10.02.2016 0 Kommentare

Der ganze Raum ist Bühne: Spannendes Regietheater von Ana Zirner in St.Pölten.

Spannungsgeladenes Regietheater über „Flammende Reden, brennende Plätze“, in dem die Grenze zwischen Publikum und Schauspielern aufgehoben ist. Noch mehr Betroffenheit geht fast nicht.

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Foto: Nurith Wagner-Strauss

Mich würde nur eine Meinung zu dieser Aufführung interessieren, und zwar die von Claus Peymann, einer der wichtigsten deutschen Theaterintendanten und Leiter des Berliner Ensembles. Alle anderen Kritikermeinungen sind sowieso klar: super, toll, bestens und, und, und. Null Kritik. Nur Lob. Alles nachzulesen auf der Landestheaterhomepage unter Pressestimmen zum Stück „Flammende Reden, brennende Plätze“ von Ana Zirner.
Eine Uraufführung. Die Ensemblemitglieder Swintha Gersthofer, Pascal Gross, Marion Reiser und Jan Walter sind als Demonstranten in Spanien, der Türkei, in der Ukraine und in Syrien auf der Bühne. Nach wochenlanger Recherche wurden Sprech­texte und Statements von Originalbetroffenen einstudiert und in der Theaterwerkstatt deklamiert. Der ganze Raum ist Bühne. Das Publikum sitzt auf Lautsprechern, die Akteure laufen ständig durch den Saal und stellen Protestsituationen nach und geben ihrem Missmut lautstark Ausdruck. Die Zuschauer müssen ständig auf was gefasst sein. Letztendlich bleiben sie von den Protesthandlungen verschont, doch eine Spannung durchzieht das ganze Stück. Toll. Ein aktuelles Stück über die Krisen der Zeit und die Flüchtlingsproblematik. Alle sind betroffen. Die Schauspieler haben gut gespielt, Ana Zirner hat gut inszeniert.

Was hätte Peymann dazu gesagt?

Und jetzt zu Peymann, der mit der ganzen Sache überhaupt nichts zu tun hat. Aber ich meine, ihn hätte man zur Premiere einladen sollen. Ob er dann auch das gesagt hätte, was er über das deutsche Theater im aktuellen „Die Zeit“-Interview gesagt hat: „Das Theater ist verstummt. Es steht nicht mehr in der Mitte der Zeit. Mit brüllenden Nazis und authentischen Flüchtlingen auf der Bühne zeigen wir nur die Hilflosigkeit unserer Kunst… Es lässt ein paar Flüchtlinge auf der Bühne herumspringen und glaubt, damit dem Thema gerecht zu werden… Mir kräuselt bei solchen Versuchen die Rückenhaut; ich finde das fast unmoralisch, es hat etwas geradezu Touristisches… Die Art und Weise, wie jetzt die Flüchtlingskrise auf die Bühne geholt wird, hat etwas ungeheuer Hilfloses. Es geschieht vor allem aus einem Grund: damit wir uns besser fühlen. Mir fehlt da wirklich der Zynismus eines Heiner Müller oder eines Thomas Bernhard – und die Traum-Poesie eines Peter Handke. Aber ich gebe zu: Es ist verdammt schwer, der Lage gerecht zu werden!“
Ich frage mich, was gewesen wäre, wenn die Regie anstatt der Schauspieler gleich authentische Protestleute auf die Bühne gebracht hätte, die nicht eine Figur spielen, sondern für sich selbst sprechen. Dann hätten wir noch mehr gespürt, was in dieser Minute anderswo geschieht, dann hätte es uns noch mehr erreicht, es wäre uns noch mehr auf den Leib gerückt und hätte uns noch mehr unsere Weltteilnahmslosigkeit bewusst gemacht. Aber, es ging auch so schon unter die Haut.
Ob Peymann auch zu diesem Stück „Hilflosigkeit“ sagen würde?

von robert voglhuber

termine | 19./20./23.2., jew. 19.30h

Landestheater Niederösterreich
Rathausplatz 11, 3100 St.Pölten
02742 9080600, landestheater.net

Rubrik:: Kultur

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