28.06.2017 0 Kommentare

Im Bann der Erzählung: Käthe Sasso im Haus der Geschichte

Ab 10. September ist das Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich geöffnet. Bereits am 22. Juni war die in Niederösterreich lebende Widerstandskämpferin Käthe Sasso erster Gast im Zeitzeugenforum „Erzählte Geschichte“. Im Gespräch mit Reinhard Linke zog die 91-Jährige das interessierte Publikum über zwei Stunden in den Bann ihrer Erzählungen und stand Rede und Antwort. „Tragt es weiter an die nächsten Generationen, damit ihr vor Faschismus warnen könnt, wenn wir nicht mehr weiter reden können“, lautete ihre unmissverständliche Botschaft.

Käthe Sasso im Gespräch mit Reinhard Linke Foto: Museum Niederösterreich

Käthe Sasso im Gespräch mit Reinhard Linke
Foto: Museum Niederösterreich

„Frau Klassenvorstand, Sie haben ein neues Abzeichen!“ Stolz verkündete im März 1938 ihre Lehrerin daraufhin, dass ihr Mann und sie immer schon für den Anschluss gewesen wären. Auf die Frage, wo denn drei ihrer Klassenkameradinnen ihre Schulkameraden seien, bekam sie ungehalten zur Antwort: „Jüdische Fratzen haben bei uns keinen Platz, setz dich!“ Bereits in der Schule stellte die von ihren Eltern zur Demokratieliebe erzogene Käthe Sasso unangenehme Fragen. Mit zwölf  Jahren ging sie in den Widerstand und schloss sich 1941 der Widerstandsgruppe Gustav Adolf Neustadl an. Ein Spitzel ließ die Gruppe auffliegen.

„Erschlagt mich, ich verrate nichts!“

Aus dieser Zeit der gefürchteten Gestapo-Verhöre stammt Käthe Sassos berühmtes Zitat: „Erschlagt mich, ich verrate nichts!“ Mit vielen der laut offiziellen Angaben 1.200 „Köpfler“ (Anm. Geköpften) verband sie eine innige Beziehung. Aus der Todeszelle erreichte sie etwa einmal ein Laib Brot mit den Worten „Ihr braucht es notwendiger als wir“. Diese Verbindung gab ihr auch die Kraft, rund 70 Jahre für die Anerkennung der Widerstandskämpfer als Opfer zu kämpfen. Lobende Worte fand Käthe Sasso in diesem Zusammenhang für die damalige Innenministerin und heutige Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner. Dank ihr wäre die Gruppe 40 am Wiener Zentralfriedhof nun eine Gedenkstätte, über der die Rot-Weiss-Rote Fahne wehe.

Mut zum Weiterleben

Auch in der grausamen Welt des Konzentrationslagers Ravensbrück gaben kleine Akte der Solidarität den Mut zum Weiterleben. So konnten sie etwa 1944 auf Anregung von Rosa Jochmann eine Weihnachtsfeier für die Kinder von Auschwitz organisieren, auch wenn sich von vielen danach die Spur verliert. Als ein viereinhalb Monate altes Baby in der Obhut von Käthe Sasso starb, dachte sie kurz an Selbstmord. Die Ohrfeige einer Freundin mit den Worten „Wegen dir sollen wir Strafe stehen?“ hielt sie am Ende davon ab, in „den Zaun zu gehen“ und durch einen Stromschlag zu sterben.

„So schlimm kann es ja nicht gewesen sein, du lebst ja noch“

Auf dem Todesmarsch im April 1945 gelang ihr mit viel Glück die Flucht, der Empfang in Wien war allerdings alles andere als freundlich. In einer voll besetzten Straßenbahn ließ die Schaffnerin die Straßenbahn anhalten und Käthe Sasso aussteigen, weil sie als Geflüchtete aus einem Konzentrationslager kein Geld für einen Fahrschein hatte. Aber selbst Sätze wie „So schlimm kann es ja nicht gewesen sein, du lebst ja noch“ hielten sie nicht davon ab, sich bis zum heutigen Tag für die Aufarbeitung der Geschichte und die Anerkennung der Widerstandskämpfer als Opfer des Nationalsozialismus einzusetzen.

Beim nächsten Zeitzeugenforum „Erlebte Geschichte“ am Mittwoch, den 13. Dezember um 18.00 Uhr im Museum Niederösterreich spricht Reinhard Linke mit dem Regisseur Wolfgang Glück.

info | museumnoe.at

Museum Niederösterreich, St.Pölten

 

Rubrik:: Kultur

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