30.12.2021

„Saubere“ Nachrichten

Neben Exekutive, Legislative und Judikative sind die Medien die vierte Säule der Demokratie ©colourbox

[interview: doris schleifer-höderl]

Meinungsfreiheit. Der Journalist Marcus Klöckner ortet seit dem Ausrufen der Pandemie eine massive Schieflage in der Berichterstattung und sieht Demokratie und Grundrechte in Gefahr.

 

Sind Sie der Robin Hood des wahren Journalismus?

(Lacht) Sie kommen ja auf Vergleiche! Die Romanfigur finde ich zwar durchaus sympathisch, aber: andere Zeit, anderer Kontext.

 

Was stört Sie an der Berichterstattung über Corona?

Ich frage mich gerade, wo ich mit der Kritik anfangen und wo aufhören soll? Was wir in den vergangenen Monaten erlebt haben, ist in weiten Teilen eine große journalistische Schande. Viele Journalisten haben sich quasi zum verlängerten Arm der Pandemiebekämpfung gemacht. Die Aufgabe von Journalisten ist es aber nicht, sich zum verlängerten Arm von irgendjemand oder irgendwas zu machen. Ihre Aufgabe ist es, möglichst objektiv, sachlich und distanziert Informationen zusammenzutragen, auszuwerten, zu gewichten und dann eine saubere Berichterstattung abzuliefern. Wir sehen allerdings das Gegenteil.

 

Was meinen Sie konkret?

Stimmung machen und Angst schüren scheinen heutzutage zu den journalistischen Kernkompetenzen zu gehören. Denken Sie nur an die Corona-Todeszahlen. Während alternative Medien im Internet schon sehr früh diese Zahlen grundlegend hinterfragt haben, haben sogenannte Qualitätsmedien diese Zahlen weitgehend ohne kritische Distanz übernommen. Bei wem war der Virus nun ursächlich schuld am Tod? Bei wem gab es multiple Vorerkrankungen? Genauso die Inzidenzen: Mal steigen sie, mal fallen sie – aber was sagen diese Zahlen aus, wenn man sie nicht zum Beispiel in ein Verhältnis zur Anzahl der durchgeführten Tests setzt? Diese Fragen wurden schon früh in sogenannten alternativen Medien diskutiert; die Leitmedien musste man förmlich an diese Fragen herantragen! Viele Fragen wollten Journalisten einfach weder sehen noch stellen. Die Medien haben in den Angst- und Panikmodus geschaltet, da stört eine unaufgeregte Berichterstattung nur.

 

Wie sind Sie auf den Begriff „Zombie-Journalismus“ gekommen?

Journalisten blicken durch die Brille ihrer eigenen Überzeugungen. Die Einordnung von Informationen läuft nicht mehr nach journalistischen Prinzipien ab, sondern gemäß der eigenen Weltanschauung. Der Experte X sagt etwas, was meiner Überzeugung widerspricht, also lasse ich ihn nicht zu Wort kommen und kaschiere meine Entscheidung mit dem Deckmantel vorgeblich „objektiver“ journalistischer Auswahlkriterien. Ein Kennzeichen des Zombie-Journalismus ist es, dass er, quasi wie Zombies in den Filmen, „Jagd“ auf Menschen macht, die denken können. Der Zombie-Journalismus zielt auf die Gehirne der Mediennutzer. Um Himmelswillen: Wagen Sie es bloß nicht, eine selbstständige Ansicht zu vertreten, die auch nur einen halben Millimeter abweicht von den Ansichten der großen Medien. Dann stürzt sich der Zombie-Journalismus auf Sie. Sie werden als Verschwörungstheoretiker, Schwurbler, Aluhutträger oder gar gleich als Nazi bezeichnet. Natürlich ist der Begriff eine Zuspitzung, er ist plakativ. Aber andererseits: Wir erleben gerade sowohl in Deutschland als auch in Österreich eine brutale Zweispaltung der eigentlich unveräußerlichen Grund- und Menschenrechte. Wir erleben die Separierung von Menschen aufgrund bestimmter körperlicher Dispositionen. Wer in seinem Körper den Impfstoff hat, darf in ein Restaurant, wer nicht muss draußen bleiben – wie ein Hund. Kritik vonseiten der Medien gibt es kaum. Diese Entscheidungen tragen sehr viele Medien mit und agieren sogar noch als Scharfmacher. Deshalb: Der Begriff Zombie-Journalismus ist durchaus angebracht.

 

Ist der Journalismus nicht schon vor zwei Jahrzehnten, quasi seit 9/11, in Schieflage geraten?

Wir sollten uns von der Illusion befreien, dass Medien jemals wirklich in der Breite dauerhaft das getan haben, was ihre Aufgabe ist: herrschafts- und machtkritisch zu berichten, das Handeln der Eliten wirklich kritisch zu hinterfragen. Punktuell ja, da gibt es sicherlich Sternstunden im Journalismus. In der Breite war das meines Erachtens aber noch nie der Fall. Von daher: Schieflagen gab es schon immer. Aber die Verstöße gegen journalistische Prinzipien wurden in den letzten 20 Jahren immer offensichtlicher. Mittlerweile ist sogar der mehr oder weniger offen kommunizierte Bruch mit journalistischen Standards zu beobachten. Mit dem Bekenntnis zum „Haltungsjournalismus“ wird doch im Grunde offen kommuniziert, was manche von Objektivität als Norm im Journalismus halten: nichts! Spätestens, wenn das eigene Weltbild tangiert wird, ist Schluss mit Objektivität. Dann heißt es „Haltung“ zeigen. Ich übersetze das mit: den Zombie-Journalismus aktivieren.

 

Wenn man Ihr Buch liest, gewinnt man den Eindruck, Orwells „1984“ ist schon längst Realität.

Eingesperrtsein ist Freiheit, alleine vor sich hin in der Wohnung zu vegetieren ist ein Dienst an der Gemeinschaft: Die Pervertierung in der Sprache, im Denken und letztlich in der Realität konnte seit März 2020 zur Genüge beobachtet werden. Die Verdrehung des Freiheitsbegriffs und des Freiheitsverständnisses ist sehr schlimm. Da fühlt man sich tatsächlich an „1984“ erinnert.

 

Wie kann Meinungsfreiheit wieder „en vogue“ werden?

Jeder Bürger sollte den Mut aufbringen, seine Meinung zu gesellschaftlichen und politisch relevanten Sachverhalten so zum Ausdruck zu bringen, wie er sie erfasst. Das gilt sowohl für den privaten als auch den öffentlichen Bereich. Auch wenn dann mit Kritik und Widerstand zu rechnen ist: Demokratie lebt auch von der freien Meinungsäußerung. Wer den Mut aufbringt, zu seinen politischen Ansichten zu stehen, stärkt den Geist der Demokratie. Je mehr Bürger sich trauen, den Mund aufzumachen und Missstände anzuprangern, umso mehr wird ein demokratisches Gemeinwesen davon profitieren. Bürger sollten auch den Mut haben, sich dem Zombie-Journalismus entgegenzustellen, wenn er sie angreift. Gerade für Personen, die einen Reputationsschaden erleiden können, ist das gewiss eine Herausforderung. Aber man kann diese Angriffe aushalten und ein Shitstorm gewinnt vor allem dann an Kraft, wenn man sich auf ihn konzentriert. Anders gesagt: Die Meinungsfreiheit wird dann gestärkt, wenn Bürger von ihr Gebrauch machen. Jenen, die den Raum des öffentlich Sagbaren immer weiter verkleinern möchten, sollten Bürger entschlossen entgegentreten und klarmachen, was Demokratie und Meinungsfreiheit miteinander zu tun haben. Der ein oder andere Journalist braucht da anscheinend Nachhilfe.

 

ZUR PERSON

©klöckner

Der Saarländer Marcus Klöckner studierte Soziologie, Medienwissenschaften und Amerikanistik. Herrschafts- und Medienkritik kennzeichnen seine Arbeit als Autor und Journalist. Klöckner schreibt unter anderem für die Onlinemagazine Telepolis und NachDenkSeiten.

Kommentare sind geschlossen.