20.07.2017 0 Kommentare

Kleinigkeiten wertschätzen

Es gibt Tage, da könnte man die ganze Welt umarmen und dann wieder Tage, wo man sich am liebsten nur verkriechen würde. Barbara Stöckl gibt in ihrem neuen Buch Anregungen dazu, wie wir unseren Blick auf das Wesentliche schärfen können. 

interview | doris schleifer-höderl

»Ich möchte den Menschen Mut machen, die kleinen Dinge des Lebens zu erkennen und wertzuschätzen!« Foto: Marianne Weismann

»Ich möchte den Menschen Mut machen, die kleinen Dinge des Lebens zu erkennen und wertzuschätzen!«
Foto: Marianne Weismann

Was zählt im Leben?

Der Buchtitel klingt ein wenig, als würde ich das wissen. Das ist natürlich nicht so, das muss schon jeder Mensch selbst für sich herausfinden! Aber ich habe eine Idee davon. All das, was mir Menschen erzählen und auch was ich erlebt habe, macht klar, dass es nicht immer die „wichtigen“, die „großen“ Dinge im Leben sind, sondern vielmehr Kleinigkeiten, an denen unser Wohlbefinden hängt. Diese nehmen wir dann schnell für selbstverständlich oder gar nicht wichtig. Ich möchte den Menschen Mut machen, diese Dinge zu erkennen und wertzuschätzen, als eine Art seelische Stütze.

Hat unsere Konsum- und Leistungsgesellschaft verlernt, sich aufs Wesentliche zu besinnen?

Das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ stimmt nur sehr bedingt. Es hängt von sehr vielen Faktoren ab, ob man Chancen und Möglichkeiten hat. Aber in gewissem Rahmen kann man schon selbst etwas dafür tun. Nach schwierigen Lebenssituationen werden Prioritäten neu gesetzt und man kann erkennen, was wichtig ist, auch was man zuvor übersehen hat: Zeit mit lieben Menschen, Aufgaben, die erfüllen und Freude machen, Stunden in der Natur, ein gutes Buch, Musik, ein Mensch, der dir zuhört oder deine Hand hält, wenn es dir schlecht geht. Das macht oft den entscheidenden Unterschied. Das ist nicht „klein“, das ist gar nicht „unwesentlich“, solche Momente können über unser Leben entscheiden!

Was hat Sie dazu veranlasst, diese Ermutigungen für jeden Tag in Buchform zu veröffentlichen?

Ich spüre bei vielen Menschen eine große Sehnsucht nach einem guten, schönen Leben. Nicht nur die schrecklichen Nachrichten, die uns tagtäglich begegnen – Krieg und Terror, Gewalt, Krisen, Angst – all das ist nicht das Leben. Das plagt uns, beschäftigt uns, braucht unsere Kraft auf, beeinflusst unser Bewusstsein. Dafür muss man sich stärken. Das Leben ist auch all das Gute, das immer da ist. Menschen, die gepflegt werden, die gerettet werden. Kinder, die gesund sind, Aufgaben, die gelingen, Beziehungen, die uns stärken. Das alles ist auch da, wenn man bereit ist hinzuschauen. Dass aus diesen Texten ein Buch geworden ist, ist ein schönes Gefühl, man hat etwas in der Hand, kann es irgendwo mittendrin aufschlagen und es wird einem ein Satz, ein Gedanke begegnen, der vielleicht gerade wichtig ist. Es sind Impulse. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Bad news are good news. Was halten Sie davon?

In der Medienwelt ist das leider so. Das tägliche Adrenalin, die Skandale, Schreckensmeldungen. Es gibt aber auch andere Nachrichten und da haben Journalisten schon eine große Verantwortung, diesen auch Raum und Kraft zu geben. Ich versuche es immer wieder. Journalisten haben die Möglichkeit, viele Menschen zu erreichen und ihnen etwas „mitzugeben“. Ich frage mich das bei meinen Geschichten und Gästen: Was ist so wichtig, interessant, lustig, berührend, tröstend, ermutigend, dass wir darüber berichten.

Resultiert nicht gerade aus negativen Nachrichten Verunsicherung und Orientierungslosigkeit?

Deshalb braucht es die Kraft der guten Dinge. Zur Seelenhygiene, um widerstandsfähig zu sein. Auch um zu kämpfen gegen Missstände und Ungerechtigkeit. Das ist kein entweder/oder, das gehört zusammen. Das ist emotional und auch intellektuell durchaus anspruchsvoll. Nur wer denken kann, kann danken, heißt es. Das heißt ja nicht, es sich leicht zu machen. Ich glaube, dass das kein Gegensatz ist. Ich kann die täglichen Nachrichten sehen, kann Dinge hinterfragen, analysieren, kritisieren. Und ich kann die Kleinigkeiten im meinem Leben wertschätzen. Mehr noch: ich kann mir daraus die Kraft holen, um für Probleme und Sorgen gewappnet zu sein! Diese Achtsamkeit macht mutig, dankbar – und erweitert den Horizont.

Welche Möglichkeiten haben wir, wieder mehr Optimismus zuzulassen?

Es sind nicht alle Menschen gleichermaßen begabt dafür, es ist auch nicht jeder in der Lebenssituation. Manchmal ist das Leben traurig, schmerzvoll, bitter. Mit Abstand kann man auf solche Phasen dann auch wieder mit anderen Augen sehen und manches erkennen. Und dazwischen kann man üben, mit allen Sinnen diese Welt zu erfassen, sich an den schönen Dingen zu erfreuen und sie nicht selbstverständlich zu nehmen. Das muss man trainieren wie einen Muskel. Seelische Fitness. Nehmen wir uns ein Beispiel an Kindern: Unverbildet und sehr direkt in ihrer Wahrnehmung vergleichen und bewerten sie nicht ständig. „Es ist.“ – Da können wir uns viel abschauen. Eltern und Großeltern bemerken das ja auch, wenn sie zum Beispiel Kinder beim Spielen beobachten. Manchmal denken wir: „Na ja, die wissen‘s noch nicht besser, wie kompliziert die Welt wirklich ist.“ – und dann wieder merken wir, dass SIE diejenigen sind, die uns vieles voraus haben an Lebensqualität!

Was zählt in Ihrem Leben wirklich?

Ich habe einen Beruf, der mich erfüllt, ich darf mich mit vielen interessanten Themen und Menschen befassen. Ich habe eine große Familie, die mich trägt. Ich habe die Liebe. Das ist das schönste!

 

zur Person

Barbara Stöckl studierte technische Mathematik an der TU Wien. Seit 1981 ist sie als Fernsehjournalistin, -produzentin (KIWI-TV) und -moderatorin tätig. Zahlreiche Sendungen für ZDF und ORF entstanden (u.a. „Stöckl.“, „Science Talk“, „Doppelpunkt“, „help tv“). Für ihr Schaffen erhielt die 54-jährige Wienerin mehrere Auszeichnungen, u.a. drei Mal die „Romy“ für die beliebteste Talkmasterin, den Österreichischen Staatspreis für Journalismus im Interesse der Familien, den Pressepreis der Ärztekammer sowie den Humanitätspreis des Roten Kreuz.

 

Rubrik:: Kultur

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