27.12.2021

Sucht und andere Belastungen

Lockdowns bedeuten einen deutlichen Anstieg des Alkoholkonsums ©Colourbox

[von michie könig]

Psychische Gesundheit. Wie wirkt sich Corona darauf aus?

 

Die Umstände, die seit dem Ausrufen der Pandemie weltweit herrschen, wirken sich auch im Mostviertel auf die seelische Gesundheit der Menschen aus. „Angststörungen und Depressionen sind mehr geworden“, informiert Karlheinz Christian Korbel, ärztlicher Direktor des Landesklinikums Mauer, im Rahmen einer Pressekonferenz. „Wir erwarten, dass wir noch stärkere Folgen sehen werden, wenn die Auswirkungen vom Verlust von Arbeitsplätzen, oder die Angst davor und damit verbundene finanzielle Sorgen stärker werden. Sozial schwache Personen oder bereits psychiatrisch Erkrankte sind stärker betroffen als andere. Auch alleinerziehende Frauen sind aufgrund ihrer Mehrfachbelastungen diesbezüglich eine Risikogruppe.

Verändertes Suchtverhalten

Die Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Virus SARS-CoV-2 haben sich aber nicht nur auf die Psyche, sondern auch auf den Konsum diverser Suchtmittel ausgewirkt. Während es einen deutlichen Anstieg des Alkoholkonsums gibt, ging besonders am Anfang des Lockdowns der Drogenkonsum stark zurück, vor allem bei Kokain und Ecstasy. Speziell jene Substanzen, die vorrangig bei Partys und in Clubs konsumiert werden, sind weniger eingenommen worden, so auch Crystal Meth. Dies wird nicht nur anhand von Befragungen festgestellt, sondern auch im Zuge von Abwasseranalysen zeichnete sich dieses Bild – in ganz Europa.

Aufgrund eines Heroinengpasses kommt es auch zu vermehrter Nachfrage nach Opioid-Substitutionstherapie. In der Drogenstation in Mauer haben zwischen 80 und 90 Prozent der Betroffenen in ihrer Sucht ein Opiat. Es stehen 30 Plätze zur Verfügung. Hier kam es vor allem deshalb zu Herausforderungen, weil trotz geschlossener Einrichtungen die Therapie aufrechterhalten werden sollte. In der Opioid-Substitutionstherapie ist das Medikament täglich einzunehmen, da es sonst zu sehr schweren Entzugserscheinungen kommt. Die Betroffenen müssen sehr viele Termine wahrnehmen. Dafür wurden gesetzliche Möglichkeiten geschaffen, die bereits mehrmals verlängert wurden.

Verschreibungspflichtige Beruhigungsmittel, Tranquilizer und angstlösende oder schlaffördernde Medikamente werden hingegen stärker nachgefragt. Bei Cannabis zeigt sich ein uneinheitliches Bild, denn es kam nicht zu Veränderungen im Konsum. Lediglich bei den Internetanfragen konnte festgestellt werden, dass häufiger nach Home-Growing-Ausstattung gesucht wurde als vor Corona. Vermutet wird, dass jene, die zuvor eher weniger bis kaum Cannabis konsumiert haben, ganz damit aufhörten und andere, regelmäßigere Konsumentinnen und Konsumenten wiederum es als Krisenbewältigungsstrategie mehr brauchten als früher.

Der Alkoholkonsum hat sich verlagert – in den privaten Bereich. Dadurch wurde das Vollbild der Sucht erst erkennbar. Als Folge dessen kam es auch zu Aufnahmen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Suchterkrankung ist familiär gehäuft und kann zu einer chronischen Problematik werden. Diese Menschen kommen immer wieder zur Therapie, oder sie sterben an ihrer Sucht.

 

Stationär oder ambulant

Gerade im Drogenbereich wird auch auch eine Langzeittherapie nach dem stationären Aufenthalt in Mauer vorbereitet. Da diese Programme während des Lockdowns nicht geöffnet waren, kam es auch zu platztechnischen Herausforderungen im Landesklinikum Mauer. Es gab auch einen Zeitraum, in dem Hilfsbedürftige Einrichtungen eher gemieden haben. Aus diesem Grund sind Interventionen nicht erfolgt. Auch dieser Anstieg zeigt sich aktuell als logische Konsequenz. Korbel empfiehlt, als erste Anlaufstelle Hausärzte oder den psychosozialen Dienst zu kontaktieren. Es sollte in jedem Fall Hilfe gesucht werden.

Um auf die gesteigerte Nachfrage adäquat reagieren zu können, wird derzeit in Mauer eine ambulante Tagesbetreuung eingerichtet. In diesem Modell leben die Leute zu Hause und kommen nur tagsüber zur Therapie ins Landesklinikum. Es entsteht eine arbeitsähnliche Situation. Die Behandlung ist im Grunde ident mit dem stationären Aufenthalt, nur schlafen die Leute nicht in der Klinik.

Für Aufnahmen wird zwischen akut und nicht akut unterschieden. Auf der akuten Psychiatrie bleiben die Menschen nicht lange, dort herrscht in der Regel viel Betrieb. Aufnahmen können jedoch auch geplant erfolgen. Die forensische Psychiatrie in Mauer ist eine der größten in ganz Österreich – und sie ist gänzlich ausgelastet. Auf der Alkoholstation sowie auf der Drogenstation gibt es teils lange Wartelisten.

Karlheinz Christian Korbel, ärztlicher Direktor des Landesklinikums Mauer, sprach über die Auswirkungen der Pandemie auf die psychische Gesundheit

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