16.12.2015 0 Kommentare

Musikalisches Freundschaftsbuch: Wir bescheren der nationalen Jazz-Koryphäe Wolfgang Puschnig Flashbacks.

Der international erfolgreiche Jazzmusiker und Komponist spielt anlässlich seines sechzigsten Geburtstags, den er am 21. Mai 2016 feiert, einen Zyklus im Wiener Konzerthaus.

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“Ich persönlich würde mich nicht als lupenreinen Jazzmusiker bezeichnen.”

Wann hast du beschlossen, Musik zu deinem Beruf zu machen?

Ehrlich gesagt nie (lacht). Ich empfinde das Ganze bis heute nicht als Beruf. Es hat sich sukzessive in mein Leben hineingearbeitet, ich kann da gar keine genaue Trennlinie ziehen. Manches empfindet man als Arbeit, oder eher als Arbeit, und anderes nicht. Wenn man etwas macht, wo man seine Liebe irgendwie reinhängt, dann empfindet man es nicht als Arbeit.

Hattest du zu Beginn auch sowas wie einen Plan B?

Nein, einen Plan B hat es nie gegeben (lacht). Also erst wollte ich schon mal studieren, Musik und Englisch als Lehramt. Ich bin dann aber sehr schnell abgebogen, weil das Geld dafür nicht da war. Darum habe ich mir da selbst helfen müssen und weil ich schon davor Musik gemacht habe und mein Herz daran hing, ist alles relativ rasch seinen Weg gegangen.

Es gibt nun eine vierteilige Konzertreihe.

Da waren auch schon andere dran. Ich glaube Thomas Gansch war schon mal, und Muthspiel. Ich nehme an, dass die vom Wiener Konzerthaus mein fortgeschrittenes Alter zum Anlass genommen haben, mir da einen Zyklus zu geben (lacht). Was mich natürlich freut.

Begonnen hat das Programm mit Neuinterpretationen.

Die meisten, die da mitspielten, kenne ich schon etwas länger. Mit Jamaaladeen Tacuma zum Beispiel habe ich schon eine lange musikalische und persönliche Freundschaft. Ich war früher oft in Philadelphia, wo wir einige Produktionen und viele, viele Konzerte miteinander gemacht haben. Jamaaladeen durfte auf keinen Fall fehlen, weil er ein langjähriger Mitstreiter ist. Das Programm war ziemlich neu und in der Kombination noch nicht da. Von der Musik und dem Spirit her war es etwas, das mich schon länger begleitete. Ich hatte mit allen, die dabei waren, schon zuvor zu tun.

Und das zweite Konzert?

Das ist ein Stimmen-Festival. Ich stehe sehr auf Stimmen. Eigentlich würde ich am liebsten singen, aber jetzt ist es schon zu spät (lacht). Ich mag sehr gerne a cappella und so. Das Konzert ist ein totales Experiment, mit zwei Vocal-Ensembles: einem aus Kärnten und einem aus Simbabwe. Drei Instrumentalisten sind noch dabei: Jon Sass an der Tuba, Christian Bakanič am Akkordeon und ich selbst. Da möchte ich eine Verbindung versuchen, eine Gegenüberstellung der zwei Vokal-Traditionen mit dem Versuch, ein gemeinsames Ding zu schaffen. Das wird interessant, ich weiß noch nicht, was dabei rauskommt (lacht).

Sehr spannend finde ich auch das letzte Konzert.

Ja, weil es das in so einer großen Besetzung bisher auch noch nicht gab. Wobei ich auf langjährige Erfahrungswerte mit den Koreanern zurückgreifen kann. Mit dem Chef der Truppe mache ich schon sehr lange immer wieder etwas gemeinsam. Kürzlich war ich wieder in Korea, erstmals mit meinem Saxophonquartett, das auch beim letzten Konzert dabei sein wird. Ich wollte, dass wir schon einmal gemeinsame Erfahrungen sammeln, da meine Quartett-Kollegen die Koreaner noch nicht kannten. So müssen wir dann nicht bei Null beginnen.

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“Der Spirit dieser Musik und seine Offenheit für alle Einflüsse hat sie irrsinnig erweitert.”

Jetzt noch zum Teil mit dem Titel „Sources: Homegrown“.

Das ist die heimatliche Abteilung. „Homegrown“ hat nichts mit Drogen zu tun (lacht). Wir sind alle hier geboren, aufgewachsen und sozialisiert worden. Auch in der Musik. Das Interessante ist, dass hier vier Dekaden von Musikern vertreten sind. Ich bin natürlich der Älteste, eh klar. Der nächste ist Paul Urbanek, dann Raphael Preuschl und der Jüngste ist Lukas König am Schlagzeug. Ihn kennt man wahrscheinlich von „König Leopold“.

Es wird auch zwei CDs geben?

Es wird eine CD von „Homegrown“ geben, die ist auch schon im Kasten und kommt vor dem Konzert noch raus. Die zweite habe ich schon länger in Arbeit, das wird voraussichtlich ein Doppel-Album, auf dem ausschließlich Duos sind. Seinerzeit – 1988 – war meine erste Produktion auch mit Duos, das mache ich jetzt noch einmal. Eine Sammlung von Duos, die sich von 1988 bis jetzt erstreckt. Die sind ja so etwas wie persönlicher Luxus. So etwas wie in der Schule diese Freundschafts-Bücher (lacht). Meines ist halt musikalisch. Wir müssten eine Vierfach-CD machen, wenn ich alle, mit denen ich schon zu tun hatte, unterbringen wollte.

Irgendwo habe ich gelesen, dass dir das intuitive Verständnis untereinander ganz wichtig ist.

Schon. Ja, das ist ein Luxus (lacht). Aber warum sollte man sich diesen Luxus nicht gönnen, wenn es möglich ist. Ich glaube, das ist überall wichtig, nicht nur in der Musik. Das ist etwas, das jeder kennt und manche Sachen erleichtert.

Wenn du auf deine Karriere zurückblickst, welche Begegnungen und Erfahrungen waren für dich besonders wichtig?

Schwer zu sagen. Ich habe das alles nie als Karriere gesehen. Fast immer, wo ich Menschen und Musiker getroffen habe, mit denen ich gearbeitet habe, hatten diesen Einfluss auf das, was ich mache. Als ich jünger war wahrscheinlich mehr. Da müsste ich Harry Peppel nennen, Hans Koller, Carla Bley, Jamaaladeen und noch viele andere. Nicht nur aus dem Jazz, auch aus anderen Genres, die da miteingeflossen sind.

"Wahrscheinlich gibt es gar keine ungewöhnlichen Instrumente, es kommt immer auf den Rahmen an."

“Wahrscheinlich gibt es gar keine ungewöhnlichen Instrumente, es kommt immer auf den Rahmen an.”

Muss man im Jazz für andere Genres offener sein als anderswo?

Müssen tut man gar nichts. Es gibt auch Vertreter, die überhaupt nicht offen sind, die sehr streng mit der Musik verfahren. Das ist persönliche Entscheidung und persönliche Weltsicht von jedem. Es gibt ganz strenge Vertreter und dann die offeneren. So ist auch im Jazz alles vorhanden.

Auf Wikipedia steht, dass zu Beginn die afroamerikanischen Jazz-Musiker den Begriff „Jazz“ ablehnten, weil er als rassistisch angesehen wurde.

Diese Musik kommt nicht aus unserer europäischen Tradition. Ich persönlich würde mich nicht als lupenreinen Jazzmusiker bezeichnen. Es ist komplex, weil die ganze Geschichte dieser Musik aber doch mit Europa verbunden ist, interessanterweise. Aber der größte Anteil ist schwarze Kultur. Und da ist dann schon einmal Glatteis, wenn es um bestimmte Sachen geht. Ich würde nicht sagen, dass sie den Begriff abgelehnt haben, aber zu einem großen Teil war es schon so, dass die die Musik machten, welche aber von Weißen verkauft wurde.

Der Spirit dieser Musik und die Offenheit für alle Einflüsse hat diese Musik schließlich irrsinnig erweitert. Es wird inzwischen so eine gewisse Romantik damit verbunden, die in der Realität überhaupt nicht vorhanden ist. Heute hat alles ein wenig diesen Bohemian-Touch und bei uns in Europa ist das Ganze ein wenig in die Kunst hineingegangen. Das hat mit unserem europäischen Denken und unserer Art zu tun. Die Musik hat auch schon ihre Stempel bekommen, ist eingeordnet, archiviert, analysiert – das ist der Jazz und das ist der Jazz. Es ist schwierig, darüber zu sprechen.

Du hast mit der Blockflöte begonnen, dann kam die Geige.

(lacht) Ja, der typische österreichische Bildungsweg! Die Blockflöte. Bei der Violine habe ich schnell gemerkt, dass das nicht meines ist.

Was war das bisher verrückteste oder ungewöhnlichste Instrument, das du gespielt hast?

Wahrscheinlich gibt es gar keine ungewöhnlichen Instrumente, es kommt immer auf den Rahmen an. Wenn man bedenkt, welche Perkussions-Instrumente es so gibt. Von Schrauben bis zu hohlen Nussschalen gibt es alles. In diesem Sinne kann ich gar nicht sagen, welches das verrückteste war. (lacht) Ich weiß nicht. Da war das,… das ist ja schon ewig her! Welche Flashbacks du mir da gerade bescherst! Eine arabische Kniegeige mit nur zwei Saiten. Die hat mir seinerzeit mal jemand mitgebracht und auf der habe ich ein wenig herumgefiedelt (lacht). Etwas Extremeres fällt mir im Moment nicht ein.

 

_DSC1535zur Person

Der Ehrendoktor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Jahrgang 1956, war Gründungsmitglied des Vienna Art Orchestra, untermalte einst Lesungen des Lyrikers Ernst Jandl, holte mit den Pat Brothers den Punk Jazz nach Wien, arbeitete mit der koreanischen Trommel-Gruppe SamulNori zusammen und erschloss sich mit Geiger Mark Feldman transatlantischen Chamber Jazz. Sein 1991 gegründetes Projekt Alpine Aspects mit Weggefährten wie dem Bassisten Jamaaladeen Tacuma und dem Trompeter Herbert Joos sowie den Amstettner Musikanten hat die Alpenroots des Jazz ausgeleuchtet.

 

termine | 25.1., 27.2., 21.5., jeweils 19.30h, Wien, Konzerthaus

web | www.puschnig.com  konzerthaus.at/de/wolfgang-puschnig

 

interview | petra ortner

fotos | georg rieger

Rubrik:: Kultur, Mostviertel

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