07.10.2015 0 Kommentare

Klangraum im Herbst ist in vollem Gange: Ein Rückblick auf zwei von acht Stationen.

Unter der Intendanz von Thomas Bieber wird in einem Veranstaltungszyklus von 8 Stationen dem heurigen Herbstfestival Klangraum das Motto „Unendlichkeit – Die Geschichte eines Augenblicks“ vorangestellt. Der „Klangraum“ prägt seit zwölf Jahren die musikalische Szene im Mostviertel. Rezitatorin Nicole Beutler und Blockflötist Helge Stiegler zauberten am 13. September in der romantischen Kirche St.Ägyd aus „jedem Klang ein Universum“. In den Riesswerken bei Ybbsitz las der Chef der Wiener Festwochen und neue Intendant der Salzburger Festspiele, Markus Hinterhäuser aus seiner Übersetzung von „Unendlichkeit – Die Geschichte eines Augenblicks“, Weltrangpianistin Tamara Stefanovich spielte dazu Bach, Scelsi, Ligeti.

Klangraum Beutler Stiegler1

Rizitatorin Nicole Beutler und Blockflötenvirtuose Helge Stiegler

Wo Wort und Musik zusammenfließen: Rezitationsabend mit Nicole Beutler und Helge Stiegler

Spätestens nach dem von Nicole Beutler gelesenen zweiten Absatz aus dem Werk „Unendlichkeit – Geschichte eines Augenblicks“ vom englischen Autor Gabriel Josipovici, das Markus Hinterhäuser ins Deutsche übersetzt hat, überkommt einen das Gefühl, es handle sich um Thomas Bernhards „Alte Meister“. Wie Bernhard erfindet Gabriel Josipovici irgendeine Künstlichkeit, übertreibt einfach und erzeugt damit Effekt. Er setzt zwar nicht wie Bernhard vor jeden harmlosen Tatbestand das Attribut tödlich, aber mit der Ästhetik des Schimpfens in seiner literarischen Redewut und Endlosschwadronie landet er einen Treffer nach dem anderen. Es geht um Musik und Frauen. Übertreibungen und tiefe Einsicht balancieren sich aus. Nicht alles, was gesagt wird, mag man für bare Münze nehmen. Hinter der Figur des Tancredo Pavone steckt der italienische Komponist Giacinto Scelsi. Nach ihm ist „jeder Klang ein Universum“. Ich würde diesen Satz noch etwas ausbauen. Etwa so: Jeder Klang ist eine Mitteilung aus dem Universim an das Individuum. Der Blockflötenvirtuose Helge Stiegler hat für den Rezitationsabend am 13. September mit Rezitatorin Nicole Beutler in der Kirche zu St. Ägyd den Werken Scelesis Kompositionen von Bach und Purcell gegenübergestellt, die er durch Eigenbearbeitung in sehr individuellen Facetten und verblüffender Instrumentalbeherrschung aufleuchten ließ. Helge Stiegler versteht sein feines Handwerk und zelebriert es auch. Dazu kongenial Vorlesekünstlerin Nicole Beutlers von inspirierender Musikalität. Eine Stimme, die berührt, eine Stimme die uns zeigt, was Rezitationskunst ist in einer wunderbaren Einheit aus Sprache und Inhalt.

Klangraum  Markus Hinterhäuser Tamara Stefanovich

Markus Hinterhäuser und Tamara Stefanovich im Riesswerk

Um das Grenzenlose hereinzulassen: Literatur und Musik im Riesswerk bei Ybbsitz

Eine Woche später nach der Rezitation von Nicole Beutler und deren musikalische Begleitung durch Blockflötist Helge Stiegler in der Kirche von St. Ägidi machte Thomas Biebers Klangraum-Projekt am 19. September mit einem außergewöhnlichen Duo Station in den Riesswerken bei Ybbsitz.

Markus Hinterhäuser, Leiter der Wiener Festwochen und 2017 Intendant der Salzburger Festspiele, las Passagen aus dem von ihm aus dem Englischen übersetzten Roman „Unendlichkeit – Geschichte eines Augenblicks“ von Gabriel Josipovici und Tamara Stefanovich spielte am Bösendorfer Werke von Bach, Scelsi & Ligeti. Hinter dem Protagonisten des Romans verbirgt sich die Figur des italienischen Komponisten Giacinto Scelsi, ein musikalischer Sonderling des 20. Jahrhunderts, eigentlich ein „Anti-Komponist“ und ein „Suchender ohne Ziel“, wie ihn Pianistin Tamara Stefanovich bezeichnet. Wer ist dieser Herr, der seinem Butler und Chauffeur unentwegt etwas vorpredigt? Ein Weiser, ein Sprücheklopfer, ein Clown, ein streitlustiger Philosoph? Ein sonderbarer Zeitgenosse, der in seinen Betrachtungen und Provokationen mit subversiver Energie Dünkel, Größenwahn und falsche Autorität untergräbt und entsprechend über Zwöfton-Komponisten herzieht und der Meinung ist, man müsse zur Einfachheit und Direktheit der Tiere zurückkehren. Aber nicht alles, was er sagt, mag man für bare Münze nehmen. Seine klugen und geistreichen Reflexionen zum Teil voll gelassener Heiterkeit und Ironie las Markus Hinterhäuser mit einer warmen, eindringlichen Erzählerstimme. Tamara Stefanovich zeigte am nagelneuen Bösendorfer Konzertflügel fabulöse und spontane musikalische Fertigkeiten. Besonders bei den Scelsi-Kompositionen hatte man als Zuhörer das Gefühl, hier wurden die Grenzen der Tonalität gesucht, gefunden, überschritten, zumal sich Giacinto Scelsi wenig um westliche Hör- und Denkschemata kümmerte, sondern sich intensiv mit asiatischer Spiritualität beschäftigte. Ein Notenkrämer, der seine Töne einzeln abliefert. Töne wie Erbsen, die von einem Häftling gezählt werden. Töne, die Tamara Stefanovich wagemutig mit hinreißendem Leben erfüllte, ohne Vollendung im klassischen Sinne erwarten dürfen, denn skizzenhaft Herausgeschleudertes, Fragmentarisches ist konstitutionell in Scelsis Musik und die offene Form. Um das Grenzenlose einzulassen, ist der Interpretin anvertraut: Diese Musik spielt also keineswegs von selbst. Man muss sie interpretieren, und zwar so sinnvoll, dass aus dem echten Pathos kein falsches wird und in parfümierter Manieriertheit erstickt. Tamara Stefanovich fällt auf, dass es nicht genügt, zu spielen, was dort steht. Ihr Atem wiederbeIebt jenen des Komponisten; das Neue von damals noch einmal neu erscheinen zu lassen. Das Werk, so schien es an diesem Abend, entstand unter den Händen der Pianistin. Humorvoll und ideenreich sind György Ligetis Klavier-Etüden. Sie versetzen nicht nur in Staunen, sie machen auch Spaß mit ihrer frisch und aufregend klingenden Tonsprache, die eine wagemutige Pianistin wie Tamara Stefanovich ganz unprätentiös interpretierte, oder man könnte sagen, Ligeti und etwas von Bach nur so spielte, wie es sein soll.

von Robert Voglhuber

Rubrik:: Kultur

Kommentar verfassen

Zur Gewährleistung eines respektvollen Umgangs behält sich das Redaktionsteam vor, Kommentare gegebenenfalls zu entfernen.