28.01.2019 0 Kommentare

Mavie Hörbiger und Elisabeth Orth

lasen die

„Erzählbarkeit der Welt“

aus dem Roman

Die Strudlhofstiege von Heimito von Doderer

Die im IX. Wiener Bezirk gelegene und „Strudlhofstiege“ genannte Treppenanlage ist Dreh- und Angelpunkt von Intrigen und Verstrickungen im 900 Seiten starken Roman von Heimito von Doderer, der 1951 erschienen ist und ein buntes Gesellschaftsbild von Wien aus der Zeit 1910/ 11 und 1923- 25 nachzeichnet. In dem polygrafischen oder polyzentrischen Monumentalroman wird eine Vielzahl von gleichwertigen Lebensläufen ineinander verflochten. Der auktoriale Erzähler, der alles weiß, zieht die Fäden zusammen und unterbricht sie durch erzählerische Rückgriffe, enthält sich aber jeglichen Kommentars. Die Vielzahl der im Roman geschilderten Schicksale und Begebenheiten bezeichnet Doderer selbst als fatologisches Gewebe mit Tendenz zum „roman muet“. Der Begriff stammt aus dem Französischen und bedeutet der „stumme Roman“. Nach Doderer hat der Roman „keine Aussage, keine Dichterworte, keine Sentenzen, keine Randbemerkungen, nichts von alledem! Aber Gestalt — Gestaltung des Lebens!“. Der totale Roman, wie Doderer ihn anstrebt, ist nichts als das universale Journal des Autors: ohne strengen Handlungsaufbau, ohne stilistische Einheitlichkeit. Denn gerade dadurch soll die Totalität der Wirklichkeit eingefangen werden. Zu den wichtigsten Kennzeichen des Romans zählen der Verzicht auf klar strukturierte Komposition und die Vorliebe fürs Detail, bis zur sprachlichen Arabeske, aber auch Nachlässigkeit im Satzbau und Stil. Und nicht zu kurz kommen darf skurriler Humor. Der Blick auf die Realität darf durch nichts verfälscht werden, weder durch Vorurteil noch durch Thesen und Ideologien. Doderer nennt diesen Zugang zur Realität „Apperzeption“ mit all der lockeren und hellen Leichtigkeit, die dem Leben gibt, was des Lebens ist.

Freitag, 18. Jänner 2019: Das Große Haus im Landestheater Niederösterreich ist vollbesetzt. Auf der Bühne sind 2 Stühle, 2 Tische, 2 Gläser Wasser und 2 profilierte Ensemblemitglieder des Burgtheaters, Mavie Hörbiger und Elisabeth Orth. Diese begnadeten Stimmen lesen Auszüge aus der „Strudlhofstiege“ und konzentrieren sich auf Episoden mit den handelnden Personen Major Melzer, Mary K., Dr. Negria, Etelka Stangeler, Rene Stangeler und Grete Siebenschein. Im großen Saal herrscht eineinhalb Stunden völlige Stille. Die wandlungsfähigen Vollblutschauspielerinnen lesen aus dem 900 Seiten starken „Klassiker der Moderne“ mit gebührendem Humor und werden der sprachlichen Spannkraft des Werkes voll gerecht. Sie tauchen uns ein in den Doderer-Kosmos, der uns in jedem Augenblick fesselt. Der Roman macht süchtig! Wenn man den beiden zuhört, wird die Sucht unheilbar.

Robert Voglhuber

 

Rubrik:: Kultur

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