30.12.2021

Schule der Zukunft?

Freies Lernen über die Schulbank drücken? Nicht jedes System passt für jedes Kind. ©colourbox

[interview: mary glaser]

Freies Lernen. Abseits des Systems gibt es zahlreiche alternative Lern- und Lehrmethoden

 

Ricardo Leppe wurde 1990 in Oberpullendorf im Burgenland geboren. Er wurde zuhause von seinen Eltern unterrichtet, teilweise nur eine halbe Stunde pro Woche. Später maturierte er am BORG in Wiener Neustadt. Drei Jahre lebte er mit seiner Familie in Peru. Schon während seiner Schulzeit begann er zu zaubern. Außerdem ist er Gedächtnistrainer und setzt sich für eine neue Art von Schule ein. Er kennt beide Seiten, die des Hausunterrichts und die unseres Schulsystems. In einem seiner Vorträge überraschte er mich mit seinen effektiven Lernmethoden.

Leppe wirft die Frage auf, ob unsere Kinder zu frei denkenden Menschen heranreifen können, oder ob wir aktuell nur ein System zwanghaft aufrecht erhalten, das schon längst nicht mehr zeitgemäß ist. Beginnt mit dem Schuleintritt „der Ernst des Lebens“ und geben wir bereits dort unsere Eigenverantwortung ab?

 

Wie ist dein Zugang zu Schulen?

Durch meine Arbeit als Gedächtnistrainer kam ich in viele Schulen. Ich befragte die Kinder, wie sie sich eine Schule wünschen würden. Neun von zehn möchten Spaß am Lernen haben und Dinge lernen, die sie später in ihrem Leben brauchen können. Nur wenige sagten, dass sie gar nicht lernen wollten. Ich unterhielt mich mit Kindern, Pädagogen und Direktoren und war sogar beim Bildungsminister. Schlussendlich bleibt zu sagen, dass die Kinder wichtig sind und nicht das System, dies aber mit dem derzeitigen Schulsystem nicht konform geht.

 

Wie sieht die Schule der Zukunft für dich aus?

Der Verein „Wissen schafft Freiheit“ wurde im April 2020 gegründet und steht für freies Denken, freies Entscheiden und freies Handeln. Neben den herkömmlichen Fächern sind wichtige Themenbereiche Kunst, Musik, Sport und der Körper. Damit meine ich alles, was ich über meinen Körper wissen muss: „Was esse ich?“ oder „Wie gehe ich mit meinem Körper um?“ Im Fach „Geist“ geht es um den Umgang mit mir und anderen Menschen. Um Emotionen, Atemtechniken, Meditation. Das dritte wichtige Fach ist „Leben“: Was brauche ich zu 99 Prozent im Leben? Reifen wechseln, kochen können, Kontoführung. Was möchte ich im Leben? Es geht um Vorbereitung aufs Berufsleben, das Schnuppern in Betrieben. Je nach Örtlichkeit und dem Wunsch der Kinder können die Angebote noch erweitert werden.

 

Was rätst du Eltern und Pädagogen, deren Kinder mit dem Schulsystem Probleme haben und feststecken?

Hierzulande herrscht zwar Bildungspflicht, aber keine Schulpflicht. Kinder können daher Zuhause unterrichtet werden, so wie es ja auch bedingt durch Regierungsmaßnahmen häufig verlangt war. Danach müssen sie jährlich eine Externistenprüfung ablegen. Wenn die Eltern allerdings keine Möglichkeit dazu haben, biete ich in meinen Vorträgen und auch Videos Hilfestellungen für Eltern und Lehrer an. Damit die Kinder gemeinsam mit den Eltern oder Lehrern andere Lernmethoden anwenden können. Wichtig ist es, den Kindern die Angst zu nehmen, etwas nicht zu können. Als Gedächtnistrainer habe ich gemeinsam mit meinem Bruder viele Programme erarbeitet, wie dies möglich ist. Diese können kostenlos im Internet angesehen und heruntergeladen werden. Weiters kann man auf unserer Homepage Hilfestellungen finden, um selbst eine Lerngruppe zu gründen. Ich bin auch in vielen Schulen unterwegs: Am Vormittag bin ich für die Kinder da, am Nachmittag gebe ich den Lehrern Weiterbildung und am Abend mache ich Elterngespräche.

 

Wie sollte Schule im Idealfall sein?

Schule sollte ein lebendiges System sein, das wachsen kann und sich ständig hinterfragt. Kinder sollten nicht lernen müssen, welcher Feldherr 1776 in welcher Schlacht gefallen ist, sondern sie sollten fürs Leben lernen. Schule sollte kein System sein, das aufgebaut ist auf Erfolg und Misserfolg, auf Belohnen und Bestrafen. Wichtig ist, dass Kinder Eigenverantwortung lernen, indem sie frei denken, frei handeln und frei entscheiden können, denn Kinder, die dies können, können das auch als Erwachsene. Lernen soll ihr Interesse wecken und Spaß machen und die Lernbereitschaft der Kinder sollte erhalten bleiben. Und jedes Kind sollte in seinem eigenen Tempo lernen können.

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