11.09.2018 0 Kommentare

Was wir heute Hitzewelle nennen, werden wir bald einfach “Sommer” nennen

Renommierter Gernot Wagner am 18. September als Refererent des Katholischen Bildungswerkes Amstetten Herz Jesu zu Gast. Er ist ein “Sohn” der Pfarre.

Foto: Lukas Ilgner

Als gebürtiger Amstettner: beeinflusst Ihre Herkunft Ihr Denken und Ihre wissenschaftliche Arbeit puncto Klima?
 
Ich kann mich noch gut an meine Zeit am BG Amstetten erinnern, wo ich mich auch bereits mit dem Thema Umwelt und Klima befasst habe — von den Waldjugendspielen bis zur einschlägigen Fachbereichsarbeit als Teil der Matura.

Der Klimawandel scheint in den Köpfen der Menschen nach der Hitzewelle und den vielen Medienberichten angekommen sein. Auf was müssen wir uns in Zukunft einstellen?

Heute nennen wir es Hitzewelle. In ein paar Jahrzehnten werden wir es einfach “Sommer” nennen.

Sie sprechen davon, dass nur „radikale wirtschaftspolitische Maßnahmen“ den Klimawandel stoppen können: auf welche Maßnahmen müssen wir uns einstellen?

“Radikal” liegt im Auge des Betrachters. Um tatsächlich weiteren Klimawandel Einhalt zu gewähren müsste die Weltwirtschaft dekarbonisiert werden — also CO2-Emissionen in den nächsten Jahrzehnten praktisch auf Null gesetzt werden. Einerseits ist das tatsächlich radikal, andererseits sowohl notwendig als auch (noch) machbar.

Welche zumutbaren und kurzfristigen Maßnahmen fordern Sie von jedem Einzelnen von uns ein?

Das wirkliche Problem beim Klimawandel ist, dass es ein Problem ist das Systemdenken und einer Systemlösung bedarf. Das bedeutet die richtigen politischen Impulse setzen — ob auf städtlicher, auf Landes- oder auf internationaler Ebene. Einzelaktionen können einfach nicht genug sein — und vielleicht sogar einen Schritt nach Hinten darstellen. Ich bin selbst Vegetarier und habe keinen Führerschein. Wird das eine oder andere das Klima retten? Nein. Natürlich sollten wir alle moralisch handeln, aber da ist auch die Gefahr groß, dass das eigene, wenn auch noch so moralische Handeln vom eigentlichen Ziel ablenkt.

Hat die Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus im wissenschaftlichen und im politischen Bereich Nachhall gefunden oder ist diese schnell wieder verpufft ohne nachhaltig gewesen zu sein?

Die Laudato Si hat tatsächlich ein wichtiges Zeichen gesetzt. Die Tatsache, dass der Vatikan ganze wissenschaftliche Konferenzen zum Thema abgehalten hat stärkt sie nochmals. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Was sie noch viel mächtiger macht ist die Tatsache, dass mittlerweile aus den unterschiedlichsten Kreisen wichtige Stimmen lauter werden — vom Pabst zu 5-Sterne Generälen zu CEOs von Großunternehmen zu Hollywoodstars, viele setzen sich für mehr Handeln ein. Der Papst hat dabei natürlich einiges an moralischer Kraft.

Was fordern Sie konkret von Christinnen und Christen ein?

Das selbe wie von nicht-Christen: selbst moralisch zu handeln, und sich für systemische Veränderungen auf jeder Ebene einzusetzen.

Glauben Sie, dass die Bibel eine Handlungswanweisung sein könnte, dass wir die Schöpfung und die Natur schützen müssen? 

Natürlich. Das ist sie auch. Ohne zu politisch zu werden, es bedarf keines großen Gedankensprunges um von konservativ auf Konservierung und daher Schutz der Umwelt und des Klimas zu kommen. Selbst in einem Land wie den Vereinigten Staaten waren es bisher immer republikanische Präsidenten, die große Umweltschutzgesetze unterschrieben haben — allen voran Richard Nixon in the 1970er Jahren.

Die Menschheit hat in den letzten Jahrzehnten so viel geschafft und erfunden. Wir hielten es für unmöglich auf den Mond zu fliegen; Kommunikationsmittel wie Handy und Internet haben uns alle verändert; die Lebenserwartung hat sich massiv erhöht. Können Kraftanstrengungen der Menschheit in der Forschung ua. nicht wieder alles gut machen?

Es bedarf tatsächlich neuer Technologien, aber das nimmt die Politik nicht aus der Verantwortung. Neue Technologien sind gut, aber sie alleine bedeuten selbst auch oft mehr Emissionen. Elon Musk baut einerseits die weltweit größte Batteriefabrik, was erneuerbare Energie leichter macht. Andererseits arbeitet er auch an immer billigeren Methoden ins All zu fliegen. Das ist selbst natürlich auch gut. Mehr Möglichkeiten, breitere Horizonte. Allerdings werden wir es auch bald erleben, dass es bei der Hochzeitsreise nicht mehr “nur” nach Bali sondern ins Weltall geht.

Gibt es noch Grund zur Hoffnung oder gehören künftig Wetterkastrophen zum Alltag?
 
Sowohl als auch. Für Pessimissmus ist es zu spät.


Internationaler Top-Experte aus Amstetten Gernot Wagner: „Klimawandel geht uns alle an“

Der renommierte Klimaexperte Gernot Wagner hält am Dienstag, 18. September 2018, 19 Uhr, in der Salesianer-Pfarre Amstetten Herz Jesu einen Vortrag über „Klimawandel geht uns alle an“.

Wagner ist ein Sohn der Pfarre/Stadt Amstetten. Er lehrt und forscht jetzt an der berühmten Harvard University in den USA.

Er ist unter anderem Mitautor des besten Wirtschaftsbuches 2015 (Financial Times): „Klimaschock: Die extremen wirtschaftlichen Konsequenzen des Klimawandels“. Wagner befasste sich zuletzt mit Geoengineering, also, dem bewussten Eingriff in die Naturabläufe. Zur Veranstaltung lädt das Katholische Bildungswerk der Pfarre Herz Jesu Amstetten ein.

Eintritt: € 8,- (Lehrlinge,Schüler und Studenten gratis)
Infos: Pfarre 07472 / 621 45

momag-bericht | https://www.momag.at/epaper/momag345/#12

Rubrik:: Aktuelle Themen

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