16.07.2015 0 Kommentare

Jazz und Blues eliminieren sich gegenseitig: The Nova Jazz & Blues Night Festival Wiesen.

Beim diesjährigen Wiesen Festival hat sich einmal mehr gezeigt, dass Jazz nichts Unveränderliches, nichts Festgeschriebenes ist. Jazz lebt und wie alles Leben verändert sich auch der Jazz unentwegt, von Generation zu Generation, von Musiker zu Musiker.

von Robert Voglhuber

Wiesen 2015 Johann Sebastia Bass TrioNova Jazz im Zeitenwandel. Beim Blues ist das genauso. Er ist die zeitlose Konstante im Jazz. Jeder spielt seinen eigenen Jazz, seinen eigenen Blues, setzt seine Auffassung, sein Gemüt, seine Visionen in Musik um. Dennoch sollten folgende Dinge im Jazz wie im Blues eine jeweils mehr oder weniger wichtige Rolle spielen: Improvisation, solistisch und im Kollektiv genauso wie das Wechselspiel von Phrasierung und Tonbildung. In den letzten Jahren wurden diese Kriterien kaum mehr erfüllt. Deshalb war es nicht mehr zutreffend, den Mega-Event „Jazzfest“ zu titulieren, sondern man machte daraus ein „Nova Jazz und Blues Festival. In Rückbesinnung auf den Ausspruch des ehemaligen Weltstarsaxofonisten John Coltrane: „Erwarte das Unerwartete!“ – ließ ich mich also heuer überraschen und bin nun der Meinung, man müsste die Veranstaltung  Pop,- HipHop oder Acid Jazz-Festival nennen. Aber ich will nicht zu den Puristen gehören, für die Jazz und Blues Mitte der 60er Jahre endet.
Trendsetter  und Jazzinnovator Miles Davis hat schon vor 40 Jahren einmal gesagt: „Was ich spiele, ist nicht Jazz.“ Ich frage mich, wenn das schon damals nicht Jazz war, was ist dann Jazz heute?

Synth und Alternativ Soul

Zu hören und zu sehen waren heuer in Wiesen unterm Strich Elektronikspezialisten und gleichermaßen Vollblutmusiker  mit durchschlagenden mitreißenden Rhythmen zum Austoben. Da eine Sprengladung Synth Arrangements, im anderen Act ein Schlagabtausch zwischen Vokalverzerrung und klassischem Songwriting im alternativ Soul der Gruppe Robb, die stark an Dr. Wenz von Mardi Grass erinnert.

Roisin Murphy im House-Groove-Genre

Nach langen acht Jahren betritt nun Roisin Murphy mit ihrem neuen Werk „Hairless Toys“ die Bühne, wo sie sich ständig umgezogen und diverse Masken aufgesetzt hat. Wozu das hätte gut sein sollen, habe ich nicht herausgefunden. Man hat den Eindruck gehabt, Roisin Murphy habe auf Zirkusperformance umgesattelt und versuche nun so, das Publikum wie einen Teekessel zum Überkochen zu bringen. Das ganze Programm kommt an ihr geniales 95er-Debüt mit der Gruppe Moloko nicht mehr heran. Moloko war damals wohl die schrägste TripHop-Definition überhaupt. Man erinnere sich an „Sing it back“. Von der markanten Stimme Murphys ist nicht mehr viel zu hören, früher erklang sie in allen Modulationen, heuer heizte die Dame aus Sheffield zwar mit ihrem neuen eigenwilligen Alternativ-Dancefloor-Pop dem Publikum kräftig ein, aber die einst kreative Bandbreite scheint nun gänzlich erschöpft zu sein. Trippig und vertrackt ihre Elektronik-Spielchen, eckige Beats und skurriler Humor im House-Groove-Genre, aber alles in eine Sackgasse hineinwirbelnd.

Marla Glen – ein spannender Höhepunkt

Ein besonderer Gig war natürlich Marla Glen, androgyn mit Hut und Designeranzug und einer angekratzten Stimme, ihrem Markenzeichen. Ihre theatralische Performance war eine fiebrige Melange aus Blues, Rock und Soul. Ein burschikoses Wesen, das mit tiefer Stimme den Zuhörer immer wieder verwirrt und ihn fragen lässt: „Ist sie wirklich eine Frau oder doch nicht? Sie knurrt, schnurrt, röhrt, räkelt sich rumpelstilzchenhaft und entfaltet für die Fans ihre volle Wirkung. Zwei, drei Nummern waren echt elektrisierend.
Weiters waren Bands angesagt, die fast alle jene Eigenschaften für sich verbuchen konnten, die in dieser Samstagsommernacht nicht fehlen durften: innovativ, trippig, chillig. Anders gesagt: ein Mix aus tanzbaren Grooves und Synthesizerklängen für die massenhaften Freunde des Chillout-TripHop. Das in die radiotaugliche Soul-Pop oder Acid-Jazz Abgesunkene hat die Fans am meisten in Stimmung gebracht, wie der sudanesische poplastige Soul von Sinkane oder die austro-amerikanische Acid-Jazz Formation Count Basic.

Abstecher ins Barock

Das freakige Künstlerkollektiv Johann Sebastian Bass gilt als musikalische Zeitmaschine am Acid Jazz- Cockpit, an dem es perückenbedeckt ins Barock zurücksteuert. Groovige Rhythmen und druckvolle Arrangements – auch von der Formation Threeo konsequent durchgezogen –  drückten dem Nova Jazz& Blues Festival sofort ihren Akzent auf und erzeugten jene tönende Aura, die Faszination und Begeisterung nach sich zog.
Nur ein ausverkauftes Konzert ist ein gutes Konzert, hat einmal ein Festivalveranstalter gesagt. Gemeint ist damit Ökonomiemanagement und Marktlogik bei gleichzeitiger Rutschgefahr der künstlerischen Messlatte. Jazz- und Bluespuristen würden das vielleicht so sehen. Man kann die Sache aber auch anders sehen. Der gesicherte „Mainstream“ ist ständig der Herausforderung durch das kreative Experiment ausgesetzt. Gegensätzliche Spielhaltungen entfalten sich im kreativen Kräftemessen. Durch Reibung entsteht Glanz! Und durch das alljährliche Nova Jazz und Blues Festival und viele andere Events beweist die kleine burgenländische Erdbeergemeinde, dass sie keine Provinz ist, sondern sich der ganzen Welt öffnet.  Musiker aus dem Ausland kommen genauso aufs Festivalgelände wie heimische Künstler. Und alle nehmen gute Erinnerungen mit nach Hause, Musiker und ihre Fans. So wird einmal mehr der Ruf von Wiesen in der Welt verteilt.

Rubrik:: Kultur

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