. Dann aber wieder U2 oder dergleichen. So musste man als DJ schon ein breites Musikwissen mitbringen. Ich bin heute stolz darauf, dass ich das Auflegen als Mainstream- und Service DJ gelernt habe. Viele der Nachwuchs-DJs lernen ihre Arbeit gleich mit elektronischer Musik, kommen mit zwanzig oder dreißig Nummern zu ihrem Gig und im Endeffekt tanzen nur deren zehn Freunde dazu. Ich hatte diesbezüglich ein interessantes Gespräch mit Carl Cox, einem der erfolgreichsten Techno-DJs. Er wurde mal für ein großes Event gebucht und hatte zuvor einen improvisierten Auftritt nachmittags in einem Schuhgeschäft. Dort waren nur Hausfrauen, die Schuhe kaufen wollten und als sie den schwarzen DJ sahen, fragten sie ihn nach Soul-Nummern. Carl meinte, dass andere DJs da ausgestiegen wären. Er aber spielte halt Soul-Nummern, die Frauen riefen ihre Freundinnen an und plötzlich war da die Mega Soul-Party in dem Schuhgeschäft. Genau das ist DJing. Heute wollen viele nur noch ihre Kunst präsentieren, ihr Ding durchziehen. Ich denke aber, der DJ sollte ein Geschichtenerzähler sein, von dem alle etwas Schönes mit nach Hause nehmen. Er soll die Leute unterhalten und auch die eine oder andere gute Message mitgeben.

Wie ist das Projekt „Hillberg und D-Tex“ entstanden?

Ich bastelte gerade mit Didi Bruckmayr an einem Projekt, als D-Tex dazukam. Dabei kam „That Hippie Track“ raus. Den haben wir dann gleich an FM4 verschickt, wo der Track auch gespielt wurde. Dann kam die nächste Idee, der „Giorgio Track“. Darin haben wir eine an Giorgio Moroder angelehnte Zeile: „Giorgio, oh Giorgio. Ich lese immer deine Facebook-Nachrichten und sie bedeuten mir sehr viel. Ich lese die deinen, die von Carlos und von Dieter von Yello.“ Alles auf Italienisch mit starkem deutschem Akzent. Inzwischen gibt es eine enge Freundschaft mit Carlos Perón von Yello, die sich dadurch ergeben hat. (lacht) Er ist seitdem auch bei allen unseren Videos dabei. Als eine Art „Running Gag“.

Du bist schon sehr lange im Business. Wurde es nie langweilig?

Ich habe über fünf Jahre lang nichts gemacht. Da ging damals alles schief, beruflich und privat. Die Zeit habe ich genützt, sie als Alkoholiker zu verbringen. War eine lustige Erfahrung. Mir war fad, ich hatte eine Sinnkrise. Der Wiedereinstieg kam dann über ein Kulturprojekt.  D-Tex war ein wenig Mitschuld an meinem Wiedereinstieg als DJ, was ich aber derzeit wieder etwas vernachlässige. Ich kann im Moment meine Kreativität eher durch Live-Acts zeigen. Aber die Musik ist nie langweilig geworden. Man kommt davon nie wirklich los, weil es eine Leidenschaft ist.

interview | petra ortner

web | www.hillberg.at

Rubrik:: Kultur

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