12.11.2015 0 Kommentare

Kügelchen im Glas: Die zweite Leseprobe aus dem unveröffentlichten Roman von Robert Voglhuber.

Corkscrew with wine cork, background

Foto: colourbox.de

Ich bin hungrig, könnte einen Ochsen verschlingen.

Auto abstellen. Ein Restaurantbesuch ist angesagt. Eine gute Weinflasche ist angesagt. Der Kellner serviert mir eine. Er schenkt mir einen Schluck in das Glas ein, ich soll einen Probeschluck machen und dann entscheiden, ob der Veltliner passt. „Ja, ok, passt“, sag ich. Diesmal ein echt guter Wein, nicht so, wie damals, als ich vermeintlich schlechte Erfahrungen gemacht habe. Der Wein korkte und Weinstein war auch in der Flasche. Gleich hatte ich eine Aburteilung parat. Irgendwie schmeckte der Wein muffig. Ich glaubte, es liege am Korken. Keine Ahnung, ich Ignorant. „Wenn der Wein korkt, liegt es nicht am echten Korkgeschmack, denn Kork riecht ganz anders“, wurde ich belehrt vom Kellner, einen Sommelier obendrein: „Bei dem Geschmack, den Sie meinen, handelt es sich um den Geschmack eines mikrobiellen Stoffwechselprodukts namens Trichloranisol. Eine chemische Reaktion am Korken. Schimmelpilze erzeugen den eigenartigen Geruch, den wir korken nennen. Nur den Korken zu prüfen, bringt gar nichts, ist sinnlos. Was zählt ist der Wein, nicht der Kork. Korkt aber der Wein wirklich, dann fehlt ihm seine Säure und Spritzigkeit.“ Ein Kellner, der sich auskennt. Aus dem, was ich kritisieren wollte, macht er einen harmonischen Wein, dessen Süße und Säure auf eine interessante Weise gegeneinander ausbalanciert seien. „Aber die komischen Kügelchen im Glas, ist das nicht Weinstein?“, versuchte ich einzuwenden. „Bei Weinstein, mein Herr“, klärte mich der spitzfindige Kellner auf, „bei Weinstein handelt es sich chemisch gesehen nur um Kalium- und Kalziumsalze, die meist erst in der Flasche entstehen, wenn die Umgebungstemperatur zu niedrig ist. Sie sind geschmacklos und völlig ungefährlich.“

Ich gebe mich geschlagen. Bei einer Fortsetzung der Unterhaltung, würde ich nur den Kürzeren ziehen. Außerdem knurrte mir schon der Magen. „Und die Speisekarte, bitte!“ Beiried vom Ochsen mit Trüffeln. Das leiste ich mir heute. Einen Hunger habe ich ja, dass ich sprichwörtlich einen Ochsen verschlingen könnte. Ochs und Stier, da ist doch ein Unterschied? Stier, Spanien. Dort in der Arena, bei mir auf dem Tisch. So ein Vergleich. Selbst das Känguru ist für Australien nicht das, was der Stier für Spanien ist. Mein Ochs hier auf dem Teller hatte sicher ein anderes Leben als ein echter spanischer Kampfstier. Der lebt, wie es ihm gebührt, nämlich königlich, auf malerischen Wiesen und mit einer Freiheit, wie sie kein anderes Nutztier der Welt genießt. Und das 6 Jahre. Ich denke so dahin beim genüsslichen Verzehr. Immer wenn ich alleine irgendwo so dasitze, führe ich einen inneren Monolog. Der ist eigentlich meine Hauptarbeit den ganzen Tag hindurch. Ich monologisiere innerlich, man hört mich aber nicht sprechen, ganz im Unterschied zum Selbstgespräch, das würde man hören, das müsste ich auch unter Anführungszeichen setzen, wenn ich es aufschreiben würde. Aber ein innerer Monolog ist so ein schöner Gedankenfluss, ein stream of conciousness, wie ihn James Joyce im Ullysis geschrieben hat. Einen Tag eines Angestellten hat der große Dichter auf tausend Seiten in Form eines inneren Monologs geschrieben. Weltberühmt ist er damit geworden. Joyce kam aus Irland. Der Ochse auf meinem Teller, der kommt von einem Bauern hier aus der Region. Klammheimlich musste er verenden. Der Kampfstier in Spanien hat ein ganz anderes Schicksal. Der Kampf als öffentliche Darbietung ist sein Ende, so etwas wie die Erfüllung. Der Kampfstier würde sich seine Existenz auch selbst wählen, wenn er könnte. Woher hab ich das? Ich lese zu viel. Einmal lese ich zu viel, einmal denke ich zu viel, dafür bringe ich sonst nichts weiter. So gerne würde ich reisen. Aber wohin? Dorthin, dahin, überall hin. Empfänglich für alles bin ich. Ich habe in mir eine starke Empfänglichkeit für alles ausgebildet. Empfänglich für alles gleichzeitig. Zuerst einmal für alle Informationen. Über alle Länder, alle Berge, alle Meere, alle Kirchen und Moscheen, Bräuche und Sitten. Sind sie nicht nutzlos. Diese alle Informationen, die ich gerne hätte über alles, so nutzlos wie die Perlen einer Halskette, denen das sie haltende Band fehlt? Jetzt das Dessert. Schwarzwälderkirsch Torte. Vorzüglich. Das Restaurant war eine gute Wahl. Wohin reisen? Ich wüsste nicht wohin? In einer Stadt etwa stehen Gebäude oder Denkmäler räumlich nahe beieinander. Von mir bekämen sie alle eine gebührende Würdigung, gedanklich meine ich. Mein Problem würde aber darin bestehen, dass ich an einen Ort reisen würde, den ich allerdings wahrscheinlich nie wieder besuchen würde, das würde mich dazu verpflichten, nacheinander Sehenswürdigkeiten zu bewundern, die nichts anderes verbindet als die räumliche Nähe. Ich hätte gar nicht das richtige Verständnis für all die unterschiedlichen Dinge, für all die unterschiedlichen Sehenswürdigkeiten. So ein Städtereisen ist doch irre. Auf der einen Straße soll ich mich für gotische Architektur, in der nächsten aber prompt für etruskische Archäologie erwärmen. Hier steht ein Palast aus dem 18. oder 19. Jahrhundert und gleich in der Nähe eine Kunstgalerie mit Werken aus dem 20. Jahrhundert. Seit wann interessiert einen beides? Will ich mein Wissen für etwas vertiefen, muss ich das andere auslassen. Das ist wie mit dem Studieren. Studiert man Medizin, wird man in der Regel nicht gleich auch Jus studieren. Das widerstrebt unserer pluralistischen Gesellschaft, in der jeder sein Fach hat, in der jeder in seinem Fach gebraucht wird. Niemand kann alles. Wir spezialisieren uns. Und beim Reisen soll man alles unter einen Hut bringen. Das ist doch Blödsinn und nur oberflächlich. Gerade beim Reisen laufe ich einer Wissensvertiefung zuwider. Es sei denn, ich würde es anders machen. Wenn mich die Architektur der Prager Burg interessiert, dann müsste ich mir die eine Woche lang genau anschauen und dann weiterreisen zur nächsten vergleichbaren Architektur, vielleicht zu einem Zarenpalast in St. Petersburg oder zum Stephansdom nach Wien, nachdem ich den Veitsdom auf dem Hradschin bewundert und einlässlich studiert habe. Das wäre die beste Wissensvertiefung. Das Reisen zwingt uns eine verquere geographische Logik auf. Wir bleiben oberflächlich. Selbstverständlich bin ich auch gereist. War ich da immer oberflächlich? Sicher. Herumgerannt wie ein Idiot. Von einem Bauwerk zu anderen. Der Kellner kommt, der allwissende. Er fragt mich, ob ich noch was wünsche? „Nein, danke, zahlen!“ War super. Ich verlasse das Lokal, spaziere im nahegelegenen Park umher, setze mich auf eine Bank, rauche eine Zigarette.

Rubrik:: Panorama

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