14.03.2017 0 Kommentare

Vollzeitjob: Student

Hochschulen. Jeder stellt sich ein Studentenleben so vor: ein bisschen lernen, Kurse besuchen und jede Menge Freizeit. Welchen Herausforderungen sich Studierende stellen müssen und wie die Zustände auf den österreichischen Universitäten wirklich sind, verrät Magdalena Goldinger von der Österreichischen Hochschülerschaft im Gespräch mit dem momag.

interview: sandra zahnt

Foto: Universität Wien, derknopfdrücker

Foto: Universität Wien, derknopfdrücker

Warum studieren bei uns so viele Menschen aus den Nachbarländern?
Man darf das nicht nur so sehen, auch wir Österreicher gehen in andere Länder studieren. Es geht darum, dass Studierende ihre eigene Umgebung neu suchen. In Österreich haben wir viele anziehende Städte mit Universitätssystem und mit der Personenfreizügigkeit innerhalb der EU ist es einfach, an einem anderen Ort neu zu beginnen. Natürlich gibt es auch welche – auch aus Deutschland –, die wegen Zulassungsbeschränkungen (Numerus clausus) an ihren eigenen Unis kommen, aber das ist nicht die Masse. Viele kommen auch, weil sie Kollegen haben, die das schon gemacht haben. Außerdem informiert man sich anders als noch vor einigen Jahren.

Nehmen Studenten aus anderen Ländern – vor allem im medizinischen Bereich – den Österreichern die Plätze weg?
Nein, es ist ganz klar festgelegt, wie viele Plätze für Menschen mit österreichischer Matura und wie viele für jene mit Abschlüssen aus anderen EU-Staaten bzw. aus Drittstaaten zur Verfügung stehen. Es gibt auch viele Österreicher, die lieber in Deutschland Medizin studieren.

Langzeitstudenten sind in den Augen vieler schlecht für die Wirtschaft. Wie gravierend ist das wirklich?
Die klassischen Langzeitstudenten, wie sie noch in den Köpfen verankert sind, gibt es kaum noch. Der Grund für längere Studienzeiten ist hauptsächlich berufliche Tätigkeit, um sich das Studium zu finanzieren. Die Universität setzt aber voraus, dass man Vollzeit studiert, also 40 Stunden die Woche. Statistiken zeigen, dass der Großteil der Studierenden nebenbei arbeitet und das nicht nur in den Ferien, und das bis zu 30, 40 Wochenstunden. Oft gibt es pro Semester für ein Fach nur einen Kurs, der sich zeitlich aber mit der Berufstätigkeit nicht ausgeht. Das bedingt natürlich eine Studienzeitverzögerung, aber der Student arbeitet genauso und bringt sich in das System ein.

Gibt es weitere Gründe, warum viele in der vorgegeben Zeit nicht fertig werden?
Mehrere, einer ist oft die Studienorganisation. Man kommt in einen Kurs nicht hinein, weil kein Platz zur Verfügung steht. Auch die Voraussetzungsketten können ein Problem darstellen. Bin ich zum Beispiel durch einen Kurs durchgefallen, kann ich den nächsten nicht machen, weil der erste dafür Voraussetzung ist. Dieser wird aber nur einmal im Jahr angeboten.
Zu wenige Labor- und Kurs­plätze für die Anzahl der Studierenden ist auch eine große Problematik an den Universitäten. Dass wirklich alle, die ein Studium begonnen haben, auch ins Labor hineinkommen, funktioniert nicht, weil nicht genügend Mittel zu Verfügung gestellt werden. Hier sieht man, wie in Österreich mit der Hochschulfinanzierung umgegangen wird. Die Ausstattung ist nicht immer so vorhanden, wie sie die Studenten brauchen, weil das Budget nicht entsprechend der Menge der Studierenden erhöht wird, worunter diese natürlich leiden, weil sie länger mit dem Studium brauchen. Die Universitäten sollten die budgetären Mittel zur Verfügung gestellt bekommen, damit einfach Lehre und auch Forschung gut gesichert sind.

Befindet sich das österreichische Bildungssystem in der Steinzeit?
An den Unis hat man sehr oft das Problem, dass Vortragende zwar das Fachwissen haben, aber keine didaktische Ausbildung, weshalb viele Lehrende langweilig vorne sitzen und eins zu eins das Skriptum vorlesen. Universitäten sind hier nicht schlechter oder besser als das allgemeine Bildungssystem oder allgemeine Schulen. Ausbildung heißt auch lernen, sich auseinandersetzen mit den Studierenden und nicht nur fachliches Wissen weitergeben. Das ist aber halt immer auch von den Einzelpersonen abhängig.
In der politischen Diskussion werden Studienplatzfinanzierung und noch mehr Aufnahmetests verlangt. Das ist nicht unser Bild von einer Universität, einem freien Hochschulzugang. Studierende sollten das studieren können, was sie möchten, sollten eine freie Auswahl haben und bereits davor gute Information und Orientierung erhalten, auch schon in der Schule. Das derzeitige System wird immer verschulter, mit ganz viel Anwesenheitsplicht.

Würden bei einer Abschaffung der Studiengebühren noch mehr Menschen studieren?
Wir leben in einer Zeit, in der alles in Richtung Akademisierung geht. Viele Berufe, die früher nicht mit einem akademischen Grad abgeschlossen werden mussten, werden auf Hochschulen verlegt, wie zum Beispiel Gesundheitsberufe. Ich glaube nicht, dass Studiengebühren abschrecken, das ist einfach eine Haltung, die man momentan hat. Die Frage, der man sich eher stellen müsste, ist: „Gehen wir in die richtige Richtung, wenn wir alles akademisieren? Brauchen wir nicht überhaupt eine andere Haltung in Gesellschaft und Schule und gegenüber Fähigkeiten von jungen Menschen? – Anstatt zu sagen, studieren und akademisieren ist das Oberste der Gesellschaft?“ Aber eines hat man jedenfalls gesehen: Studiengebühren sind hier kein Steuerungsmittel.

info | Österr. Hochschülerschaft
01 3108880-0, oeh@oeh.ac.at
oeh.ac.at

Rubrik:: Kultur, Panorama

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