15.07.2015 0 Kommentare

Gehen, Wandern, Marschieren: Robert Voglhuber über die Philosophie des aufrechten Ganges.

Große Denker sind viel zu Fuß unterwegs. Nietzsche, Rimbaud, Kant, Gandhi, Rousseau. Alle legten lange Märsche zurück, bis zu sechs Stunden täglich. Nietzsche: „Man schreibt nicht nur mit der Hand, man schreibt auch mit dem Fuß.“ Was den Menschen krank macht, ist das Gift der sesshaften Lebensweise. Die einen haben gloriose dichterische Gedanken beim Wandern, die anderen Pilgern tage – ja wochenlang zu Wallfahrtsorten, ein anderer, Gandhi wandert zu Fuß seinem politischen Ziel entgegen. Salzmarsch, Jakobsweg, Bergeshöhen sind die Wegmarken des Glücks und der Inspiration. Viele treibt ein unerwarteter Bewegungsdrang hinaus in die frische Luft und in die wild wuchernde Natur. Jean-Jacques Rousseau streifte wie ein Bär durch die Wälder. Nur so wurde er Philosoph. Auch Nietzsche.

von Robert Voglhuber

Foto: colourbox.com

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Der Wanderer und sein Schatten

In seinen letzten Lebensjahren litt Nietzsche an Paralyse und hatte ständig Kopfschmerzen. Er zog sich von seiner Lehrtätigkeit an der Universität zurück und nahm sich vorerst ein Jahr lang Urlaub zum Durchatmen, zur Erholung und Regeneration seiner Kräfte. Es nutzte nichts. Er machte eine Kur und unternahm dabei lange Märsche oder ausgedehnte Spaziergänge, um sich zu zerstreuen und um die Messerstiche in seinen Schläfen zu übertönen. Er wanderte hauptsächlich an Seeufern entlang. Am Genfer See oft sechs Stunden täglich. Trotzdem zwingt ihn die Migräne oft tagelang ans Bett. Ganze Nächte muss er sich unter Schmerzen erbrechen. Ging es ihm zwischendurch mal besser, war er sofort wieder auf den Beinen. Es zog ihn auch in die Berge. Seine bevorzugte Bergwelt war das Oberengadin. Sein Lieblingsdorf ist Sils Maria. Manchmal wandert er bis zu acht Stunden am Tag und schreibt „Der Wanderer und sein Schatten“ nieder. Er dichtet unter freiem Himmel. „Man schreibt nicht nur mit der Hand, man schreibt mit dem Fuße.“ Man muss darauf achten, ob beim Lesen der Fuß „hinhört“. Bei Nietzsche horchten auch die Zehen mit beim Lesen. „Trägt doch der Tänzer sein Ohr in seinen Zehen.“ Von Sils Maria aus wanderte er weit hinauf in hochgelegene Täler. In Rapallo erklomm er den Monte Allegro, den höchsten Gipfel der Gegend. Beim Wandern kommt er auf die Umwertung aller Werte.“ Zum Schluss wird er verrückt, greift auf der Straße Passanten an, stößt brüllende Laute aus. Seine Mutter schämt sich über seinen 44-jährigen Sohn, der wie ein Bär brüllt. Am 25. August 1900 stirbt Nietzsche in Weimar. Er wurde stumm „aus Menschen-Liebe!!!“, wie er es selbst einmal schrieb.

Wandern durch die Wüste

Der französische Dichter Arthur Rimaud war auch so ein Wanderer. Er könne nie eine Adresse angeben, weil er nie wusste, wo er sich demnächst befinden würde. Rimbaud ging sein Leben lang. Oft an den Hafenstädten des Mittelmeers. Marseille, Genua. Immer wieder bricht er erneut auf, alles zu Fuß. Selten reichte das Geld für eine Zugkarte. Auf nach Zypern, dann zum Roten Meer. Er scheut keine Mühen. Dokumentiert ist die Zeile: „Eine Wegstrecke von 50 Kilometer in einer der trockensten Wüsten mit Straßen von einer Schrecklichkeit von Mondlandschaften.“ Zu Fuß. Immer zu Fuß, mit seinen „einzigartigen Beinen“ durchmaß er die Erde, immer mittellos, mit hungrigem Magen. Als er mit 37 stirbt, heißt es: „Auf der Durchreise. Er war nur angekommen, um aufzubrechen.“
Robert Louis Stevenson schrieb in seinen „Fußwanderungen“:  Um eine Wanderung wirklich genießen zu können, muss man sie allein unternehmen. Beim Wandern muss man allein sein, denn auf die Freiheit kommt es an; man muss frei sein, anzuhalten und weiterzugehen und diesen Weg einzuschlagen oder jenen, wie es einem gerade in den Sinn kommt, und man muss im eigenen Tempo gehen können.“

Auf der Suche nach dem Wilden

Jean-Jacques Rousseau war ein Tagträumer auf Spaziergängen. Er könne nur beim Gehen denken, dichten und schaffen. Der Anblick eines Schreibtischs und eines Stuhls verursache ihm Übelkeit und raube ihm den Elan. „Die Landschaft ist meine Amtsstube.“ Wie ein Bär streift er durch die Wälder. Er hatte kein leichtes Leben. Überall wurde er weggejagt. Rousseau ist der Hund der Aufklärungszeit. Er will zeigen, dass die Gesellschaft den Menschen verdirbt. Er will den natürlichen Menschen wiederfinden, den Menschen, der nicht durch Kultur, Bildung und Künste entstellt ist. Er will den Menschen in sich selbst finden, als gehenden Menschen, als homo viator. Er will das Bildnis des ersten Menschen entwerfen, des absolut Wilden, und er will die Lackschicht des sozialen Menschen abbeizen durch die langen regelmäßigen Märsche in den Wäldern, in schöner Landschaft. „Diese Lebensweise ist am meisten von allen nach meinem Geschmack“, schreibt er in den „Träumereien“.

Wer fernsieht, versäumt das Leben

Wir Menschen von heute wandern durch die Welt der Bildschirme. Wir sind immer online. Eigentlich macht uns der ständige Blick auf das Handydisplay kontaktlos, auch das unendlich lange Daheimsitzen vor dem Fernseher oder Computer. Weder Regen noch Sonne spielt in unserer Lebensweise eine Rolle. Einen Jahreszeitenwandel scheint es nicht mehr zu geben. Unser Wandern ist ein Wandern durch die virtuelle Welt. Wer fernsieht, versäumt das Leben, wer nicht fernsieht, versäumt das Leben anderer! Das Lagerfeuer draußen wäre besser las das Fernsehen. Schau in die Glut, nicht in die Glotze!
Ein taoistischer Weiser sagte einmal: „Die Füße auf dem Boden nehmen nur sehr wenig Raum ein; aber durch all den Raum, den sie nicht einnehmen, kann man gehen.“

Gandhis Salzmarsch

Das Gehen fördert die Rückbesinnung auf das eigene Selbst. Beim Gehen rechnet man mit sich selbst ab: Man berichtigt sich, überprüft sich und schätzt sich ein. Prädestiniert dafür war Gandhi. Beim Gehen entwickelte er eine sorgfältige Selbsterforschung. So entstand der Plan, einen „Salzmarsch“ durchzuführen. Das war 1930. Gandhi war 60. Er sammelt eine Kerngruppe um sich, die er selbst ausgebildet hat und deren Selbstdisziplin und Opferbereitschaft er kannte. 78 gewaltlose Kämpfer nehmen an dem Unternehmen teil. Seine Gefolgsleute tragen wie er handgesponnene weiße Baumwollgewänder. Mehrere Tausend folgten. Die Einwohner haben die Wege mit Wasser besprengt und Blätter oder Blumen gestreut, um den Füßen der Marschierenden etwas Linderung zu verschaffen. Gandhi hielt dazwischen immer Reden gegen üble Machenschaften des britischen Empires und forderte deren Vertreter und Beamte auf, von ihren Posten zurückzutreten. Die Engländer beanspruchten das Monopol auf Salzgewinnung für sich. Das Salz war eigentlich ein kostenloses Geschenk des Meeres und absolut notwendiges Nahrungsmittel. Churchill verspottete Gandhi als „halbnackten Fakir“. Der Salzmarsch war ein Protestmarsch gegen die Engländer.
Vom spirituellen und politischen Wert eines längeren Fußmarschs war Gandhi bereits seit längerer Zeit überzeugt. Schon als junger Mann ging er in London regelmäßig jeden Tag sieben bis zehn Kilometer zu Fuß, wenn er sich zu seinen Jursseminaren begab oder nach einem vegetarischen Restaurant suchte. Als Anwalt in Südafrika legte er regelmäßig 35 Kilometer zurück. Für Gandhi hat das Zufußgehen etwas Stolzes an sich: Wir bewegen uns dabei aufrecht fort!

Rubrik:: Panorama

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