16.12.2015 0 Kommentare

Jedes Jahr nie wieder: Die Doku zum Wiener Akademikerball von Paul Buchinger und David Pichler.

Die umfangreichen Demonstrationen gegen den Akademikerball, von der Wiener FPÖ jährlich in der Hofburg ausgerichtet, gipfelten in der rechtlich zweifelhaften Verurteilung des Demonstranten Josef S. Ein Dokumentarfilm von Paul Buchinger und David Pichler erhellt in bester Do-It-Yourself-Manier die Hintergründe und gibt gleichzeitig Einsicht in ein Kapitel, das Österreich lieber verschwiegen hält.

Foto: Paul Buchinger

Foto: Paul Buchinger

Alle Jahre wieder sorgt ein gewisser Ball in Wien für Aufsehen. Es ist nicht (mehr) der Opernball, der Kritiker auf die Barrikaden treibt. Wenn Burschenschafter sich anschicken die Hofburg zu entern, um ihr Tanzbein auf dem Parkett einer der repräsentativsten Räumlichkeiten der Republik zu schwingen und so manch anderes dort zu tun oder auch nicht zu tun – darüber erfährt man als Nicht-Eingeweihter wenig – treibt zahlreiche Gegendemonstranten auf die Straße. Doch warum eigentlich?

Wirklich nur ein Ball?

Der Wiener Akademikerball ist die Nachfolge-Veranstaltung des WKR-Balls (Wiener Korporationsring), den von 1952 bis 2012 farbentragende und hauptsächlich „schlagende“ Burschenschaften bzw. Hochschulkorporationen ausrichteten. 2013, nach großem Druck aus der Öffentlichkeit, entschloss sich die FPÖ die Schirmherrschaft für „ihre“ Burschenschaften zu übernehmen, um den Ball demokratisch zu legitimieren. Seit 2008 versuchte das links-autonome Bündnis NOWKR (für „kein WKR“) durch Demonstrationen auf den Ball aufmerksam zu machen. Verhindern wollen ihn mittlerweile auch Demonstranten aus dem gesamten deutschsprachigen Raum – wie auch die Ballgäste aus ganz Europa kommen. Kritiker sehen die Veranstaltung heute als rechtsextremes europäisches Vernetzungstreffen. Die Burschenschafter selbst beschreiben die Veranstaltung als „ganz normalen Ball“ und sehen sich als Opfer der Demonstrationen. So betitelte HC Strache, der die letztjährige Eröffnungsrede am Ball hielt, seinesgleichen zynisch als die „neuen Juden“, die von der „SA (Sozialistische Antifa)“ durch die Straßen gejagt werden.

Burschenschafter, wer bist du?

Neben zahlreichen katholischen Studentenverbindungen (CV) stellen die waffenstudentischen „Deutschnationalen“ die zweite große Gruppe an Österreichs Hochschulen dar. Deren Bestreben: die Verteidigung des Deutschtums. Die „Libertas“ etwa, eine der ältesten österreichischen Burschenschaften, sieht ihr „besonnenes aber entschlossenes Ringen um die deutsche Sache“ im „Völkerkerker der Donaumonarchie 1893“ als zentral. Diese deutschtümelnde Tradition bringt entsprechende Schattenseiten zu Tage. Laut dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) stehen deutschnational-korporierte Burschenschaften für ultra-reaktionäre Ideologien und bilden ein Scharnier zwischen FPÖ und Neonazismus. Die im Film interviewten Libertas-Burschenschafter geben, weniger durch das was sie sagen als wie sie was nicht sagen, ein Gefühl für die Mitgliedschaft in einer Burschenschaft.

Der Fall Josef S.

Besorgniserregend ist der im Film akribisch nachkonstruierte Prozess gegen den deutschen Demonstranten Josef S. Dieser wurde im Sommer 2014 unter dubiosen Umständen zu zwölf Monaten teilbedingter Haft verurteilt. Kritik von höchster Stelle begleitete diesen Urteilsspruch, der letztlich eine Reformierung des Landfriedensbruchparagrafen 274a mit sich brachte.

Demokratische Einsichten

90 Minuten lang wird dieses auf den ersten Blick undurchsichtige Thema in höchst aufschlussreicher, immer unterhaltsamer und schließlich sogar selbstermächtigender Manier ergründet. Paul Buchinger stößt in seinem filmischen Erstlingswerk in bestmöglicher Weise auf so manche Granitbrocken. Detailliert und vielschichtig gelingt es schließlich der Doku aufgrund zahlreicher, clever gewählter Interviewpartner und erfrischender Stringenz das Mysterium Burschenschaft schlüssig freizulegen. Der Film trägt zu einer demokratischen Aufklärung bei und regt dazu an, Österreichs politische Zustände selbst in Frage zu stellen.

termine | 18.1. Zum Kuckuck, Amstetten 19 Uhr

20.1. Kino Wieselburg, 19.30 Uhr

23.1. Café Egon, St. Pölten 19.30 Uhr (mit anschließender Podiumsdiskussion)

web | facebook.com/jedesjahrniewieder

Rubrik:: Panorama

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