10.11.2014 0 Kommentare

„Raus und ran!“ – bekannter Theologe referierte über Franziskus` Kirchenvorstellung.

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Prof. Paul M. Zulehner in Seitenstetten. Foto: Voglhuber

Wohin Franziskus unsere Kirche führen will. Prof. Paul M. Zulehner gehört zu den bekanntesten Pastoraltheologen und Religionssoziologen Europas. Am 21. Oktober 2014 war er im Stift Seitenstetten zu Gast und referierte über Franziskus` Kirchenvorstellung, die bei Gott eintaucht und beim Menschen wieder auftaucht.

Paul Zulehner fragt sich: „Was ist nun die Mission?“ Die Antwort gibt Papst Franziskus: „ Raus und ran!“ Das soll heißen, raus aus der Beengtheit und ran an den Menschen. Sucht Franziskus in der Kirche mehr Lebensnähe, mehr Praxisbezug? Es scheint so. Solange wir drinnen bleiben, implodiert die Kirche und wird krank. Franziskus will kein Jammern, er möchte Gaudium, Freude. Die Mission lautet: Heraus zu retten aus der Menschheit, was noch zu retten ist. Heraus aus der Massa damnata, aus der Masse der Verdammnis, wie sie Augustinus nennt. Hat Gott eine Welt hervorgebracht, dass am Ende ein Großteil der Menschheit verloren ist? Wir haben eine Zeit des exklusiven Heilspessimismus, sagt Paul Zulehner im Sinne des Papstes.

„Gott muss die Menschheit sanieren“

Nun besteht die Aufgabe Gottes darin, dass er die menschliche Natur saniert. Durch Adam ist die Sünde in die Welt gekommen. Das ist universell. Durch den zweiten Adam (Jesus) ist das Heil in die Welt gekommen. Das Heil ist konfessionell, also der Glaube. Durch die Auferstehung wird Jesus zu Christus. Durch die Auferstehung werden wir von den Fesseln durch Raum und Zeit gelöst und jeder Mensch ist ein Wohnhaus Gottes, ob Atheist oder gläubig. Die innere Seelenburg hat ganz drinnen den verborgenen Gott. Gott im Inneren aufblühen zu lassen wäre die eigentliche Berufung eines jeden Menschen. Das leise Pfeifen Gottes hören, nennt es Theresa von Avignon.

Zulehner vergleicht den Islam mit der katholischen Kirche. Auch der Katholizismus hat vieles in der Geschichte angerichtet. 70 Prozent der europäischen Bevölkerung sind im Dreißigjährigen Krieg umgekommen. Im Namen Gottes! Wir selbst haben den Ruf des Christentums durch die unglaublichen Religionskriege völlig zerstört und beschädigt. Und das hängt uns bis heute nach. Viele Protestanten sind gewaltsam rekatholisiert worden, z. B. in der Steiermark. Wer herrscht, bestimmt die Religion des Volkes.

Wo liegt der Geist der Wahrheit?

Warum manches im Christentum schiefläuft bring Paul Zulehner so auf den Punkt: „Wir haben angefangen Christus anzubeten, damit wir ihm nicht nachfolgen müssen.“ Klingt interessant. Darauf kann sich jeder einen Reim machen. Nur bei den wahrhaft Liebenden (Gotte –und Nächstenliebe) ist eine uns verhüllte Weise der Geist der Wahrheit gegeben. Liebe sei das Erkennungsmerkmal, dass jemand auf dem Weg zur Vollendung ist. Sinn des Lebens sei, Liebender zu werden. Das sei die einfachste Formel, meint Zulehner. Wir reden immer von Erbschuld, die alle betrifft. In Zukunft reden wir vom Erbheil, das alle betrifft. Gott komme unserem Tun mit seiner Gnade zuvor. Das ist Gott. „Die Kirche ist nicht am Moralisieren interessiert, sondern am Heilen der Wunden“, verlautbare der Papst. Und wir sollen nicht von oben nach unten zählen, sondern von unten nach oben und dann sagen: Super, so viele gehen heute in die Kirche, das ist ja hervorragend. So solle die heutige Sichtweise sein. Das Glas ist also nicht halbleer, sondern halbvoll. Begegnung mit dem lebendigen Gott heiße, dass wir im Sinne der Eucharistie Gott hinein essen in uns.  Zulehner gibt Grund zum Schmunzeln: „Wir nehmen nicht ernst, was wir beten. Unsere Gebete sind meist hymnische Ausreden.“

Was tut Gott 24 Stunden am Tag?

Franziskus will die Kirche auf eine neue Spur bringen, nicht liberaler, sondern radikaler. So wie es einen gestuften Weg zur Kirche gibt, so gibt es auch einen gestuften Weg zum Ideal der Treue und der Liebe. Gott vergibt mir, nur die Kirche nicht, sagte einmal eine Geschiedene zu Paul Zulehner. Wenn die Kirche nicht vergibt wie Gott, dann wird sie aus dem Symbol zum Diabol. Diabolos bringt uns das Vertrauen zu Gott durcheinander. Dem Handeln Jesu am nächsten kommen, ist heute die primäre Forderung des Papstes, nämlich in Gott eintauchen und beim Menschen wieder auftauchen. Zum Schluss erzählte Zulehner eine Geschichte aus dem babylonischen Talmud: „Was tut Gott 24 Stunden lang am Tag? Er richtet die Welt und kommt drauf, sitzend am Stuhl der Gerechtigkeit, dass die Welt so böse ist, dass er sie vernichten muss. Da erhebt sich Gott vom Stuhl der Gerechtigkeit und setzt sich daneben auf den Stuhl des Erbarmens, weil er nicht will, dass die Welt vernichtet wird, sondern dass sie am Leben bleibt.“

Rubrik:: Panorama

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