12.11.2015 0 Kommentare

Lesereise Salzkammergut: Porträts, Anekdoten und skurrile Geschichten aus dem zehnten Bundesland.

Das Lebenselexier Salz wurde schon in prähistorischen Zeiten als „weißes Gold“ aus den Salzquellen geholt. Salz war jahrhundertelang eine der begehrtesten Handelswaren. Zahlreiche Kriege wurden um die Salzvorkommen geführt, so wie heute um das Erdöl und demnächst um das Wasser. Die Lesereise Salzkammergut von René Freund führt uns mit Porträts, Anekdoten, Kuriositäten und skurrilen Geschichten in die fantastische Welt des „zehnten Bundeslandes“.

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Hallstatt

Warum heißt das Salzkammergut Salzkammergut? Diese Frage stellt sich der in Wien geborene und im Salzkammergut lebende Schriftsteller und Dramaturg René Freund. Das Gebiet war für die Salzgewinnung so ungemein wichtig, dass es verstaatlicht und direkt der Hofkammer in Wien unterstellt wurde. Es wurde also zu einem Kammergut. Etwa ein Fünftel der Einnahmen des Kaiserhofs in Wien stammte aus dem Salzkammergut.

Berge und Seen – das sind die bestimmenden Faktoren dieser Landschaft, an der drei Bundesländer Anteil haben: Oberösterreich, Steiermark und Salzburg. Rund 40 Seen sind es, große wie der Attersee, bekannte wie der Traunsee, geheimnisvoll wie der Hallstättersee, und kleine, abgeschiedene wie der Nussensee. Die Berggipfel, Zinnen und Grate, angeführt vom Massiv des Dachstein, sind nicht zu zählen. Der Autor erzählt uns Geschichten über das Zaubertal Gosau als eine der Hochburgen der Wilderer und er weiß über den Gosauer Schleifsteinbruch zu berichten. Dort wurde der gewaltigste Naturschleifstein der Welt aus dem Berg geschnitten. Der größte Teil des Salzkammergutes gehört zu Oberösterreich: Einst galt der Name nur für das Gebiet am oberen Lauf der Traun, zwischen Hallstatt und Gmunden, zur Unterscheidung vom Kammergut schlechthin, dem Territorium nämlich, wo der kaiserliche Landesherr zugleich auch Grundherr war.

Hier, in den nördlichen Kalkalpen, wird schon seit Jahrtausenden Salz gewonnen, wie die Funde von Hallstatt beweisen – sie gaben einer ganzen Kulturepoche den Namen. Wer über Salz verfügte, dem stand auch Macht zu Gebote. Als das Salzkammergut erst einmal „entdeckt“ worden war, zu Anfang des 19. Jahrhunderts, von den Malern und Zeichnern der Romantik zunächst, entwickelte es sich sehr schnell zur prominenten Sommerfrische. Mit der Kaiservilla in Ischl vor allem, mit der Exil-Residenz der Welfen in Gmunden, mit der folkloristisch verbrämten Kulissenszenerie des Weißen Rössl am Wolfgangsee.

Das Miteinander, das Wechselspiel von Seen und Bergen machen die Harmonie dieser Landschaft aus.

Das große Salzkammergut-Theater sind Dachstein und Totes Gebirge, das sind die wuchtigen Eckpfeiler der Landschaft, ihr grandioser Abschluss nach Süden. Die Wasser dieser Kalkstöcke speisen die Traun, deren oberer Lauf bis zum Ausfluss aus dem Traunsee in Gmunden die Achse des alten kaiserlichen Kammergutes bildet. Und am Salz hängt doch alles! In Hallstatt und Ebensee kochten die habsburgischen, in Hallein die fürsterzbischöflich-salzburgischen Sudpfannen. Die kleinen Salzkristalle, das „Weiße Gold“, bedeuteten Reichtum – und somit Unabhängigkeit und dadurch politische Macht.

Das Salzkammergut hat viele Gesichter. Ohne das Salzkammergut hätte es den Kaiser nicht gegeben, schreibt der Autor. Die Gründe dafür liest man im Kapitel „Der Salzprinz“. „Drei Monate schaue ich noch zu…“ meinte Kaiser Franz Joseph, „dann mache ich Frieden“. Er kam nicht mehr dazu: Im November 1916 starb der greise Monarch nach 68 Jahren Herrschaft über einen Vielvölkerstaat, der aus den Fugen ging. Die Sommerresidenz des Reiches war die Kaiservilla in Ischl, wo der Kaiser nach dem Attentat von Sarajewo auch jenes Ultimatum unterzeichnet hatte, das den Untergang des alten Europa einleitete. Am 28. Juli 1914 erklärte er Serbien den Krieg. Der Untergang der „Welt von Gestern“ nahm seinen Lauf. Darüber gibt das Kapitel „Mir bleibt doch nichts erspart“ hinlänglich Aufschluss.

Bad Ischl – das ist der weltberühmte Kurort im Herzen des Salzkammerguts, der eine reichhaltige Palette modernster Einrichtungen, wirksamster Kurmittel anzubieten hat. Bad Ischl – das ist aber heute auch der verlockende Traum vom Gestern, in der reizvollen Szenerie von Kaiservilla, Lehar-Haus und der unvergleichlichen Esplanade am Ufer der Traun. Ischl umgibt die Aura von Salzprinz und Operettenkönig, Kaiser Franz Joseph und Franz Lehar.

Hallstatt – kein Mensch würde sich heute dort freiwillig ansiedeln, wo heute Hallstatt steht, meint der Autor. Es gibt kaum Platz zum Wohnen und keinen Boden für die Landwirtschaft. Und trotzdem: „Rom war noch nicht gebaut, als Hallstatt bereits Weltgeltung als Handelspartner hatte“. Ein Zitat von Alfred Komarek. Ausführlich werden die Entwicklungsschritte der Salzgewinnung beschrieben. Der Salzmann von heute „haut“ das Salz nicht mehr aus dem Berg: Seit Jahrhunderten löst man das Mineral mit Hilfe von Wasser, das durch ein kunstvolles System von Zuleitungen auf die Salzstöcke geführt wird. Wenn ein bestimmter Sättigungsgrad erreicht ist, leitet man die Sole ab – in den Sudpfannen gewinnt man aus ihr dann das Salz.

 Lesereise Salzkammergut | Skizzen aus der Mitte |René Freund |132 Seiten | 14,90 € | PicusVerlag  ISBN 978-3-7117-1058-1

Lesereise Salzkammergut | Skizzen aus der Mitte |René Freund |132 Seiten | 14,90 € | PicusVerlag ISBN 978-3-7117-1058-1

Nahe dem nordwestlichen Ufer des Traunsees liegt auf einer kleinen, durch Aufschüttungen erweiterten Klippeninsel das Seeschloss Orth, mit dem Land durch eine 130 Meter lange Holzbrücke verbunden. Dort bildet das Schloss Orth den Brückenkopf. Der aus Florenz vertriebene Großherzog Leopold von Toskana kaufte 1870 das Schloss. Sechs Jahre später erwarb sein Sohn, Erzherzog Johann Salvator, das Seeschloss zu seinem Erbe hinzu. Am Wiener Hof sprach man nicht gerne über ihn. Er war sozusagen das „enfant terrible“ des Kaiserhauses: Seine Spuren lassen sich kreuz und quer durch Europa verfolgen, bis sie in den Fluten des Weltmeeres enden. Zu jener Zeit trug der Erzherzog aber nicht mehr den Namen Salvator, sondern Johann Orth – er hatte ihn nach seinem Besitz am Traunsee gewählt, den er sehr liebte. Johann Orth stammte aus der toskanischen Linie der Habsburger. Als Erzherzog war ein Rebell. Er fiel den Machthabern durch Kritik am Führungsstil des Hauses Habsburg immer wieder unangenehm auf. Die Schlacht von Königgrätz war eines seiner Schlüsselerlebnisse, an der er als Vierzehnjähriger teilnahm. Er musste miterleben, dass, obwohl die Schlacht längst verloren war, noch eine Attacke befohlen wurde, der in kürzester Zeit zehntausend Soldaten zum Opfer fielen. Zu allem Überdruss verliebte sich der leidenschaftliche Komponist auch noch in die Tänzerin Ludmilla „Milli“ Stubel. Nach der Liasion des Erzherzogs Johann mit einer Postmeisterstochter war man im Hause Habsburg an weiteren Mesalliancen nicht interessiert. Johann Salvator verzichtete auf Titel und Rechte eines Erzherzogs und trat aus dem Familienverband der Habsburger aus und nahm den bürgerlichen Namen Johann Orth an. Er heiratet Milli Strubel, kaufte ein Schiff und wurde Spediteur und stach in Richtung Chile in See. Das Schiff ist im Juli 1890 wahrscheinlich im Sturm vor Kap Horn gesunken.

Noch ein Blick auf den Attersee, den oberösterreichischen Meer. Gustav Klimt verweilte dort und Christian Ludwig Attersee hat sich überhaupt gleich auf Attersee umtaufen lassen. Klimts Bild vom Schloss Kammer erzielte bei einer Auktion 1996 an die 30 Millionen Euro.

Man soll die Landschaft fühlen wie einen Körper, sagte einst der Dichter Novalis. Vielleicht üben die Seen im Salzkammergut deshalb von jeher eine so große Anziehungskraft auf Künstler und Schöngeister aus, weil man die Ruhe und die Faszination spürt, die von den Gewässern ausgeht und weil sich die einzigartige Stimmung auf den Betrachter überträgt und die Fantasie beflügelt. Gustav Klimt oder Gustav Mahler sind Garanten dafür. Viele Hintergrundinformationen, skurrile Geschichten und jede Menge Kuriositäten machen das Buch zu einem unerlässlichen Reisebegleiter.

von Robert Voglhuber

Lesereise Salzkammergut | Skizzen aus der Mitte |René Freund |132 Seiten | 14,90 € | PicusVerlag  ISBN 978-3-7117-1058-1

Rubrik:: Musiktipps

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