19.12.2017 0 Kommentare

Stimme macht Stimmung

Sprechprofi Petra Falk und Kommunikationsexpertin Pamela Obermaier berichten in ihrem gemeinsam verfassten Buch, warum die Stimme mehr über uns verrät, als wir denken.

interview: doris schleifer-höderl

„In der Stimme spiegelt sich unser gesamter Gemütszustand, unsere Seele wider.“
Foto: Christian Rudolf

Bedeutet „gut gebrüllt“ tatsächlich schon gewonnen?

Pamela Obermaier (lacht): Ich würde sagen, es ist wirklich die halbe Miete!

Petra Falk: Wer gut brüllen kann, kann sich meist auch gut verkaufen. Im Grunde kommt es aber auch auf den Inhalt an. 

Pamela: Das Brüllen bringt natürlich nur was, wenn auch etwas dahinter steckt. Ansonsten ist alles nur Dampfplauderei. Viele vergessen einfach, wie wichtig die Stimme tatsächlich ist, um sich zu artikulieren und ein gutes Gesamtbild abzugeben.

Petra: Lange Zeit hat man hierzulande nur auf Rhetorik und Körpersprache gesetzt, aber nicht auf Stimmbildung. Schön langsam merke ich jedoch eine Bereitschaft, sich auch mit der eigenen Stimme und mit dem, was wir mit ihr ausdrücken, auseinanderzusetzen.

Was sagt die Stimme über uns aus?

Petra: In der Stimme spiegelt sich unser gesamter Gemütszustand, unsere Seele wider. Freude, Leid, Panik, Stress, Euphorie, Angst, Zufriedenheit, Selbstbewusstsein, Unsicherheit, Interesse, Desinteresse, Distanz oder Offenheit – die Stimme verrät uns und unser Leben völlig unbewusst, sie ist quasi der Spiegel unseres Selbst. Im Nationalratswahlkampf war das sehr interessant. Alle Spitzenkandidaten redeten – vor allem die letzten beiden Wochen vor dem Urnengang – sehr distanziert, wenig sonor und wirkten somit nicht ganz authentisch. Da hat sich die Anspannung einfach bemerkbar gemacht. 

Pamela: Unser Gehörsinn macht dasselbe wie unser Sehsinn. Er checkt in wenigen Momenten – in zehn bis zwölf Sekunden – ab, ob wir die betreffende Person aufgrund des Klangs ihrer Stimme sympathisch oder unsympathisch finden. In einem weiteren Schritt vergleichen wir, ob das Gesehene zum Gehörten passt, ob das deckungsgleich ist. Da kann es kritisch werden. Wenn vor uns ein optisch kompetent und selbstbewusst wirkender Mensch steht, der durch seine Stimme und Sprechweise Unsicherheit ausstrahlt, bekommt er bei uns automatisch ein Problem mit der Glaubwürdigkeit. 

Warum sprechen uns tiefe, sonore Stimmen mehr an als hohe, schrille?

Petra: Weil sie mehr Kompetenz und Sicherheit vermitteln. Wenn wir einen hohen, schrillen Ton hören, löst dies im Gehirn Alarm aus und wir begeben uns in Obacht. Italienische Forscher haben beobachtet, dass der Cortisolspiegel ihrer Probanden messbar anstieg, wenn in gehetzter Weise mit ihnen gesprochen wurde. Zudem wurde die Atmung flacher und der Puls höher – alles Anzeichen einer Stressreaktion. Wenn hingegen jemand übermäßig ruhig und langsam sprach, wurde der Puls der Zuhörer langsamer, der Blutdruck sank und sie entspannten sich. Stimme macht eben Stimmung! 

Gibt es einen feinen Unterschied zwischen „sprechen“ und „reden“?

Pamela: Beim Sprechen geht es darum, Wörter zu bilden, Sprachlaute zu produzieren. Sprechen bedeutet aber auch, eine bestimmte Sprache zu benutzen, eine Fremdsprache zu beherrschen, etwas vorzutragen, zu rezitieren. Wir sprechen, um uns auszudrücken, um etwas zu sagen. Reden hingegen meint, seine Gedanken in einer inhaltlich zusammenhängenden Rede zu äußern und Kontakt aufzunehmen. Beim Reden geht es zudem immer um eine soziale Handlung, nicht nur um den Akt des Sprechens an sich. Anders ausgedrückt: Zu sprechen ist etwas Formales, zu reden etwas Inhaltliches.

Viele erwecken heute den Eindruck, schneller zu sprechen als zu denken – ein Zug der Zeit?

Petra: Das kommt daher, weil der Zeitdruck immer größer wird. Man will so viel wie möglich in einen Satz hineinpacken. Es gibt jedoch eine Grundregel, die da lautet: Pro Satz nur eine Botschaft! Diese Regel sollten wir uns immer wieder vor Augen führen – gerade in unserer schnelllebigen Zeit. 

Und wo verschlägt es Ihnen die Sprache?

Petra: Das passiert uns berufsbedingt eher selten. Bei mir kann es aber vorkommen, wenn jemand besonders dreist ist und ich momentan richtig baff über dieses Fehlverhalten bin. 

Pamela: Mir verschlägt es die Sprache, wenn ich im Fernsehen Bilder über Naturkatastrophen oder Terroranschläge sehe. Das ist so furchtbar, da habe ich momentan überhaupt keine Worte dafür. Ansonsten haben wir beide aber unsere Stimmen bestens im Griff!

 

 

Die Niederösterreicherin Petra Falk (43) ist diplomierte Trainerin für Erwachsenenbildung sowie Sprech-, Stimm- und Kommunikationstrainerin mit eigener Agentur. Nach einer klassischen Radiojournalismus- und Sprechausbildung sammelte sie u.a. Erfahrung als Radio- und Fernsehsprecherin und arbeitet als Sprechtrainerin. Sie entwickelte dafür ihre eigene Trainingsmethode. 

Die in Niederösterreich wohnhafte Pamela Obermaier (40) aus Salzburg ist Kommunikations- und Sprachprofi und u.a. als Trainerin, Eventmoderatorin und Vortragende erfolgreich. Die ehemalige Radiomoderatorin ist Germanistin und hat eine Gesangsausbildung sowie eine Stimm-, Sprech- und Moderationsausbildung absolviert und gibt ihr Wissen über Sprache und Stimme in Rhetorik- sowie Moderationskursen weiter. 

web | textsicher.at, sprechtaining.at 

 

Rubrik:: Interviews

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