12.06.2017 0 Kommentare

Jetzt langt’s aber!

Patriarchat. Mit Witz und Ironie geht Ingrid Schramm in ihrem Buch der Frage nach, warum männliche Aufgeschlossenheit Frauen gegenüber nach wie vor zu wünschen übrig lässt und Gleichberechtigung für viele Männer im alltäglichen Leben noch ein Fremdwort ist.

Ingrid Schramm im Gespräch mit dem momag: „Ich nehme mir sicher kein Blatt vor den Mund, schließlich muss doch endlich einmal angesprochen werden was Sache ist.“ Foto: Doris Schleifer-Höderl

Ingrid Schramm im Gespräch mit dem momag: „Ich nehme mir sicher kein Blatt vor den Mund, schließlich muss doch endlich einmal angesprochen werden was Sache ist.“
Foto: Doris Schleifer-Höderl

interview | doris schleifer-höderl

Sind Patriarchen tatsächlich noch so konzentriert unter uns?

(lacht) Das fragen Sie mich noch? Die Männer sitzen doch immer noch fast zu 100 Prozent an den Schaltstellen der Macht. Angela Merkel ist die rühmliche Ausnahme. Die hohen Positionen haben diese Machtmenschen aber zumeist nicht erreicht, weil sie so gut sind, sondern weil sie sich den Weg nach oben mit den Ellbogen freigekämpft haben. Die Patriarchen sind so präsent, dass es einen beinahe umhaut. Dabei ist im ureigentlichen Sinn des Wortes ein Patriarch eigentlich jemand, der die Verantwortung für die Seinen und seinen Lebensweg übernimmt. Doch leider wird diese Rolle heutzutage mehr denn je ins Gegenteil verkehrt. Manche Männer führen sich Frauen gegenüber wie wahre Despoten auf. Also jene, die gewalttätig sind, oder Frauen auf erniedrigende, menschenverachtende Weise beschimpfen. Denen müssen wir mit aller Härte den Kampf ansagen!

Was hat Sie bewogen, ein Buch über dieses längst überwunden geglaubte Fehlverhalten zu schreiben?

Die Tatsache, dass sich manche Männer im Alltag völlig daneben benehmen. Chefs, die eine unangenehme Arbeit lieber einer Frau anschaffen, weil sie keine Lust haben, auf Konfrontation mit männlichen Untergebenen zu gehen. Großmäuler, die sich ungeheuer gut vorkommen, wenn sie eine Frau mit Befehlen wie „still bist!“ niederbügeln. Stinkfaule Versager, die in der wirtschaftlichen Blütezeit des vorigen Jahrhunderts gut verdienen hätten können, aber zu faul zum Arbeiten waren und sich von Frauen aushalten lassen. Vor 30 Jahren hätte ein Mann sich noch zu Tode geschämt, wenn er von einer Frau Geld angenommen hätte. Ganz arg sind die Typen, die eine Frau unflätig und menschenverachtend beschimpfen und auch noch die Frechheit haben, sie zu duzen. Die sind am Bau ebenso wie in den Chefetagen zu finden. Sobald eine Frau nicht ihren Vorstellungen vom zahmen Weibchen entspricht, legen sie los und werden zutiefst beleidigend. Frauen haben zu kuschen, keine eigene Meinung zu haben und stets lieb und adrett zu sein. Es reicht jetzt, wir Frauen müssen von dieser Spezies Mann endlich Respekt einfordern.

Sind wir Frauen vielleicht selber schuld, dass manche Männer sich mit unserem neu eroberten Platz in der Gesellschaft nicht abfinden können?

So weit kommt es noch, dass wir uns jetzt auch noch schuldig fühlen sollen, wenn wir unseren Platz in der Gesellschaft einfordern! Gott sei Dank gibt es nur mehr sehr wenige Männerdiktaturen. Die katholische Kirche zum Beispiel. Da hat die Frau immer noch zu schweigen – zumindest in der Chefetage. Für die niedrigen Dienste sind wir Frauen den geistlichen Herren aber noch gut genug. Auch im Kabarett hat man als Frau noch kaum eine Chance. Wenigstens das Militär und die Philharmoniker, die lange genug die Emanzipation verschlafen haben, haben endlich ihre Tore für Frauen geöffnet. Aber im alltäglichen Leben ist für viele Männer Gleichberechtigung immer noch ein Fremdwort. Logisch, Frauen nisten sich schön langsam in allen Lebensbereichen ein, durchbrechen männliche Domänen, und das macht Angst. Diese Angst, nicht mehr die erste Geige spielen zu können, wird mit schlechtem Benehmen kompensiert.

Was kann frau nun dezidiert gegen abwertende Bemerkungen und chauvinistisches Verhalten tun?

Klar und deutlich Stopp sagen! Wir Frauen sind oft vor Überraschung total aus dem Häuschen, wenn wir mit unflätigen Ausdrücken angepöbelt werden. Da kann man nicht auf die feine englische Art reagieren und sagen: „Auf dieses Niveau begebe ich mich nicht.“ Solchen Typen sollte man klar und unmissverständlich ins Gesicht sagen: „Du machst es uns ungeheuer schwer, dich geistig zu unterbieten.“ Leider geht aber dieser gelungene Witz gerade an dieser Spezies von Mann oft vorbei. Manche sind nämlich so primitiv, dass ihnen gar nicht auffällt, wie flegelhaft sie sich geben. Und das ist furchtbar – vor allem für jene Frauen, die schon so abgestumpft sind, weil sie es gewöhnt sind, gedemütigt zu werden. Ich könnte dann schreien vor Wut, weil ich nicht weiß, wie ich diesen Frauen helfen kann.

Tragen die Trumps der heutigen Welt dazu bei, dass viele auch noch im 21. Jahrhundert mit frauenverachtendem patriarchalischem Verhalten gesellschaftlich punkten wollen?

Absolut! Und die Vorbildwirkung ist fatal. Wenn etwa der amerikanische Präsident ungestraft über die Schönheitsmängel von Frauen herziehen darf und prahlt, dass er jede ins Bett kriegen kann, dann glaubt Herr XY, er kann das auch machen – irgendwie nachvollziehbar. Diese Patriarchen sind ja auch gut vernetzt. Von den wirkungsvollsten Netzwerken wie den Freimaurern und den Lions-Clubs sind wir Frauen ausgeschlossen. Deshalb will ich mit meinem Buch alle Frauen auffordern, sich zu wehren. Gleichberechtigung hat übrigens nichts mit dem Verlust von gutem Benehmen zu tun. Manche Männer fühlen sich eindeutig durch die erstarkende Frauenwelt entmannt. Schade, denn wir Frauen haben in den letzten Jahrzehnten nur das erreichen wollen, was im Grunde essentiell ist. Nämlich Mensch sein zu dürfen und mit emotionaler Intelligenz zur Verbesserung der Gesellschaft beizutragen. Dass mancher Mann Emanzipation als Kastration empfindet, tut mir zwar leid, aber ein Mann ist nur dann ein echter Mann, wenn er respektvoll mit Frauen umgeht.

Wie begegnen Sie persönlich verhinderten Charmebolzen?

In leichteren Fällen wende ich Humor an, in schwereren hilft nur frontaler Angriff. Ich halte es da mit dem Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer. Der hat einst zu einem Kerl gesagt, der ihn blöd anging: „So redst du nid mit mir!“ Ich setze noch einen drauf und ergänze mit stechendem Blick: „Du nicht!“ Und wenn dann dem Kerl vor Überraschung der Mund offen steht, lege ich nach: „Und du schon gar nicht.“ Probieren Sie es
mal aus, es wirkt wahre Wunder!

 

Zur Person: 

Ingrid Schramm studierte Rechtswissenschaften und Theaterwissenschaften in Wien. Nach einer erfolgreichen Karriere als Journalistin ist die 60-jährige Wienerin derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Nationalbibliothek tätig. Schramm ist Mitglied des Österreichischen PEN-Club, der IG Autorinnen und der Mörderischen Schwestern. Sie ist Romanautorin und schreibt Sachbücher. Charakteristisch für ihr Geschriebenes ist die spannende Suche nach dem Lebenssinn. 

Rubrik:: Kultur

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