11.01.2022

Über die Unbelehrbaren

Wir befinden uns in einem in höchstem Maße politisierten Erkrankungsgeschehen. ©colourbox

[von tom schreibe]

Psychologie. Bei psychologischen Experimenten werden jene Probanden, die sich Autoritäten widersetzen, zumeist positiv bewertet. Wie wird das außerhalb des Labors gesehen?

 

Es waren lediglich vier Sätze. Vier nüchtern und bestimmt ausgesprochene, simple Anweisungen, geäußert von einer Autoritätsperson, die ganz normale Bürger dazu verführten, einem unschuldigen Menschen Stromstöße in lebensbedrohlicher Stärke zuzufügen. Familienväter, Studenten, Frauen wie Männer, Schwarze und Weiße, Personen unabhängig von ihrem Bildungsstand und Sozialstatus. Per Zeitungsannonce ausgesuchte, unbescholtene Bürger, Menschen wie du und ich, verrieten innerhalb weniger Minuten ihre Ideale und Weltbilder, um zu gehorchen und nur ja nicht mit einer Respektsperson in Konflikt zu geraten.

 

Das Milgram-Experiment

Die Rahmenbedingungen waren simpel. Zwei Schauspieler, von denen einer den Versuchsleiter und somit eine Autorität mimte, und der andere einen „Schüler“. Die dritte Person – der ahnungslose Versuchsteilnehmer – übernahm die Rolle des „Lehrers“.

„Wir wollen untersuchen, wie Bestrafungen und Lernverhalten zusammenhängen“, erklärte der Versuchsleiter und dass er, der Lehrer, jeden Fehler des Schülers mit einem Stromschlag ahnden müsse. Alles begann harmlos. Der Schüler wiederholte die Wortgruppen korrekt, nur hin und wieder passierte ein Fehler. Die verabreichten Stromstöße, erst 15 Volt und dann 30 Volt, waren lächerlich, bloß ein leichtes Kitzeln. Doch die Fehler häuften sich. „Nein, bitte nicht!“, schreit der Schüler bei 105 Volt, „ich will nicht mehr!“

„Das Experiment fordert, dass sie weitermachen!“, lautete die Aufforderung vom Versuchsleiter. Und fast alle setzten fort. Ab 300 Volt verstummte der Gequälte. Kein Jammern mehr. Kein Flehen. Nur noch Stille. „Es ist absolut notwendig, dass Sie weitermachen!“ Und: „Sie haben keine Wahl, Sie müssen weitermachen!“, stellte der Versuchsleiter klar. Und man will es nicht glauben, aber einige hörten selbst da noch nicht auf, der Autoritätsperson zu gehorchen, verpassten dem bereits verstummten und mutmaßlich bereits toten Körper weitere Stromstöße.

Das Milgram-Projekt war ein teuflisches Experiment. Ein weltbekanntes, viel kritisiertes. Eines, das das Phänomen von Autorität und Gehorsam untersuchte und dessen Ausgang niemand voraussah. 65 Prozent der Menschen folgten der Autoritätsperson bis zum bitteren Ende. Lediglich 35 Prozent widersetzten sich und waren bereit, „Nein“ zu sagen. Das Experiment wurde weltweit zigmal wiederholt, mit dem immer gleichen Ergebnis: 62 bis 65 Prozent von uns befolgen Anweisungen von Autoritätspersonen bis zu dem Punkt, an dem wir andere Personen töten würden.

 

Verhaltensforschung

In den 1960er Jahren untersuchten die amerikanischen Psychologen John Darley und Bob Latane das Verhalten einzelner Personen in prekären Gruppensituationen. Anders als bei Milgram untersuchte man bei diesem Experiment nicht den Gehorsam gegenüber einer einzelnen Person, sondern inwieweit in einer Gruppensituation das Verhalten anderer das eigene Verhalten beeinflusst. Ausgangspunkt für diese Fragestellungen war ein bestialisches Verbrechen, das 1964 in New York passiert war, der Mord an der 28-jährigen Catherine Genovese. Und deren anschließende Schändung. Zumindest 38 Menschen waren Zeugen des Vorfalls. 35 Minuten dauerte das Verbrechen, aber niemand half der wehrlosen Frau. Niemand rief die Polizei. Man fragt sich, wie so etwas möglich ist? Was zur Hölle war da los mit diesen Menschen?

Um Antworten zu finden, führten Darley und Latane eine Reihe von Experimenten durch. Eines davon war dieses: Drei Menschen wurde aufgetragen, in einem engen Raum Fragebögen auszufüllen. Zwei der drei Teilnehmer waren in das Experiment involviert. Nach einigen Minuten strömte echt erscheinender Rauch in den Raum. Zuerst nur wenig, bald aber mehr und mehr. Für jedermann musste ersichtlich sein, dass hier etwas nicht stimmt. Wie vereinbart, taten die beiden involvierten Personen so, als ob alles in bester Ordnung wäre. Fragen zur Rauchentwicklung beantworteten sie mit gleichmütigem Schulterzucken. Nun, wie reagierten die Probanden? Schlugen sie Alarm? Flüchteten sie vor der möglichen Gefahr? – Die meisten machten nichts und füllten den Fragebogen weiter aus, bis der Versuchsleiter das Experiment abbrach. Nach einer Reihe ähnlicher Experimente kamen die beiden Psychologen zu dem Schluss, dass nur eine Minderheit bereit war, zu handeln. Rund 30 Prozent übernahmen Verantwortung, ähnlich wie beim Milgram-Projekt.

 

Change the game

Österreich 2021. Das Corona-Virus SARS-CoV-2 hat das Land nach wie vor fest im Griff. Gerade schwappt die vierte Welle übers Land. Seit Monaten wird die Bevölkerung professionell aufgeklärt. Stündlich informieren Medien von aktuellen Infektionszahlen, Intensivbettenbelegungen und Todesfällen. Und von der Notwendigkeit der Impfung. Die breite Front der Experten nahezu aller wissenschaftlicher Disziplinen gibt sich überzeugt davon, dass diese Vakzination der Schritt zurück in die Normalität für uns bedeutet. Kurz sprach vom „Game-Changer“. Hunderte Millionen Euro werden in Aufklärungskampagnen gesteckt. Mit allen erdenklichen Methoden, offen wie auch unterschwellig, wird permanent daran gearbeitet, die Menschen zum Richtigen zu bewegen. Gewinnspiele für Impfbereite finden statt. Geimpfte werden öffentlich mit positiven Attributen wie solidarisch, verantwortungsbewusst und sozial überschüttet, Skeptiker dagegen für unverantwortlich, asozial und egoistisch erklärt. Es heißt, dass Ungeimpfte Quellen neuer Virusmutationen sein könnten. Die „Gefährder“ müssen mehr und mehr Einschränkungen und Repressalien in Kauf nehmen.

Die gesamte Klaviatur der Kommunikations- und Beeinflussungsmöglichkeit wird seit Monaten rauf- und runtergespielt. Offene, seriöse Aufklärungen gehen Hand in Hand mit Zuckerbrot, Peitsche und unterschwelliger Meinungsmache. Und wie viele folgen den Aufrufen? Wie viele ließen sich bisher impfen? Enttäuschende 65 Prozent. Der Rest der Bevölkerung verweigert.

Beim Milgram-Projekt wehrten sich rund 35 Prozent gegen die Anweisungen einer Autoritätsperson, einem anderen Menschen Schmerzen zuzufügen. Etwa der gleiche Prozentsatz übernahm bei verschiedensten Experimenten der Sozialpsychologen Darley und Latane für sich selbst und andere Verantwortung und widersetzte sich einer fehlgeleiteten Mehrheit.

Die „Neinsager“ dieser Experimente wurden daraufhin unisono in den Himmel gehoben und als Vorbilder für die träge Allgemeinheit gepriesen. „Wie können wir ihren Anteil in der Gesellschaft erhöhen?“, fragten sich damals ernsthaft Psychologen, Soziologen und Pädagogen. Bestrebungen, die heute, im Zeitalter der Pandemie, wohl nur mehr die Wenigsten unterstützen würden.

 

Kommentare sind geschlossen.