10.11.2016 0 Kommentare

Unwort Allergene: Eine Unverträglichkeit ist noch keine Allergie

Foto: colourbox.de

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Unverträglichkeit, Intoleranz, Allergie – Schlagworte, welche uns immer wieder begegnen, überhaupt wenn wir ins Gasthaus essen gehen

von evelyne heisler

Eine Allergie ist eine übersteigerte Abwehrreaktion des Organismus auf körperfremde Stoffe, die so­ge­nannten Allergene. Dabei handelt es sich um eigentlich harmlose Substanzen. „Das Immunsystem erkennt einen Nahrungsbestandteil fälschlicherweise als gefährlich und versucht, diesen abzuwehren“, erklärt Diätologin Nicole Seitner. Die meisten Allergene sind pflanzliche oder tierische Eiweißverbindungen und werden vom Körper als „nicht eigen“ erkannt. Sie rufen nach wiederholtem Kontakt mit dem Immunsystem die Symptome einer Allergie hervor.
Allergene werden zum Beispiel über die Atmung aufgenommen – wie Pollen oder Tierhaare. Sie kommen aber auch als Kontakt-Allergene wie bei Nickel oder Duftstoffen vor. Durch Insektenstiche von Bienen oder Injektionen, die in den Körper gelangen, kann ebenfalls eine Allergie ausgelöst werden. Allergene sind auch in Nahrungsmitteln oder Arzneimitteln enthalten.

Den Körper schützen

Dieser Prozess der Abwehrreaktion hat durchaus einen Sinn, unser Immunsystem versucht dabei, uns zu schützen. Es schickt Warnsignale an unseren Körper und dieser beginnt, Antikörper zu bilden. Kommt man mit dem als gefährlich angesehenen Eiweißstoff nochmals in Berührung, bekämpft der Körper diesen mit den Antikörpern. Dabei vollzieht sich die Freisetzung von Stoffen, welche die Allergiesymptome auslösen. „Allergische Reaktionen können somit frühestens nach dem zweiten Kontakt mit dem Allergen auftreten. Oftmals liegen Jahre zwischen Sensibilisierung und dem Auftreten der ersten Symptome“, so Seitner.
Die Symptome einer Allergie sind nicht auf bestimmte Organe begrenzt und können unterschiedlich ausfallen. Sehr häufig reagieren Haut und Schleimhäute mit einer Rötung, Ausschlag, tränenden Augen oder Juckreiz. Der Hals-Rachenbereich (Niesen, Schnupfen), die Bronchien (Husten, Atemnot) sowie der Magen-Darm-Trakt können betroffen sein. Gefährlich ist es, wenn es zu einem anaphylaktischen Schock, einem lebensgefährlichen Kreis­laufzusammenbruch, kommt.

Säuglingsallergien verschwinden oft wieder

Die häufigsten Auslöser von allergischen Reaktionen auf Nahrungsmittel sind bei Kleinkindern Kuhmilch, Soja, Hühnerei, Weizen, Erdnüsse und Haselnüsse. In den meisten Fällen verschwindet die Allergie aufgrund der Reifung des Immunsystems und des Verdauungstraktes vor dem Schuleintritt wieder. „Bei Jugendlichen und Erwachsenen kommen Allergien auf Nüsse, Fisch, Krebs- und Weichtiere am häufigsten vor. Den Großteil mit drei Fünftel aber nehmen allergische Reaktionen auf rohe Obst- und Gemüsesorten in Kombination mit einer Kreuzallergie auf Pollen ein“, erklärt Seitner. Diese „Kreuzallergien“ bedeuten, dass es bei Pollenallergikern häufig auch zu Reaktionen auf bestimmte Nahrungsmittel kommen kann, da sich in Pollen und in Lebensmitteln gleiche Eiweißverbindungen finden. So kann ein Allergiker auf Birke-, Hasel- und Erle-Pollen auch allergisch auf den Verzehr von Haselnuss, Walnuss oder Äpfel reagieren.
Um eine Allergie oder Unverträglichkeit festzustellen, muss eine umfassende Untersuchung durchgeführt werden. „Die Diagnostik einer Allergie erfordert beinahe detektivischen Spürsinn. Sowohl Patient, als auch behandelnder Arzt brauchen Achtsamkeit sowie Fingerspitzengefühl. Man sollte sich hier unbedingt professionell betreuen lassen“, rät Seitner.

Heiß diskutierte Allergenkennzeichnung

Oftmals wird von einer Nahrungsmittelallergie gesprochen, wo sich eigentlich eine sogenannte Unverträglichkeit dahinter verbirgt. Bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit ist das Immunsystem nicht beteiligt. Der Organismus ist nicht in der Lage, bestimmte Nahrungsbestandteile zu verdauen bzw. über den Stoffwechsel zu verwerten. Die Symptome einer Unverträglichkeit sind denen einer Allergie sehr ähnlich. „Häufige Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind Laktoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit), Fruktosemalabsorption (Fruchtzuckerunverträglichkeit) und Histaminintoleranz. Bei den Unverträglichkeiten hat jeder Betroffene seine eigene Toleranzschwelle. Es gilt: Was vertragen wird, ist auch erlaubt“, meint Nicole Seitner.
Ein noch immer heiß diskutiertes Thema ist die Allergenkennzeichnung. Seit Dezember 2014 sind Lebensmittelunternehmer verpflichtet, Informationen über Stoffe oder Erzeugnisse, die Allergien oder Unverträglichkeiten auslösen können, anzugeben. Gekennzeichnet werden müssen 14 definierte Hauptallergene.
„Der Allergiker weiß ja eh, was er essen darf und was nicht! Diesen Satz höre ich oft. Und ja, es stimmt. In der Regel weiß der Allergiker das. Nur weiß er zum Beispiel oft nicht, wie der Wirt ums Eck seine Speisen würzt oder Saucen bindet. Reagiert ein Betroffener schon auf kleine Mengen Sellerie allergisch, ist es schon ausreichend, wenn im Gewürzsalz Sellerie enthalten ist. Und so enthält eine Speise schnell mal Allergene, die nicht offensichtlich sind. Es geht oftmals um Feinheiten, um Kleinigkeiten“, erklärt Seitner. Sie weist auch auf das Problem der Kreuzkontamination hin, also die Übertragung von Allergenen auf ein Produkt während des Produktionsprozesses.

Rubrik:: Panorama

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