09.09.2015 0 Kommentare

Aus dem Reich der Sinne: Die erste Leseprobe aus dem unveröffentlichten Roman von Robert Voglhuber.

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Foto: colourbox.de

Der Odem der Liebe – Erinnerungen an den ersten Kuss fluten durch mein Gedächtnis.

Als 13-jähriger Gymnasiast hatte ich Gelegenheit, die großen Ferien in einen Weinhauerbetrieb in der Wachau zu verbringen. Bei leichten Arbeiten machte ich mit. Unkraut jäten in den Weingärten, leere Flaschen einschlichten auf der großen Filtrieranlage, Weinkisten mit dem Handstapler abtransportieren und manchmal konnte ich sogar mit dem riesigen Lastwagen zu den Wirtshauskunden liefern mitfahren. Es war eine sehr aufregende Zeit. Ich machte viele Bekanntschaften und lernte neue Freunde kennen. Es waren unvergessliche Sommerferien mit viel Spaß. In der Nachbarschaft wohnte ein Mädchen. Susi Ćerwenka hieß es. Ein stilles, unscheinbares Mädchen und schon etwas älter als ich. So um die 16. Es war einmal an einem Sonntagnachmittag. Der Tag des Herrn wurde von der recht christlichen Weinhauerfamilie konsequent eingehalten. Man ging regelmäßig zur Kirche. Der Betrieb wurde stillgelegt. Kein Maschinenlärm, kein Lkw-Gebrumme, kein Flaschenklirren, nichts war zu hören, nur Schwalben im Hof. Die Arbeiter hatten frei, die Cheffamilie machte einen Ausflug. Ich war allein, völlig allein in dem riesigen Betrieb. Ich verzog mich in die Lagerhalle, wo es kühl war. Tausende Weinkisten umgaben mich. Links der Rote, rechts der Weiße, seitlich hinten stapelweise Muskateller und Ribiselwein. Ich nahm mir eine leere Kiste, drehte sie um und setzte mich darauf. Weingeruch von der Abfüllung am Vortag durchströmte die Lagerhalle. Die Nachmittagssonne fiel schräg durch die Spalten der leicht geöffneten großen Lagertore herein und lag in hellen Streifen auf den sorgfältig gestapelten Weinkisten. Ein leises Stand-by- Summen der Filtrieranlage hing in der Luft. Das Summen eines trägen Nachmittags. An Wochen –und Arbeitstagen klang ständig von draußen das Klirren von Weinflaschen bei Auf- und Abladearbeiten herein. An diesem heißen Sonntagnachmittag war nichts zu hören. Ich verkroch mich vor der Hitze in der kühlen Lagerhalle. Da tauchte Susi auf. Sie ging so leise, dass ich sie nicht gleich bemerkte. Sie trug ein kurzes Sommerkleid, ihr Haar war mit einem schlichtenTuch zusammengebunden. Sie war schon nahe herangekommen als ich aufschaute und sie bemerkte. War ich erschrocken. Sie nahm sich auch eine leere Kiste und setzte sich neben mich. Nicht dicht neben mich. Vorerst Abstand aus Schüchternheit. Ich öffnete eine Weinflasche und wir sprachen über dies und das. Ich trank zum ersten Mal in meinem noch so jungen Leben Wein, sie auch. Es dauerte nicht lange und wir waren beschwipst. Ich erzählte ihr über die Arbeit im Weingarten und über sonstige Mühsal, die eben so ein Betrieb mit sich brächte. Sie wechselte das Gesprächsthema und rutschte etwas näher zu mir her. Dann brachen Worte mit einer Leidenschaft aus ihr heraus als müsse sie sich beeilen bevor ihr der Zuhörer wieder geraubt würde, wenn die Chefleut` von ihrem Ausflug nach Hause kämen und mich zum Abendbrot rufen würden.“ Küss`mich, hier auf die Lippen!“  Sie rückte näher zu mir, noch näher, ganz dicht an mich heran und seufzte tief auf. Hm? Sie spitzte ihre Lippen zum Kuss. Das Licht, das durch den offenen Torspalt drang, stieg umso höher je niedriger die Sonne sank. Die Sonnenstrahlen kletterten die Wand hinauf, wanderten über die Kistenstapel und über unsere Köpfe. Dann küsste ich sie. Mein erster Kuss, glaube ich.„Magst du mein Haar fühlen? „Fühle, wie weich“, raunt sie selbstzufrieden. Sie nahm meine Hand und führte sie über ihren Kopf. Ich küsste sie wieder und wieder. Innig, so innig. Bei meinem ersten und leidenschaftlichen Zungenkuss war eine Mitteilung aus dem Universum in meine Sinne geflutet. Im Odem der Liebe gewärtigte ich eine sichtbare Sprache, die alles ausdrückt, wofür Worte nicht reichten. Ein Zittern ist über unsere Herzen gekommen, voll erschrockener Seligkeit. „Magst du meinen Busen?“ Sie knöpfte ihr Kleidchen auf. „Komme, streichle hier!“ „Ich stehe immer vor meinem Wandspiegel und posiere, streiche mit der Hand über meinen Busen.“ „Fühle wie straff und so schön voll, so formvoll und von gesunder Größe.“ Meine Hand tastet über die Wölbungen ihres Körpers. Kein Deka zu viel, nur dort an der richtigen Stelle. „Ein voller Busen auf einem schlanken Körper ist schön, oder?“ Ein zart hingehauchtes, verzücktes „ Wau!“ vibriert über meine Lippen. Ich nehme einen Mundvoll Wein und flöße ihn ihr ein. Sie macht dasselbe. „Komm, benetze mit dem Wein meine Brustspitzen!“  Sie sind so fest und schauen mich ganz neugierig an. „Augenblick verweile doch, du bist so schön!“ Um ihre Mundwinkel spielte ein nettes Lächeln. Ich war bestrickt von ihren Reizen. Aber wie`s der Himmel will, ein schwerer Mercedes tockert die steile Hofeinfahrt herauf. Die Chefleut` sind zurück. Die Sonne versinkt hinter der hohen Umfassungsmauer, mein erstes Liebesabenteuer erfährt ein jähes Ende.
Dieser Sonntagnachmittag mit ihr, der Susi aus der Nachbarschaft, schlägt mir aus heutiger Sicht einen Gong in den Tiefen meiner Erinnerungen an. Ich machte eine Phase durch, den Beginn meiner Pubertät, in der ich mich in der Gegenwart von Jungen wohler fühlte als in der von Mädchen, weil ich nicht wusste, ob ich die Mädchen küssen oder verprügeln soll, wenn sie immer kicherten als hätten sie Mäuse unter den Röcken. Ich hatte noch keine Erfahrungen mit Mädchen und wusste nicht,  was ich zu ihnen sagen sollte, was sich die Mädchen eigentlich von Jungs erwarten. Die Gefühle schlugen Purzelbäume. Praktische Sexualerfahrungen hatte ich mit Jungs. Wir onanierten gegenseitig. Ich war unsicher, ob meine eigene Entwicklung auch “richtig“ verlief. Nicht selten stellte ich Vergleiche mit Gleichaltrigen an. Da schielte ich schon mal unter der Dusche nach dem Pimmel des anderen. Schätzt Länge und Größe ab. Oder man onanierte gemeinsam, um festzustellen, wer es am schnellsten und besten kann. Ich verbrachte viel Zeit in der Clique, weil man gemeinsam stark ist und sich an Mädchen noch nicht so richtig rantraut. Heute weiß ich, das alles sind ganz natürliche Entwicklungserscheinungen und haben nichts mit einer sexuellen Neigung zum gleichen Geschlecht zu tun. Gewisse Schmuddelblätter wie Wochenend, Praline und ähnliche Stripgazetten gaben uns Lesefutter und Onaniervorlage. Mit den Eltern konnte man über so ein Thema überhaupt nie sprechen. Die hatten uns nicht einmal aufgeklärt. In ihrer spießigen Verklemmtheit war das Thema Sex absolute Tabuzone. Das war damals in den 70er Jahren. Ich war 13 oder 14 Jahre jung. Die Eltern erzählten uns nichts, auch nichts darüber, was die Großeltern im Krieg gemacht hatten, ob sie bei der Wehrmacht oder der SS waren oder im Widerstand. Vergangenheitsbewältigung war damals noch nicht salonfähig gemacht. Das kam erst später, wahrscheinlich mit der Waldheim-Debatte. Die Elterngeneration war reaktionär oder konservativ. Oft hörte man: „Das wäre unter Hitler nicht passiert.“ Ewiggestrige! Die Konservativen waren schon immer die Pausezeichen der Geschichte.
Ich erlebte echte Liebessituation in den Wachauer Sommerferien. Dort machte ich meine ersten Geschlechtserfahrungen. Bald kamen die ersten Enttäuschung und Liebeskummer bis zur neuen Hoffnung. Das war das „start up“ einer Physiognomik der Gefühle, die am Spiel der Liebe Anteil haben. Die Unschuld der Triebe entfaltete ihre volle Blüte im warmen Anhauch des Eros so sinnlich wie seelenvoll in allen Facetten und emotionaler Verfeinerung im Umgang mit mir selbst und aller Liebes- und Leiderfahrung, Erregung und Erfüllung, Schmerz und Enttäuschung, die in neuer Hoffnung mündet, die Magie der Liebe wiederfindet, um dann letztlich wieder ein Verrat den Abgrund gähnen lässt.

Rubrik:: Panorama

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